Weiser   Der Weise hat kein menschliches Herz«, sagt Lao-tse, »er behandelt die Menschen wie strohene Opferhunde.«    - Nach: Hans Peter Duerr, Sedna oder Die Liebe zum Leben. Frankfurt am Main 1984

Weiser (2)  Schädigungen von seiten der Menschen erfolgen entweder aus Haß oder aus Neid oder aus Verachtung, Widerwärtigkeiten, über die sich der Weise durch seinen überlegenen Verstand hinwegzusetzen wisse. Wer einmal weise geworden, der könne nicht wieder in die entgegengesetzte Richtung verfallen noch sich vorsätzlich umbilden. Von leidenschaftlichen Seelenregungen würde er allerdings heimgesucht werden, aber das könne seiner Weisheit keinen Eintrag tun. Nicht jede Art von Körperverfassung sei gut genug für Entstehung eines Weisen, wie auch nicht in jedem Volke ein solcher erstehen könne. Selbst unter Folterqualen sei der Weise glückselig. Der Weise allein weiß allen Freunden gleichmäßig Dank, den anwesenden wie den abwesenden, und zwar in vollem Maße. Wird er gefoltert, dann wird allerdings auch er stöhnen und jammern. Mit einer Frau wird sich der Weise nicht widergesetzlich geschlechtlich vereinigen, wie Diogenes in seinem Auszug aus den ethischen Lehren Epikurs sagt. Seine Diener werde er nicht züchtigen, wohl aber wird er Mitleid mit ihnen haben und manchem Tüchtigen Verzeihung gewähren. Daß der Weise sich verlieben werde, ist mit ihrem Glauben nicht vereinbar; um seine Bestattung wird er sich keine Sorge machen. Auch sei die Liebe kein Gottesgeschenk, wie Diogenes in dem ... sagt; auch werde er (der Weise) sich nicht auf gefällige Redekünsteleien einlassen. Fleischeslust, sagen sie, ist niemals von Nutzen, man muß schon froh sein, wenn sie nicht schadet.

Ferner wird der Weise nicht heiraten und Kinder zeugen, wie Epikur in den „Zweifelfragen" und in den Büchern über die Natur sagt. Nur unter besonderen Lebensumständen würde der eine oder andere heiraten, nicht ohne ein gewisses Schamgefühl. Auch werde er, wie Epikur im Symposion äußert, im Rausche sich nicht in leeres Geschwätz verlieren. Mit staatlichen Geschäften werde er sich nicht befassen, wie Epikur im ersten Buch „Von den Lebensweisen" sagt, oder gar sich zum Tyrannen aufwerfen. Anderseits werde er auch nicht den Spuren der Kyniker folgen, wie er im zweiten Buch der „Lebensweisen" sagt, und auch nicht betteln. Und treffe ihn das Schicksal der Blindheit, so werde er sich selbst aus dem Leben befördern, wie es in demselben Buch heißt. Doch werde der Weise auch von Trübsal heimgesucht werden, wie Diogenes im fünften Buch seines Auszuges sagt. Auch in Rechtshändel werde er sich einlassen und Schriften hinterlassen, nichts aber wissen wollen von feierlicher Lobrednerei. Für Hab und Gut werde er Sorge tragen und für die Zukunft. Für das Landleben werde er eingenommen sein, werde dem Schicksal trotzen und nichts Unnützes erwerben. Auf guten Ruf werde er nur so weit bedacht sein, daß er vor Verachtung bewahrt bleibe; dagegen werde er den anderen weit voran sein in der Freude an wissenschaftlicher Forschung.

Die Vergehen seien nicht alle von gleicher Bedeutung. Die Gesundheit sei für den einen ein Gut, für den anderen etwas Gleichgültiges. Die Tapferkeit sei kein Geschenk der Natur, sondern ein Ergebnis der Erwägung des Nützlichen. Auch die Freundschaft habe ihren Grund im Nutzen; allerdings müßten wir den Anfang machen - müssen wir doch auch erst den Samen in die Erde einsenken -, ihren Bestand aber erhalte sie durch den Frohsinn der vollen Gemeinschaft.

Die Glückseligkeit habe einen doppelten Sinn: in höchster Bedeutung sei sie der der Gottheit gleichartig, die keine Steigerung zuläßt, in gewöhnlicher Bedeutung aber die, welche einer Zu-und Abnahme fähig ist. Der Weise werde Statuen errichten; ob er selbst welche hätte, wäre ihm gleichgültig. Der Weise allein werde eine richtige Ansicht über Musik und Poesie entwickeln. Auf die eigentliche Arbeit der Poesie werde er sich nicht legen.  - Epikur, nach (diol)

