eißhaarigkeit   Das Zimmer war recht geräumig. An den beiden Fenstern fehlten die Scheiben, statt dessen klebte dort Pappe und dickes Papier. Auf dem welligen Fußboden, zwischen dessen Brettern mehrere Zentimeter breite Löcher klafften, häufte sich ein unbeschreiblicher Wust von meist zerbrochenen, unbrauchbaren Gegenständen.

Was aber den Blick sogleich auf sich zog, war der völlig angekleidete, offensichtlich tote Mann auf der eisernen Bettstatt, über die ein alter Strohsack gebreitet war. In Brusthöhe waren seine Kleider mit verkrustetem Blut durchtränkt, aber sein Gesicht wirkte heiter und gelöst.

Er hatte, wie alle Clochards, nur Lumpen am Leib, doch sein Gesicht und seine Hände stachen seltsam dagegen ab. Er war schon recht alt, hatte langes silberweißes Haar mit einem bläulichen Schimmer. Blau waren auch seine Augen, deren starrer Blick aber auf Maigret so beklemmend wirkte, daß er ihm die Augen schloß.

Er hatte einen weißen, ein wenig aufgezwirbelten Schnurrbart und einen spitzen, ebenfalls weißen Kinnbart.

Er war an den Wangen sauber rasiert, und zu seiner weiteren Überraschung stellte Maigret fest, daß der Tote sorgfältig manikürte Hände hatte.

»Er sieht aus wie ein alter Schauspieler in der Rolle des Clochards«, brummelte er. »Hatte er Papiere bei sich?«

»Nein, überhaupt keine, nicht einmal eine Kennkarte, auch keine alten Briefe. Meine Inspektoren, die das Viertel sehr genau kennen, haben ihn in Augenschein genommen, aber keiner kennt ihn. Nur einer meint, daß er ihn einmal beim Durchwühlen einer Mülltonne gesehen hat.«

Der Mann war ein wahrer Hüne. Seine Hose, die ein Loch am linken Knie hatte, war ihm zu kurz. Eine alte, völlig zerfetzte Jacke lag auf dem verstaubten Fußboden.

»War der Gerichtsarzt schon hier?«

»Nein, noch nicht. Er kann jeden Augenblick eintreffen. Aber ich wollte, daß Sie herkommen, bevor irgend etwas angerültrt wird.«

»Torrence... Gehen Sie ins erste beste Cafe und rufen Sie den Erkennungsdienst an. Sie sollen so schnell wie möglich ein paar Leute herschicken und auch die Staatsanwaltschaft benachrichtigen.«

Er konnte den Blick nicht von dem Gesicht des Mannes abwenden, der auf der verbogenen eisernen Bettstatt lag. Schnurr- und Kinnbart waren kunstvoll gestutzt, und er hätte wetten mögen, daß das erst am Vortag geschehen war. Was nun die überaus gepflegten Hände mit den lackierten Fingernägeln betraf, so vermochte er sich kaum vorzustellen, daß sie in Mülltonnen gewühlt haben sollten. - Georges Simenon, Maigret und der einsame Mann. Zürich 1990 (detebe 21804, zuerst 1971)

 

Haar

 

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