iederanstückung  Will man einer bekanntermaßen zweifelhaften Quelle wie den  notariellen Akten Glauben schenken, so ereigneten sich die Dinge, von denen hier die Rede sein soll, in der Zeit zwischen Oktober 1636 und März 1640. In Aragón, in dem Dorf Castellón de la Plana, erlitt in den ersten Herbsttagen ein junger Mann namens Miguel Juan Pellicero einen schweren Unfall, so daß er nach Zaragoza gebracht werden mußte, wo man ihm mit den chirurgischen Mitteln, die damals zu Gebote standen, das rechte Bein amputierte. Wieder genesen, kehrte er in das Haus seiner Eltern in Calanda zurück, zu jener Zeit ein Nest von zweihundertfünfzig Familien. Er begann wieder seiner Arbeit nachzugehen, wobei er den Beinstumpf mit einer einfachen Holzkrücke stützte. Was mit dem abgeschnittenen Bein geschah, darüber zerbrach sich niemand den Kopf. Zumindest nicht bis zur Nacht des 29. März 1640.

Es geht hier nicht um eine so knifflige Frage wie die persönliche Identität, am Beispiel etwa der Wiederkehr des (falschen/wirklichen?) Martin Guerre, noch um Substitutionen romantischer Art unter Zwillingsgeschwistern vielleicht, die Miguel Juan Pellicero nicht hatte. Unser Interesse weckt, daß in jener Nacht Juan Miguels Bein wiederkehrte. Er war zu Bett gegangen wie immer in den vergangenen achtzehn Monaten, also ohne sein rechtes Bein. Was in der Stunde nach zehn Uhr nachts geschah, verzeichnet die notarielle Akte, die am 2. April 1640 in Calanda von Miguel Andru, öffentlich bestallter Notar aus Mazaleón, aufgesetzt wurde, wie folgt: ".... dergestalt, daß besagter Jüngling einschlief und daß ihm träumte, er sei in der Kapelle der Heiligen Jungfrau von Pilar, daß er daselbst aus einer Lampe in besagter Kapelle ein wenig Öl entnahm und sich mit besagtem Öl das Knie salbte, dort, wo ihm das Bein fehlte, und daß mit dem elften Glockenschlag jenes neunundzwanzigsten Tages des Monats März Maria Blasco, leibliche Mutter des besagten Jünglings Miguel Juan Pellicero, ihn mit beiden Beinen und den aus dem Laken hervorschauenden Füßen erblickte, und sie ging, um ihren Gatten Miguel Pellicero zu holen, Vater des besagten Jünglings, und zusammen gingen sie zu ihm, ihn aufzuwecken ..."

Drei Tage lang kamen die Leute von Calanda, sie kamen, sahen, berührten, wollten es nicht glauben, berührten nochmals und wollten es immer noch nicht glauben. Bis ein gewisser Mosén Marco Seguer beschloß, die Sache in die Hand zu nehmen. Er schickte nach dem Notar aus Mazaleon und versammelte die Bewohner im Haus Pellicero. ›Zeugnis‹ der früheren Verstümmelung war zunächst, laut den Akten, die unterschiedliche Farbe des wiedererlangten Beins im Vergleich mit der Farbe des restlichen Körpers. Es bot nämlich immer noch den Anblick eines bis vor kurzem leblosen Körperteils. ›Zeugnis‹ der Wiederanstückung, die es ihm erlaubte, seine vitalen Funktionen wiederzuerlangen, sich selbst als einen Teil des Körpers von Miguel Juan Pellicero zu bewegen, war die Narbe der Schnittstelle und zugleich auch der körperlichen Wiedervereinigung, eine immer noch rötlich angelaufene Einkerbung, wo durch Einwirkung der Jungfrau von Pilar die wunderbare chirurgische Nahtstelle entstanden war. - Carlos Rincón, Nachwort zu (bun)

