iedererkennen  Ohne die geringste Warnung schwoll eine blaue Meereswelle unter meinem Herzen, und auf einer Binsenmatte in einem Sonnenteich kniete halbnackt meine Rivieraliebe, drehte sich auf den Knien zu mir her und sah mich über dunkle Brillengläser forschend an.

Es war das gleiche Kind - die gleichen zerbrechlichen, honigfarbenen Schultern, der gleiche seidige, geschmeidige nackte Rücken, der gleiche kastanienbraune Haarschopf. Ein gepunktetes schwarzes Tuch, um ihren Oberkörper geknotet, verbarg meinen alternden Gorillaaugen, nicht aber den Blicken junger Erinnerung die jugendlichen Brüste, die ich eines unsterblichen Tages liebkost hatte. Und als wäre ich die Märchenamme einer kleinen Prinzessin (verlaufen, geraubt, wiedergefunden, in Zigeunerlumpen, durch die ihre Nacktheit den König und seine Meute anlächelt), erkannte ich das winzige dunkelbraune Muttermal an ihrer Seite. Mit Ehrfurcht und Entzücken (der König weint vor Freude, es blasen die Trompeten, die Amme ist betrunken) erblickte ich wieder ihren holden eingezogenen Bauch, wo einst mein südwärts segelnder Mund kurz verweilte, und die knabenhaften Hüften, an denen ich den gezackten Abdruck küßte, den das Gummiband ihrer Shorts hinterlassen hatte - an jenem letzten, unvergeßlichen Tag hinter den «Roches Roses». Die fünfundzwanzig Jahre, die ich seitdem durchlebt hatte, liefen in einer zitternden Spitze zusammen und entschwanden.

Es bereitet mir die größte Schwierigkeit, dies Aufleuchten, dies Erschauern, diesen Schock leidenschaftlichen Wiedererkennens mit angemessener Kraft zu schildern. In dem flüchtigen, sonnendurchschossenen Moment, als mein Blick über das kniende Kind glitt (ihre Augen blinzelten über die strengen schwarzen Brillengläser hinweg - der kleine Onkel Doktor, der mich von all meinen Schmerzen heilen sollte), während ich in meiner Verkleidung als Erwachsener (ein männliches Prachtexemplar aus dem Filmland) an ihr vorüberging, gelang es dem Vakuum meiner Seele, jede Einzelheit ihrer frischen strahlenden Schönheit in sich aufzusaugen und an den Zügen meiner toten Braut zu messen. Etwas später natürlich hatte sie, diese nouvelle, diese Lolita, meine Lolita, ihr Urbild völlig verdunkelt.  - (lo)

Wiedererkennen (2) Da saß der Maler Knöller, sagte, daß er immer wieder eine Neue gebraucht habe. Einmal kaufte er sich Aquarellpapier und sah im Laden eine tolle Frau. Also schrieb er »Ich erwarte Sie draußen« auf einen Zettel, schob ihr den Zettel in die Handtasche und wartete auf sie vor der Tür. Sie kam heraus, grinste breit und sagte: »Du bist doch immer noch der alte.« Eine liebe Bekannte aus früheren Tagen also, die er vergessen und an deren Gesicht er sich nicht mehr erinnert hatte. Später fiel sie ihm dann wieder ein, allerdings erst, als er ihren Leberflecken in der Leistenbeuge wiedersah.  - Hermann Lenz, Ein Fremdling. Frankfurt am Main 1988 (st 1491, zuerst 1983)

Wiedererkennen (3)    Die menschenähnlichen Züge eines Affen offenbaren, im Gegensatz zu dem, was meistens angenommen wird, den Abstand, der zwischen ihnen und uns besteht. Der absolute Mangel an Ähnlichkeit der Axolotl mit menschlichen Wesen bewies mir, daß mein Wiedererkennen triftig war, daß ich mich nicht auf billige Entsprechungen stützte. Einzig die Händchen... Aber eine kleine Eidechse hat auch solche Hände, und sie ähnelt uns in nichts. Ich glaube, es war der  Kopf des Axolotl, diese dreieckige, rosafarbene Form mit den Äuglein aus Gold. Das sah und wußte. Heischte etwas. Sie waren keine Tiere.  - Julio Cortázar, Axolotl. Aus: J. C., Die Nacht auf dem Rücken. Die Erzählungen Bd. 1. Frankfurt am Main 1998

Wiedererkennen (4) Martin Guerre stammte aus einer Familie des nordspanischen Landstrichs Biskaya, die sich etwas über den Bauernstand erhob.

