Weibergeschwätz   »Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wo Ihr — ich meine, wo er -—«, sagte Horace.

»Denken Sie bloß nicht, ich hab Angst, es Ihnen zu sagen. Ich sag's, wo's mir paßt. Denken Sie nicht, ich hab Angst. Ich will was zu trinken.«

»Du erzählst ihm, und ich hole dir was«, sagte Miss Reba.

Aufrecht im Bett, die Decken um die Schultern, erzählte Temple ihm von der Nacht, die sie in dem verfallenen Haus zugebracht hatte, von dem Augenblick an, wo sie ins Zimmer getreten war und versucht hatte, die Tür mit dem Stuhl zu verkeilen, bis zum Erscheinen der Frau, die sie dann hinausführte. Das war der einzige Teil des ganzen Erlebnisses, der überhaupt einen Eindruck in ihr hinterlassen zu haben schien: die Nacht, in der ihr doch verhältnismäßig kaum Gewalt geschehen war. Hin und wieder unternahm Horace den Versuch, sie weiterzubringen, zu dem Verbrechen selbst, doch jedesmal wich sie ihm aus und kam auf sich selber zurück, wie sie auf dem Bett saß und den Männern auf der Veranda lauschte, oder wie sie im Dunkeln lagund die Männer ins Zimmer kamen und ans Bett und dort standen, hoch über ihr.

»Ach ja, das«, sagte sie dann. »Das ist einfach irgendwie passiert. Ich weiß es nicht. Ich bestand schon so lange nur noch aus Angst, daß ich mich wohl irgendwie dran gewöhnt hatte. So hab ich einfach bloß in den Baumwollsamenhüllen da gesessen und ihn beobachtet. Erst dachte ich ja, es wäre die Ratte. Von denen waren zwei da. Eine saß in der Ecke, der einen, und sah mich immerzu an, und die andre saß in der ändern Ecke. Ich weiß gar nicht, wovon die eigentlich lebten, weil, es gab da absolut nichts außer Maiskolben und Baumwollsamenhüllen. Vielleicht sind sie immer ins Haus rüber gelaufen, wenn sie was fressen wollten. Aber im Haus war an sich gar keine. Ich hab nie eine gehört da im Haus. Wie ich sie zuerst hone, die Männer, meine ich, da dacht ich, es könnte vielleicht eine Ratte gewesen sein; aber in einem dunklen Zimmer, da kann man Menschen förmlich spüren: wußten Sie das? Man muß sie gar nicht sehen dazu. Man spürt sie einfach, wie man's in einem Auto spürt, wenn sie anfangen, sich nach einem guten Halteplatz umzusehn - zum Parken, verstehn Sie, für ein Weilchen.« So redete sie immer weiter, in einem jener heiteren, schwatzhaften Monologe, wie Frauen sie unentwegt halten können, wenn sie erkennen, daß sie im Mittelpunkt der Bühne stehen; und ganz plötzlich merkte Horace, daß sie ihr Erlebnis mit richtigem Stolz erzählte, in einer Art naiver und unpersönlicher Eitelkeit, ganz als erfinde sie es im Augenblick jetzt, und ihr Blick ging dauernd zwischen Miss Reba und ihm hin und her, blitzschnell und funkelnd, wie ein Hund, der zwei Kühe einen Weg entlangtreibt.

»Ja, und wenn ich atmete, konnte ich immer den Liesch rascheln hören. Ich verstehe nicht, wie jemand überhaupt in so einem Bett schlafen kann. Aber vielleicht gewöhnt man sich dran. Oder die sind derart müde nachts, die Leute. Jedenfalls, wenn ich atmete, konnte ich's immer rascheln hören, sogar wenn ich bloß saß auf dem Bett. Erst könnt ich das gar nicht begreifen, wieso das bloß vom Atmen kommen sollte, und deshalb hab ich so still gesessen, wie es ging, aber da könnt ich's immer noch hören. Das liegt daran, daß der Atem nach unten geht. Man meint immer, er geht nach oben weg, aber das tut er gar nicht. Er geht in einem runter, an einem entlang, und dann hab ich auch gehört, wie sie sich draußen betranken auf der Veranda. Ich hab direkt denken müssen, ich könnte sehen, wo ihre Köpfe an der Wand lehnten, und hab dann immer gesagt, jetzt trinkt der aus dem Krug. Und jetzt trinkt der. Wie bei der eingedellten Stelle im Kopfkissen, wenn man aufgestanden ist, verstehn Sie.   - William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981  (zuerst 1931)

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