Wiederanstückung (2) Es war einmal ein Hexenmeister, der nahm die Gestalt eines armen Mannes an, ging vor die Häuser und bettelte, und fing die schönen Mädchen. Kein Mensch wußte, wo er sie hinbrachte, denn sie kamen nie wieder zum Vorschein. Eines Tages erschien er vor der Türe eines Mannes, der drei schöne Töchter hatte, sah aus wie ein armer schwacher Bettler und trug eine Kotze auf dem Rücken, als wollte er milde Gaben darin sammeln. Er bat um ein bißchen Essen, und als die älteste herauskam und ihm ein Stück Brot reichen wollte, rührte er sie nur an, und sie mußte in seine Kotze springen. Darauf eilte er mit starken Schritten fort und trug sie in einen finstern Wald zu seinem Haus, das mitten darin stand. In dem Haus war alles prächtig: er gab ihr, was sie nur wünschte, und sprach 'mein Schatz, es wird dir wohl gefallen bei mir, du hast alles, was dein Herz begehrt.' Das dauerte ein paar Tage, da sagte er 'ich muß fortreisen und dich eine kurze Zeit allein lassen, da sind die Hausschlüssel, du kannst überall hingehen und alles betrachten, nur nicht in eine Stube, die dieser kleine Schlüssel da aufschließt, das verbiet ich dir bei Lebensstrafe.' Auch gab er ihr ein Ei und sprach 'das Ei verwahre mir sorgfältig und trag es lieber beständig bei dir, denn ginge es verloren, so würde ein großes Unglück daraus entstehen.' Sie nahm die Schlüssel und das Ei, und versprach, alles wohl auszurichten. Als er fort war, ging sie in dem Haus herum von unten bis oben und besah alles, die Stuben glänzten von Silber und Gold, und sie meinte, sie hätte nie so große Pracht gesehen. Endlich kam sie auch zu der verbotenen Tür, sie wollte vorübergehen, aber die Neugierde ließ ihr keine Ruhe. Sie besah den Schlüssel, er sah aus wie ein anderer, sie steckte ihn ein und drehte ein wenig, da sprang die Türe auf. Aber was erblickte sie, als sie hineintrat? ein großes blutiges Becken stand in der Mitte, und darin lagen tote zerhauene Menschen, daneben stand ein Holzblock, und ein blinkendes Beil lag darauf. Sie erschrak so sehr, daß das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte. Sie holte es wieder heraus und wischte das Blut ab, aber vergeblich, es kam den Augenblick wieder zum Vorschein; sie wischte und schabte, aber sie konnte es nicht herunterkriegen.

Nicht lange, so kam der Mann von der Reise zurück, und das erste, was er forderte, war der Schlüssel und das Ei. Sie reichte es ihm hin, aber sie zitterte dabei, und er sah gleich an den roten Flecken, daß sie in der Blutkammer gewesen war. 'Bist du gegen meinen Willen in die Kammer gegangen,' sprach er, 'so sollst du gegen deinen Willen wieder hinein. Dein Leben ist zu Ende.' Er warf sie nieder, schleifte sie an den Haaren hin, schlug ihr das Haupt auf dem Blocke ab und zerhackte sie, daß ihr Blut auf dem Boden dahinfloß. Dann warf er sie zu den übrigen ins Becken.