Weiser (3)   Das angeblich schaurigste aller Übel, der Tod, hat für uns keine Bedeutung; denn solange wir noch da sind, ist der Tod nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr da. Er hat also weder für die Lebenden Bedeutung noch für die Abgeschiedenen, denn auf jene bezieht er sich nicht, diese aber sind nicht mehr da. Die große Menge indes scheut bald den Tod als das größte aller Übel, bald sieht sie in ihm eine Erholung (von den Mühseligkeiten des Lebens. Der Weise dagegen weist weder das Leben von sich, noch hat er Angst davor, nicht zu leben. Denn weder ist ihm das Leben zuwider noch hält er es für ein Übel, nicht zu leben. Wie er sich aber bei der Wahl der Speise nicht für die größere Masse, sondernfür den Wohlgeschmack entscheidet, so kommt es ihm auch nicht darauf an, die Zeit in möglichster Länge, sondern in möglichst erfreulicher Fruchtbarkeit zu genießen. Wer aber den Jüngling auffordert zu einem lobwürdigen Leben, den Greis dagegen zu einem lobwürdigen Ende, der ist ein Tor, nicht nur weil das Leben seine Annehmlichkeit hat, sondern auch, weil die Sorge für ein lobwürdiges Leben mit der für ein lobwürdiges Ende zusammenfällt. Noch weit schlimmer aber steht es mit dem, der da sagt, das Beste sei es, gar nicht geboren zu sein.

Aber, geboren einmal, sich schleunigst von dannen zu machen.

Denn wenn er es mit dieser Äußerung wirklich ernst meint, warum scheidet er nicht aus dem Leben? Denn das stand ihm ja frei, wenn anders er zu einem festen Entschlüsse gekommen wäre. Ist es aber bloßer Spott, so ist es übel angebrachter Unfug.

Die Zukunft liegt weder ganz in unserer Hand noch ist sie völlig unserem Willen entzogen. Das ist wohl zu beachten, wenn wir nicht in den Fehler verfallen wollen, das Zukünftige entweder als ganz sicher anzusehen oder von vornherein an seinem Eintreten völlig zu verzweifeln.   - Epikur, nach (diol)

Weiser (4)  Die Theodoreer, wie man sie nennt, leiten diesen ihren Namen von Theodoros her und hielten an dessen Lehrsätzen fest. Dieser Theodoros war es, der allen Meinungen über die Götter den Garaus machte. Mir kam seinerzeit ein gar nicht verächtliches Buch von ihm zu Händen, betitelt „Über die Götter", aus dem Epikur das meiste entnommen haben soll von dem, was er vortrug. Theodoros hörte auch den Annikeris und den Dialektiker Dionysios, wie Antisthenes in den Philosophenfolgen sagt. Als Ziel setzte er die Freude und den Schmerz, die erstere als bedingt durch die Einsicht, den letzteren durch den Unverstand. Güter seien die Einsicht und Gerechtigkeit, Übel die entgegengesetzten Seelenverfassungen, in der Mitte zwischen beiden liege Lust und Unlust.

Die Freundschaft ließ er nicht gelten, weil sie sich weder bei den Unweisen fände noch bei den Weisen, denn für jene schwinde mit dem Wegfall des Nutzens auch die Freundschaft; die Weisen aber bedürften, selbstgenugsam wie sie seien, überhaupt keines Freundes.

Er erklärte es auch für vernunftgemäß, daß der brave Mann sich nicht für das Vaterland dem Tode preisgebe. Denn man dürfe die Einsicht nicht preisgeben, um den Unverständigen zu nützen. Vaterland sei die Welt.

Der Weise werde gelegentlich auch stehlen, Ehebruch treiben und Tempelraub begehen. Denn nichts davon sei an sich (von Natur) verwerflich, sobald man absehe von der gangbaren Meinung, die ihr Dasein nur dem Zwecke der Abschreckung der Unvernünftigen verdanke.

Der Weise werde ohne jeden Arg Umgang mit seinen Lieblingen pflegen. Daher liebte er auch spitzfindige Fragen wie die folgenden: „Wird eine grammatisch geschulte Frau, insofern sie grammatisch geschult ist, nicht auch nützlich sein?" Ja. „Und wird ein Knabe und Jüngling nützlich sein, insofern er grammatisch geschult ist ?" Ja. „Es wird doch also auch eine schöne Frau nützlich sein, insofern sie schön ist, und ein schöner Knabe und Jüngling nützlich, insofern er schön ist? " Ja. „Ein schöner Knabe und Jüngling wird doch also nützlich sein für das, wofür er schön ist?" Ja. „Er ist aber nützlich für den Liebesumgang." Dies zugegeben folgerte er nun weiter so: „Wenn also jemand mit ihm Liebesumgang pflegt, insofern er nützlich ist, so vergeht er sich nicht; folglich wird er sich auch nicht vergehen, wenn er von der Schönheit Gebrauch macht, insofern sie nützlich ist." Fragen dieser Art waren es, durch die er seine Verstandesstärke bekundete.

Zu seinem Namen „Gott" ist er, wie es scheint, auf folgende Weise gekommen: Stilpon fragte ihn: „Theodoros, wenn du behauptest, etwas zu sein, bist du es dann auch?" und nach bejahender Antwort: „Du behauptest aber doch, ein Gott zu sein?" „Ja." „Also bist du auch ein Gott". Das ließ er sich gern gefallen; da sagte Stilpon lachend: „Du Schelm, durch solche Schlußweise würdest du auch zu dem Eingeständnis kommen, daß du eine Dohle wärest und noch tausenderlei anderes."  - (diol)

 

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