Im Januar 1539 heiratete er elfjährig Bertrande von Rols aus Artigues im Sprengel Rieux, ein etwa gleichaltriges Mädchen, das mit den Reizen einer seltenen Schönheit den Vorzug eines Verhaltens verband, das sie über alle Angriffe der Verleumdung erhob. . Acht oder neun Jahre lang wurde die Ehe dieses fast noch im Kindesalter stehenden Paares nicht vollzogen. Alle Verwandten glaubten schon, wie es damals Mode war, es sei Zauberei im Spiele. Die Familie der Frau wünschte die Ehe wieder zu trennen; doch die Frau, die ihren Mann sehr zärtlich liebte, war durchaus nicht dazu zu bewegen. Da sie diesen Plan nicht durchsetzen konnten, wandten sie wenigstens alle erdenklichen Mittel an, um die Verzauberung zu beheben. Die jungen Eheleute mußten geweihte Kuchen und Hostien essen, und man ließ vier Messen von vier verschiedenen Priestern für sie lesen.

Die Natur übernahm endlich selbst die Entzauberung, als das reifere Alter eintrat. Um ihr zwanzigstes Jahr herum machten die beiden Eheleute mit zwei ihrer Bekannten, einem Bruder und einer Schwester, eine Reise. Unterwegs mußten alle vier in einem Zimmer schlafen, wo nicht mehr als zwei Betten waren. Das eine davon nahmen die beiden Frauen ein, in dem andern schliefen die Männer. In der Nacht schlich sich Martin Guerre von der Seite seines Freundes zu seiner Frau, und — von dem Augenblick an wurde er Vater eines Sohnes, den er bei seiner Geburt Sanxi nennen ließ.

Nicht lange nach der Geburt dieses Knaben erdreistete sich Guerre, seinem Vater etwas Getreide zu stehlen, und wurde entdeckt. Er fürchtete den Zorn seines Vaters und ergriff die Flucht, um dessen Folgen zu entgehen. Volle acht Jahre lang hörte man nicht das geringste von ihm. Inzwischen starb sein Vater, und ein Bruder des Vaters, namens Pierre Guerre, übernahm für den Abwesenden die Verwaltung des ihm zugefallenen väterlichen Erbteils.

Nach acht Jahren erschien auf einmal ein Mann, der nicht nur den Namen, sondern auch völlig das Aussehen des Geflohenen hatte. Bertrande von Rols, die sich während der langen Zeit ihrer Witwenschaft einen unbescholtnen Ruf erhalten hatte, erkannte ihn sogleich als ihren Mann und räumte ihm ohne Bedenken Wohnung, Tisch und Bett wieder ein.

Vier Schwestern von Martin Guerre erkannten sämtlich diesen Ankömmling als ihren Bruder. Pierre Guerre nahm ihn als seinen Neffen auf. Mit einem Wort, die ganze Familie empfing ihn als ihren Verwandten, und es fiel niemandem unter ihnen ein, zu bezweifeln, daß er wirklich derjenige sei, für den er gehalten wurde.

Seine alten Freunde und seine ehemaligen Gespielen erkannten ihn wieder. Er erinnerte sie an allerlei Umstände ihres Lebens; er spielte in seinen Gesprächen auf bekannte Geschichten an; kurz, er benahm sich unter ihnen mit der Unbefangenheit und Vertraulichkeit, die sich nur im Umgange der engsten Freundschaft findet.

So lebte er einige Jahre mit größter Sicherheit im Besitze seines Glücks. Zwei Kinder, von denen das eine bald nach der Geburt wieder starb, waren die Frucht dieser Verbindung.

Diese Ruhe wurde eines Tages für einige Zeit durch einen Soldaten aus Rochefort gestört, der bei seiner Durchreise in Artigues zufällig erzählte: Martin Guerre halte sich in Flandern auf und trage jetzt ein hölzernes Bein, weil er das eigene bei Saint-Laurent durch eine Kanonenkugel verloren habe.   - (pit)

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