'Jetzt will ich mir die zweite holen,' sprach der Hexenmeister, ging wieder in Gestalt eines armen Mannes vor das Haus und bettelte. Da brachte ihm die zweite ein Stück Brot, er fing sie wie die erste durch bloßes Anrühren und trug sie fort. Es erging ihr nicht besser als ihrer Schwester, sie ließ sich von ihrer Neugierde verleiten, öffnete die Blutkammer und schaute hinein, und mußte es bei seiner Rückkehr mit dem Leben büßen. Er ging nun und holte die dritte, die aber war klug und listig. Als er ihr die Schlüssel und das Ei gegeben hatte und fortgereist war, verwahrte sie das Ei erst sorgfältig, dann besah sie das Haus und ging zuletzt in die verbotene Kammer. Ach, was erblickte sie! ihre beiden lieben Schwestern lagen da in dem Becken jämmerlich ermordet und zerhackt. Aber sie hub an und suchte die Glieder zusammen und legte sie zurecht, Kopf, Leib, Arme und Beine. Und als nichts mehr fehlte, da fingen die Glieder an, sich zu regen, und schlossen sich aneinander, und beide Mädchen öffneten die Augen und waren wieder lebendig. - Fitchers Vogel, nach (grim)

Wiederanstückung (3) Weil nun mein Litauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, daß der Feind so hübsch zum gegenseitigen Tore wieder hinausfloh, so hielt ich's für ratsam, auf dem Marktplatze anzuhalten und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an, aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter noch irgendeine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. Sprengen sie etwa durch andere Straßen? Oder was ist aus ihnen geworden? dachte ich. Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern sein und mußten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen atemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißdurste, der gar nicht zu löschen war. Allein das ging ganz natürlich zu; denn als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint ihr wohl, ihr Herren, was ich da erblickte? - Der ganze Hinterteil des armen Tieres, Kreuz und Lenden waren fort und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser ebenso wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne daß es dem Gaule zugute kam oder ihn erfrischte.

Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein völliges Rätsel, bis endlich mein Reitknecht von einer ganz entgegengesetzten Seite kam und, unter einem Strome von treuherzigen Glückwünschen und kräftigen Flüchen, mir folgendes zu vernehmen gab: Als ich pêle-mêle mit dem fliehenden Feinde hineingedrungen wäre, hätte man plötzlich das Schutzgatter fallen lassen, und dadurch wäre der Hinterteil meines Pferdes rein abgeschlagen worden. Erst hätte besagter Hinterteil unter den Feinden, die ganz blind und taub gegen das Tor angestürzt wären, durch beständiges Ausschlagen die fürchterlichste Verheerung angerichtet, und dann wäre er siegreich nach einer nahe gelegenen Weide hingewandert, wo ich ihn wahrscheinlich noch finden würde. Ich drehte sogleich um, und in einem unbegreiflich schnellen Galopp brachte mich die Hälfte meines Pferdes, die mir noch übrig war, nach der Weide hin. Zu meiner großen Freude fand ich hier die andere Hälfte gegenwärtig, und zu meiner noch größeren Verwunderung sah ich, daß sich dieselbe mit einer Beschäftigung amüsierte, die so gut gewählt war, daß bis jetzt noch kein maître de plaisir mit allem Scharfsinne imstande war, eine angemessenere Unterhaltung eines kopflosen Subjekts ausfindig zu machen. Mit einem Worte, der Hinterteil meines Wunderpferdes hatte in den wenigen Augenblicken schon sehr vertraute Bekanntschaft mit den Stuten gemacht, die auf der Weide umherliefen, und schien bei den Vergnügungen seines Harems alles ausgestandene Ungemach zu vergessen. Hierbei kam nun freilich der Kopf so wenig in Betracht, daß selbst die Fohlen, die dieser Erholung ihr Dasein zu danken hatten, unbrauchbare Mißgeburten waren, denen alles das fehlte, was bei ihrem Vater, als er sie zeugte, vermißt wurde.

