Wermut  Messalina drehte sich auf ihrem Lager dem Arzt zu:

»Könnte ein Liebestrank denjenigen wirksamer als Ruten und Blut zur Liebe zwingen, der nur sich selber liebt gleich der Jungfrau Artemis, die den ganzen Himmel verschmäht, um ihre beiden Hörner einander entgegenzuwölben? Ich bin jetzt gewiß, von einem Gott und nicht von einem Komödianten und Sklaven, den ich habe auspeitschen lassen, bin ich besessen! Kannst du Götter beschwören, Arzt?«

»Artemis, sagst du?« sprach Valens, fast ohne im Trinken innezuhalten. Artemisia, der Wermut, ist selber ein Liebestrank. Artemis, Luna, Phöbe, dreimal Hekate! Es gibt drei Arten von Wermut: den aus Gallien, den santonischen, mit dem Goldhaar; den pontischen aus Pontus und noch weiter weg zum Orient hin, wo das Vieh sich davon nährt, was zur Folge hat, daß man keine Galle bei ihm findet wie bei diesen Kühen, durch deren Lebern wir das Licht des Flusses betrachten und die man geöffnet hat wie jene trächtigen Kühe, deren Föten die oberste Vestalin am Tag der Palilien verbrennt, Valeria, und der ist der beste: der italienische ist bitterer...«

»Mein Gott, ich will doch keinen Liebestrank von dir für einen Stier, sondern für Priap!« sagte Messalina.

»... Der Meerstrandswermut, das seriphium von Taposiris in Ägypten, von dem ein Zweiglein, das man in der Hand hält, oder der Aufguß mit Öl und Salz in die Mysterien der Isis einweihen! Ein Pfund vom pontischen, das man in vierzig Sestern Weinmost kocht, bis ein Drittel verdampft ist, in der Art, wie man den Ysopwein herstellt...«

»Diese Gewürzweine sind Parfüms«, sagte Messalina, »ich brauche sie nur für meine Toilette.«

»Die Parfüms haben die Kraft von Liebestränken, erinnere dich. Erinnere dich meines Phthoriums von Ihasos, wo ich die Purgierwinde mit dem Helleborein der schwarzen Nieswurz vereint habe, diese abtreibenden Mittel, mit denen ich dich, meine Gebieterin, kostspieliger geschmückt habe als mit Essenzen aus Blumen und Edelsteinen, Essenzen der Erde, von denen ich dir doch für die gesamten achtzig Talente gekauft hätte, die mir ein Jahr einbringt, das ich der Heilung oder deinem Dienst widme. Ich habe das Phthorium geschaffen, indem ich die Kraft der Pflanzen um die Wurzel der Reben säte! Und ich habe für dich mit Wermut und Honig Mittel gewässert, die die monatliche Reinigung fördern. Und ich werde dir daraus einen Liebestrank zusammenbrauen, der über jeden Verdacht erhaben und für den Liebesgott selbst /unwiderstehlich ist, wenn die Gunst des Gottes meine Weinlese zur Reife bringt!«

»Das ist noch lange hin: dann ist der Gott tot oder ich habe mich in einen Mann oder in einen Esel verliebt, und was meine Liebe angeht, die wartet keine Jahreszeit ab«, sagte Messalina. »Du kannst die Artemisia einen Tag und eine Nacht lang in gesalzenem Regenwasser einweichen, das ergibt jenen Wermut, der bei unseren alten Festen in Latium als erster Preis für die Rennen der Viergespanne am Fuß des Capitols in einem Becher überreicht wurde, als Preis, der über den goldenen Kranz ging! Denn gewässert verleiht er strotzende Gesundheit und schärft das Auge, während er in Wein eingelegt eigentlich gegen die Gifte des Schierlings, des Meerdrachens, der Spitzmaus und des Skorpions hilft! Riecht man hingegen daran, fördert er den Schlaf, was auch der Fall ist, wenn du ihn unter Mnesters Kopfkissen schiebst, ohne daß er es merkt!«

Die Kaiserin war, kaum hatte sie die letzten Rezepte erbeutet, vor der redseligen Anwesenheit des betrunkenen Arztes geflohen.

»Und ich werde dir«, sagte er und bekam den Schluckauf, und Claudius schnarchte dazu, »die weiteren Eigenschaften des Wermuts mit Wermuttinte aufschreiben, und solltest du es nicht lesen wollen, wird es die Nachwelt lesen, denn die Ratten gehen nicht an die Wermuttinte.«  - (mes)

Kräuter

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