Willfährigkeit   Die bereitwillige Dirne, die uns, nach tausend zotigen Reden, intimen Berichten und Späßen auf ihrer Wade die violette Narbe eines Messerstiches zeigte: mit dieser Frau bin ich nicht »raufgestiegen«, aber ich denke oft an sie, wenn ich in den »Vermischten Nachrichten« die Meldungen von Schlägereien lese oder von Frauen, die in Stücke geschnitten wurden.  - (leiris3)

Willfährigkeit (2)  Es besteht kein Zweifel: die Literatur ist zynisch. Keine Lüsternheit, die man ihr nicht nachsagen könnte, kein niedriges Gefühl, kein Haß, keine Ranküne, kein Sadismus, der sie nicht erfreute, keine Tragödie, die sie nicht in eisige Erregung versetzte und die behutsame, tückische Intelligenz reizte, die sie beherrscht. Und man sehe doch, wie verschämt, mit welch scharfsinnigem Sarkasmus sie dagegen die bloße Andeutung alles Ehrbaren behandelt.

Uralt ist der Zorn der Biedermänner auf die Literatur. Seit Jahrhunderten beschuldigt man sie des Betrugs, der Korruption, der Gotteslästerung. Oder nennt sie nutzlos und verderblich. Entheiligend und pervers wie sie ist, verführt und stiftet sie Verwirrung. Numinos und wankelmütig, zögert sie nicht, sich zum Schmuck ihrer Fabeln der Götter zu bedienen. Aber dank jener köstlichen Ironie, die ihr Schicksal ausmacht, vermag nur sie allein die Größe und den Ruhm jenes Gottes zu feiern, den sie zur literarischen Figur, zur Hypothese, zur Hyperbel entwürdigt und geadelt hat. Der furchtbare Blitzeschfeuderer, einmal eingesponnen in das feine Netz der Rhetorik,, hört vollkommen auf zu existieren; er verwandelt sich in Erfindung, in Spiel, in Lüge.

Verdorben wie sie ist, versteht sie, Frömmigkeit zu heucheln; von prunkender Ungestalt, besteht sie auf der sadistischen Strenge der Syntax; in ihrer Irrealität bereitet sie uns betörende und unversehr-bare Epiphanien der Täuschung. Bar jeglichen Gefühls, benutzt sie alle Gefühle. Ihre Überzeugungskraft entsteht aus dem gänzlichen Mangel an Aufrichtigkeit. Erst wenn sie ihre eigene Seele fortwirft, findet sie ihr eigenes Schicksal.

Jedermann darf sich ihr nähern; niemand wird sich unbeschadet von ihr entfernen; schlimmer noch: niemand ist gegen sie gefeit. Kein noch so verwilderter Eremit, der nicht vom Literaturbazillus angekränkelt wäre. »Ciceronianus sum.« Daher die uralte Liebe und der uralte Haß gegen dieses wundervolle und unflätige Etwas, dieses grausame und gefügige Tier, diesen schonungslosen Allesfresser.

Manch einer, unter den immerhin nicht wenigen großen Schriftstellern, hat sich Gedanken gemacht, ob man die Literatur nicht ganz abschaffen sollte. Welch entzückendes Zerwürfnis mit den eigenen Eingeweiden. Andere, Liberale und Humanisten, wollten und wollen sie erziehen. Immer wieder träumt einer von einem Unantastbaren Leitfaden, in dem grundgelehrte Edelleute mit näselnder Stimme die Literatur zu edlen Missionen erziehen. Oder ein anderer entdeckt mit forensischem Eifer und kasuistischer Spitzfindigkeit, daß die Literatur doch im Grunde schon immer mit den besten Bestimmungen der Menschen zusammengearbeitet habe, daß sie aufklärend und willfährig sei. Man kratzt an ihrer Metaphernhaut, bis der Geist der Zeiten und eine ekle, weißliche Flüssigkeit, die »Weltanschauung« hervorquillt. Sie aber, die Kurtisane aus Berufung, weigert sich, eine tugendhafte Gattin, eine ehrbare, brave Gefährtin zu werden; vergeblich lauert man darauf, daß sie sich zur Erzieherin unverdorbener, heterosexueller Söhne mausert. Eher wird sie sich von der Kurtisane zur Hafendirne, zur Fernfahrerhure wandeln. Uns Sterblichen hält sie ihre Vorliebe für den Tod entgegen, diese unersetzliche, rhetorische Figur.

Es ist ein unerhörter Skandal. Aus diesem Grunde ist es so schwer, aus ganzem Herzen »sui sectatores« zu sein. Die Welt lockt uns, sie wünscht, uns als Gentlemen zu sehen. Wir könnten die Literatur als ein adúnaton, als etwas Unmögliches bezeichnen, und sie somit als Ganzes in eine rhetorische Figur verwandeln. Sie verhält sich dem Menschen gegenüber gleichgültig. Sie tritt nur insofern in Beziehung zu ihm, als er aufhört, human zu sein. Von dem Augenblick an, da es ihr gelingt - und sei es implizit - ihn zu überreden, daß Leiden, Ungerechtigkeit und Grauen weiter nichts sind, als gradus ad parnassum, Erfindungen zur Schaffung einer nicht mehr perfektionierbaren Syntax, von diesem Augenblick an besitzt sie ihn, verführt ihn zur unsühnbaren Sünde, macht ihn zum Ehebrecher, zum Mörder und Lügner - und er ist glücklich darüber. Sie krönt ihn zum Deserteur.  - Giorgio Manganelli, Literatur als Lüge. Nach (man)

 

Wille

 

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Unterwürfigkeit
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