Da ich so unwidersprechliche Beweise hatte, daß in beiden Hälften meines Pferdes Leben sei, so ließ ich sogleich unsern Kurschmied rufen. Dieser heftete, ohne sich lange zu besinnen, beide Teile mit jungen Lorbeersprößlingen, die gerade bei der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte glücklich zu, und es begab sich etwas, das nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. Nämlich die Sprossen schlugen Wurzeln in seinem Leibe, wuchsen empor und wölbten eine Laube über mir, so daß ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeern tun konnte.  - Gottfried August Bürger, Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. In: Erwin Wackermann (Hg.), Münchhausens wunderbare Reisen. Die phantastischen Geschichten des Lügenbarons und seiner Nachfolger. München 1968 (dtv 527, zuerst 1833)

Wiederanstückung (4) »Mama, ich gehe jetzt spazieren.«

»Geh nur, Giovanni, aber gib acht, wenn du über die Straße gehst.«

»Schon gut, Mama. Wiedersehen, Mama«.

»Du bist immer so zerstreut

»Ja, Mama. Wiedersehen, Mama.« Vergnügt geht Giovannino aus dem Haus, und auf dem ersten Stück Weg paßt er gut auf. Hin und wieder bleibt er stehen und faßt sich an.

»Ich bin doch noch ganz? Ja.« Dann lacht er vor sich hin.

Das Aufpassen macht ihm eine solche Freude, daß er zu hüpfen anfängt wie ein Spatz, aber dann bleibt er wie angewurzelt stehen und sieht sich die Schaufenster an und die Autos und die Wolken, und kein Wunder, daß nun das Unglück beginnt. Ein Herr weist ihn freundlich zurecht. »Du bist wirklich zerstreut. Sieh mal, du hast schon eine Hand verloren.« »Uh, tatsächlich! Ich bin wirklich zerstreut.«

Er sucht also seine Hand, doch da findet er eine leere Büchse. Ob sie wirklich leer ist? Mal nachsehen. Und was war überhaupt drin, ehe sie leer wurde? Sie wird doch nicht immer leer gewesen sein, von Anfang an... Giovanni vergißt, seine Hand zu suchen, und dann vergißt er auch die Büchse, denn er hat einen hinkenden Hund gesehen, und weil er den hinkenden Hund einholen will, bevor er um die Ecke verschwindet, verliert er einen ganzen Arm. Aber er merkt es nicht einmal und läuft weiter.

Eine gute Frau ruft ihm zu: »Giovanni, Giovanni, dein Arm!« Aber er hört sie nicht einmal. »Na, dann bring' ich den Arm eben seiner Mama«, sagt die gute Frau.

Und sie geht zu Giovannis Mama. »Sehen Sie, hier hab ich den Arm von Ihrem Giovanni.«

»Ach, der Junge ist so zerstreut. Ich weiß nicht mehr, was ich tun oder sagen soll.« »Na, das weiß man doch, so sind die Kinder alle.«

Nach einer Weile kommt wieder eine gute Frau.

»Sehen Sie, ich hab einen Fuß gefunden. Der wird doch nicht Ihrem Giovanni gehören?«

»Doch, doch, der gehört ihm, ich erkenne ihn an dem Loch im Schuh. Ach, was habe ich nur für einen zerstreuten Sohn. Ich weiß nicht mehr, was ich tun oder sagen soll.« »Na, das weiß man doch, so sind die Kinder alle.«

Wieder nach einer Weile kommt eine alte Frau, dann ein Bäckerjunge, dann ein Straßenbahnschaffner und sogar eine pensionierte Lehrerin, und jeder bringt ein Stückchen von Giovanni: ein Bein, ein Ohr und die Nase.

»Aber gibt es überhaupt einen zerstreuteren Jungen als meinen?«

»Aber, so sind doch die Kinder alle.« Zuletzt kommt Giovanni selbst auf einem Bein angehüpft, ohne Ohren und ohne Arme, aber so lustig wie immer, so lustig wie ein Spatz, und seine Mama schüttelt den Kopf, setzt ihn wieder zusammen und gibt ihm einen Kuß.

