Weitergereichtwerden  Batilda blieb beim Corregidor, der sie volle vierzehn Tage lang bis zum Wahnsinn liebte. Danach gab er sie an einen Inquisitor ab, der sie an den Gouverneur der Stadt weitergab; der trat sie dem Vorsitzenden des Rates von Aragon ab, aus dessen Armen sie in die eines dicken Cantayors geriet; von da kam sie zu einem Arzt, zu einem bigotten Wucherer und Halsabschneider, einem Notar, einem alten Lizenziaten, einem Händler, geriet schließlich einem ausgedienten Sergeanten in die Hände und wurde zuletzt Gemeingut sämtlicher Lakaien von Moncayo. Zuallerletzt trug sie sogar zur Freude der ganzen Öffentlichkeit bei, wo wir sie nunmehr, mit eurer gütigen Erlaubnis, lassen wollen.  - Charles Pigault-Lebrun, Trufaldino. Nach: Meistererzählungen des französischen Rokoko. Hg. Walter Widmer. München 1962

Weitergereichtwerden (2)  »Ich lag in meinem Bett und schlief fest, als es dem Himmel gefiel, die Bulgaren in unser schönes Schloß Thunder-tentronckh zu schicken. Sie schnitten meinem Vater und meinem Bruder die Kehle durch, und meine Mutter hieben sie in Stücke. Als nun ein baumlanger, sechs Fuß großer Bulgare sah, daß ich bei diesem Anblick in Ohnmacht gefallen war, machte er sich alsbald daran, mich zu notzüchtigen. Das brachte mich wieder zur Besinnung, und ich kam zu mir. Ich schrie Zeter und Mordio, wehrte mich mit Händen und Füßen, biß um mich, kratzte und wollte dem großen Bulgaren die Augen ausreißen. Ich wußte ja nicht, daß alles, was da im Schloß meines Vaters vorging, gang und gäbe war. Der Unhold gab mir mit seinem Messer einen Stich in die linke Hüfte. Die Narbe ist noch gut zu sehen.« - »Weh! Ich hoffe, ich kriege sie auch zu sehen«, meinte Candide in aller Unschuld. - »Sie werden sie sicher zu sehen bekommen«, erwiderte Kunigunde; »doch weiter.« - »Fahren Sie denn fort«, bat Candide.

So nahm sie den Faden ihrer Geschichte wieder auf: »Ein bulgarischer Hauptmann kam herein und sah mich blutüberströmt daliegen. Der Soldat aber ließ sich in seinem Geschäft nicht im geringsten stören. Da geriet der Offizier über das respektlose Gebaren des Rohlings in Zorn und stach ihn auf meinem Leibe.tot. Hernach ließ er mich verbinden und führte mich als Kriegsgefangene fort in sein Quartier. Ich wusch ihm die wenigen Hemden, die er besaß, und kochte für ihn. Er fand mich ungemein hübsch, das muß ich zugeben, und ich will auch nicht leugnen, daß er ebenfalls recht schön gebaut war und eine ausnehmend weiße und weiche Haut hatte. Sonst aber war er reichlich dumm und ungebildet. Man sah sofort, daß er nicht von Doktor Pangloß auferzogen worden war. Nach drei Monaten, als er sein ganzes Geld verloren und mich auch satt bekommen hatte, verkaufte er mich an einen Juden namens Don Issaschar, der in Holland und Portugal Handel trieb und ein leidenschaftlicher Weibernarr war. Dieser Jude faßte eine heiße Liebe zu mir, konnte aber bei mir nichts erreichen. Ich leistete ihm tapferer Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Eine Frau, die auf Ehre hält, kann wohl einmal geschändet werden, aber ihre Tugend festigt sich dabei. Um mich gefügig und zahm zu machen, brachte mich der Jude hierher in dieses Landhaus. Bis dahin hatte ich im Glauben gelebt, etwas so Wunderschönes wie das Schloß Thundertentronckh könne es nicht mehr geben. Ich bin eines Besseren belehrt worden.

Eines Tages sah mich der Großinquisitor in der Messe. Er äugte in einem fort lüstern zu mir herüber und ließ mir dann sagen, er müsse unter vier Augen etwas Geheimes mit mir besprechen. Ich wurde in seinen Palast geführt, entdeckte ihm meine Herkunft, und er hielt mir vor, wie tief es unter meinem Stande sei, einem Israeliten anzugehören. Man machte in seinem Namen Don Issaschar den Vorschlag, mich Seiner Hochwürden abzutreten. Don Issaschar, Hofbankier und ein Mann von Ansehen und Gewicht, wollte davon nichts wissen. Der Großinquisitor drohte ihm mit einem Autodafe. Endlich ließ sich mein Jude einschüchtern und schloß ein Abkommen, wonach das Haus und ich beiden gemeinschaftlich gehören sollten. Der Jude sollte jeweils am Montag, Mittwoch und am Sabbat darüber verfügen können, die anderen Tage waren dem Inquisitor vorbehalten. Dieses Abkommen besteht seit nunmehr einem halben Jahr. Es ging natürlich nicht ohne Streitigkeiten ab. Denn mehrmals war nicht genau zu entscheiden, ob die Nacht vom Samstag auf den Sonntag nach dem alten oder nach dem neuen Gesetz gerechnet werden müsse. Noch habe ich keinen von beiden erhört, und darum, glaub ich, lieben sie mich beide noch immer.

Um die Gottesgeißel der Erdbeben abzuwenden und wohl auch um den Juden einzuschüchtern, ließ der hochwürdige Herr Großinquisitor huldvollst ein Autodafé veranstalten. Er erwies mir die Ehre, mich dazu einzuladen. Ich. erhielt einen sehr guten Platz zugewiesen. Den Damen wurden zwischen der Messe und der Hinrichtung Erfrischungen herumgeboten.«   - Voltaire, Candide oder Der Glaube an die beste der Welten, nach (vol2)
 

 

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