»Fehlt etwas, Mama? Ich hab's doch gut gemacht, Mama?«

»Ja, Giovanni, du hast es wirklich gut gemacht.« - Gianni Rodari, Das fabelhafte Telefon. Wahre Lügengeschichten. Berlin 1997 (Wagenbach Salto 65, zuerst 1962)

Wiederanstückung (5) Zu einem Opfermahl hatte Tantalos die Götter eingeladen. Er wagte ihnen etwas vorzusetzen, das zu einer viel größeren Sünde wurde als der Betrug des Prometheus, mit dem jener den großen Opferritus der Griechen gründete. Tantalos sündigte, indem er kein stellvertretendes Tier, sondern das Beste, was er zu geben hatte, seinen eigenen Sohn, den Göttern zur Mahlzeit bereitete und sie mit solcher Opferspeise erwartete. Er schlachtete den kleinen Pelops, zerstückelte ihn, ließ das Fleisch in einem Kessel kochen, und wollte, wie Spätere glaubten, die Allwissenheit seiner Gäste auf die Probe stellen. Die Götter wußten darum und hielten sich zurück. Die alten Erzähler fanden es schrecklich genug, wenn jemand solches Opfer im Ernst und nicht etwa nur wie im Spiel, durch die Darbringung eines Tieres, den Himmlischen zudachte. Rhea, die große Göttin, die auch die Glieder des Dionysoskindes zusammengelesen hatte, stellte die Stücke wieder zusammen und ließ den Knaben aus dem Kessel auferstehen, Hermes konnte ihn freilich auch ins Leben zurückgerufen haben oder Klotho, die Moira, die seinen Tod noch nicht beschlossen hatte.

Es war wie eine Wiedergeburt. Rein blieb der Kessel, vom Greuel nicht befleckt, und der Knabe erhob sich aus ihm schöner, als er gewesen: seine Schulter glänzte wie Elfenbein. Man erzählte, eine Gottheit hätte sein Fleisch doch gekostet, an der Stelle, die jetzt glänzte. Die meisten behaupteten, es wäre Demeter gewesen, geistesabwesend ob des Verlustes ihrer Tochter. Dies war zugleich eine Anspielung darauf, daß Demeter in ihrer Eigenschaft als Göttin der Erde ein Anrecht auf den Leib hatte. Daher besaß Pelops von da an eine elfenbeinerne Schulter.  - (kere)

Wiederanstückung (6) Im Nildelta steht ein Turm, der von Krokodilen umgeben ist. Dort wohnt der Räuber Orrilo. Er hat die Besonderheit, daß er nicht im Zweikampf besiegt werden kann, denn wenn man ihm einen Arm abschlägt, packt er ihn grinsend und klebt ihn sich wieder an, hackt man ihm einen Fuß ab, holt er ihn sich zurück, als hätte er bloß einen Schuh verloren, und schneidet man ihm ein Ohr ab, fängt er es im Fluge auf wie einen Schmetterling und setzt es wieder an seinen Ort. Sogar wenn man ihm den Kopf abschlägt und in den Nil wirft, springt er hinterher, taucht auf den Grund und holt ihn wieder hervor.

Zwei Jünglinge, Zwillingsbrüder, Grifone (Gryphon) und Aquilante mit Namen, bekämpfen Orril seit wer weiß wie langer Zeit. Sie haben ihn schon oft zerhackt und zerstückelt, und jedesmal haben sich seine Teile wieder vereinigt wie Ouecksilbertropfen in der Schale eines Alchimisten.

Die Zwillinge sind Söhne des karolingischen Paladins Olivier, dem sie im zarten Kindesalter von zwei Feen geraubt wurden, einer weißen und einer schwarzen. Um zu verhindern, daß sie auf die Schlachtfelder gelangten, haben die Feen sie beauftragt, gegen Orril zu kämpfen, in der sicheren Annahme, daß sie damit eine ganze Weile beschäftigt sein würden.

Außer dem Wunderhorn hat Astolf auch ein Buch zur Zauberabwehr geschenkt bekommen, das sehr praktisch zu benutzen ist, da es ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis hat. Er blättert darin: M... N... 0... Oger... Olifant... Orril: da haben wir's! »Stirbt, wenn man ihm ein Haar ausreißt, das er auf dem Kopf hat.« Ha, das ist ein Wort! Orril hat sehr dichtes Haupthaar, das von den Schläfen bis zum Nacken geht. Als Astolf mit ihm kämpft, versucht er zuerst, ihm den Kopf abzuschlagen. Für Orril ist auch das nur ein Scherz, allerdings braucht er eine Weile, um sich den Kopf wieder aufzusetzen, da er ihn erst tastend am Boden wiederfinden muß, weil er ja keine Augen mehr hat. Astolf ist schneller: Er schnappt sich den blutigen Kopf an den Haaren und galoppiert mit ihm davon.

Orril tastet blind am Boden umher, merkt, daß er ausgetrickst worden ist, springt auf sein Pferd und jagt Astolf nach. Er will rufen: »Warte! Das gilt nicht!«, aber die Worte bleiben ihm in der Brust stecken, da er ja keinen Mund mehr hat, um sie auszusprechen.

Astolfo setzt sich an eine ruhige Stelle am Ufer des Nils und fängt an, Haare auszureißen, als entblätterte er ein Gänseblümchen. Aber das dauert zu lange bei dieser dichten, fettigen und verfilzten Mähne. So zieht er sein rasiermesserscharfes Schwert, packt den Kopf an der Nase und rasiert ihn rundherum ratzekahl.

Zusammen mit all den anderen Haaren muß auch das Schicksalshaar der Klinge zum Opfer fallen. Tatsächlich wird der Kopf plötzlich weiß wie ein Laken, verdreht die Augen, reißt den Mund auf und rührt sich nicht mehr. Orril, der gerade kopflos angeritten kommt, zuckt heftig zusammen, erschauert und stürzt mit ausgebreiteten Armen vom Pferd. - (rol)

Wiederanstückung (6)  Wenn man die Eidechse, sei es mit Absicht oder aus Versehen, mit einem Stock entzweischlägt, so sterben die beiden Teile nicht, sondern jede Hälfte bewegt sich getrennt auf eigene Faust und lebt weiter und kriecht auf zwei Beinen dahin. Wenn sie aber zusammenkommen (denn die getrennten Teile treffen häufig aufeinander), vereinigen sie sich nach der Spaltung aufs neue. Und obwohl die Narbe verrät, was ihr passiert ist, läuft die vereinte Eidechse einher und führt ihr gewohntes Leben, so als hätte sie nie erlebt, was wir berichteten.  - (ael2)

Wiederanstückung (7)  Er nahm die wiedergefundene Nase vorsichtig in die hohlen Hände und betrachtete sie noch einmal aufmerksam.

»Das ist sie, genau das ist sie!« sprach Major Kowalew. »Da ist auch der Pickel auf der linken Seite, der mir gestern aufgesprungen ist.«

Der Major hätte vor Freude beinahe aufgelacht.

Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer, und deshalb ist auch die Freude in der Minute, die auf die erste folgt, schon nicht mehr so lebhaft; in der dritten Minute wird sie noch schwächer, und schließlich verschmilzt sie unmerklich mit dem gewohnten Seelenzustand, wie auf dem Wasser der Kreis, verursacht durch ein fallendes Steinchen, schließlich mit der glatten Oberfläche verschmilzt. Kowalew begann zu überlegen und erkannte, daß die Sache noch keineswegs zu Ende war. Die Nase war gefunden, aber man mußte sie doch befestigen und an ihren alten Platz bringen.

»Aber wenn sie nicht hält?«

Bei dieser Frage, die sich der Major selber stellte, erbleichte er.

Mit dem Gefühl unerklärlicher Angst stürzte er an den Tisch und rückte den Spiegel heran, um sich die Nase nicht irgendwie schief ins Gesicht zu setzen. Seine Hände zitterten.

Vorsichtig und behutsam setzte er sie an ihren alten Platz. O Entsetzen! Die Nase klebte nicht an ... Er hielt sie an den Mund, erwärmte sie leicht mit seinem Atem und hielt sie wieder an die glatte Stelle zwischen den beiden Wangen; aber die Nase wollte durchaus nicht halten.

»Na, na! Bleib schon sitzen, du Narr!« sagte er zu ihr. Aber die Nase war wie aus Holz und fiel mit einem so merkwürdigen Klang auf den Tisch, als wäre sie ein Flaschenkorken. Das Gesicht des Majors verzerrte sich krampfartig. »Sollte sie nicht mehr anwachsen?« sprach er schreckensbleich. Doch sooft er sie auch an ihren eigentlichen Platz preßte, seine Bemühungen blieben nach wie vor erfolglos.

Er rief Iwan und schickte ihn zum Doktor, der in dem gleichen Haus die beste Wohnung in der Beletage innehatte. Dieser Doktor war ein stattlicher Mann, hatte einen wunderschönen, pechschwarzen Backenbart, eine frische, gesunde Doktorsfrau, aß zum Frühstück stets frische Äpfel und hielt seinen Mund außerordentlich sauber, indem er ihn jeden Morgen fast dreiviertel Stunden lang spülte und die Zähne mit fünf verschiedenen Bürstchen putzte.  - Nikolaj Gogol, Die Nase. In: N.G., Sämtliche Erzählungen. Stuttgart u. Hamburg 1961

Wiederanstückung (8) Vollendeter Unsinn geschieht auf dieser Welt. Mitunter fehlt überhaupt jegliche Wahrscheinlichkeit: plötzlich befand sich dieselbe Nase, welche in der Uniform eines Staatsrates herumgefahren und soviel Aufregung in der Stadt verursacht hatte, als ob nichts geschehen wäre, wieder an ihrem Platz, das heißt zwischen den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das ereignete sich bereits am siebenten April. Nach dem Erwachen blickte er zufällig in den Spiegel und sah: die Nase! Er packte sie mit der Hand — wahrhaftig, die Nase! »Aha!« sagte Kowalew und hätte beinahe vor Freude bloßfüßig einen Trepak durch das ganze Zimmer getanzt, aber das Erscheinen Iwans hinderte ihn daran. Er ließ sich auf der Stelle das Waschwasser bringen und schaute beim Waschen noch einmal in den Spiegel: die Nase! Während er sich mit dem Handtuch abtrocknete, schaute er wieder in den Spiegel: die Nase!

»Schau einmal her, Iwan, ich glaube, auf meiner Nase ist ein Pickel«, sagte er, während er bei sich dachte: O Jammer! gleich wird Iwan sagen: ,Aber nein, Herr! es ist nicht nur kein Pickel da, sondern auch die Nase selbst nicht!'

Doch Iwan sagte: »Keine Spur von einem Pickel, Herr, die Nase ist sauber!« - Nikolaj Gogol, Die Nase. In: N.G., Sämtliche Erzählungen. Stuttgart u. Hamburg 1961

Wiederanstückung (9)  Wenn einem ein Glied ganz abgehauen wird, ohne daß dabei die Arterien absterben, wenn es warm und frisch sofort mit der Arznei benetzt wird und wenn es angesetzt wird, heilt es zusammen wie zwei Stöcke, die aufeinander geleimt werden. Denn es ist die Schuld der Arznei, daß sie die Natur zusammenzieht und mit Gewalt heilt, wie wir es gesagt haben. - (par)

Wiederanstückung (10)   Der Kater zielte sorgfältig und stuppte den Kopf auf den Hals, und er saß wieder an seiner Stelle, als wäre er nie weg gewesen. Und das schönste, nicht mal eine Narbe war am Hals zu sehen.

Mit den Pfoten wedelte der Kater über Bengalskis Frack und Plastron, und die Blutspuren verschwanden. Fagott stellte den sitzenden Bengalski auf die Beine, schob mm ein Päckchen Zehnerscheine in die Fracktasche und beförderte ihn mit folgenden Worten von der Bühne:

»Verschwinden Sie, ohne Sie ist es lustiger!« - (meist)

Wiederanstückung (11) Und wie sie nun so nach ihm suchten, fanden sie ihn stocksteif dort liegen, und seinen Kopf hielt er ganz blutig zwischen den Armen. Da schrie Eusthenes laut: »Ha Tod, du arger Tod! so raubst du uns den vollkommensten Menschen?« Auf diese "Wort erhub sich Pantagruel so voll Grams, als man nur je einen Menschen gesehn hat, und sprach zu Panurgen: »Ha, mein Freund! die Prophezeiung eurer Gläser und Lanzenschaftes ist nur allzu betrüglich gewesen!« - Panurg aber sprach: »Nur ruhig, Kinder! weinet nicht, auch nicht ein Tröpflein! Er ist noch ganz warm, ich mach ihn euch wieder so heil wie zuvor.« Damit nahm er den Kopf und hielt ihn dicht gegen seinen Hosenlatz, damit er sich nicht in der Luft verkühlte. Eusthenes aber und Karpalim trugen den Leichnam an den Ort, wo sie zuvor gebechert hätten, nicht in Hoffnung, ihn jemals wieder aufzuwecken, sondern daß ihn Pantagruel nur sehen sollte. Aber Panurg vertröstet' sie in einemfort und sprach: »Wo ich ihn nicht curier, will ich meinen eignen Kopf verlieren« (so wetten aber die Narren!) »laßt dies Jammern und helfet mir.«

Darauf wusch er den Hals rein ab mit gutem weißen Wein, und dann den Kopf desgleichen, und sinapistet' ein metaschiß-merdisches Pulver darüber, das er in seiner Picken einer stets bei ihm trug, bestrich es dann, ich weiß selber nicht mehr mit was für Salb, und fügt' es beides genau aufeinander, Ader auf Ader, Nerv auf Nerven, Wirbel auf Wirbel, daß er nicht etwan ein Kopfhänger würd (denn solche Leut haßt' er in den Tod) ; ver-heftets ihm darauf noch rings mit fünfzehn bis sechzehn Nadelstichen, daß er nicht wieder vom Rumpfe fiel und legt' ein wenig Pflaster drum, er nannt es sein Auferstehungspflaster.

Alsbald fing Epistemon an zu atmen, dann schlug er die Augen auf, dann jähnt' er, dann niest' er, endlich ließ er einen gewaltigen Hausmannsfurz. »Jetzt«, sprach Panurg, »ist er gewißlich hergestellt!« und gab ihm ein Glas voll weißen leidigen Bauernkrätzers zu trinken, nebst einem bezuckerten Rostschnitt. Solchergestalt ward Epistemon geschickt curiert; nur blieb er euch über drei Wochen lang heiser darnach, und behielt einen trockenen Husten, den er sich nicht erwehren könnt außer mit Trinken.  - (rab)

Wiederanstückung (12)

Hinrichtungen

Köpfe und Rümpfe trennen sich
Überall im Blut.
Überall bekennen sich
Leute zum Henkersmut.

Überall wird die Rache satt.
Überall tut sich ein Recht,
Birgt sich, wenn es Ängste hat,
Hinter einem beschränkten Knecht.

Ferne Unwetter grollen.
Es gruselt dumpf:
Was werden die Köpfe wollen,
Wenn sie wieder hupfen auf ihren Rumpf?

- Joachim Ringelnatz

Wiederanstückung (13)

Wiederanstückung (14)

Die Dämonin (hannya) ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arm wieder zu erbeuten.

- Humorklassiker

Heilkunst Zusammensetzung Wiederherstellung
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