Weib, aufgebrezeltes   Sie kam gemessenen Schrittes daher. Angetan mit gestreiften und fransenbesetzten Tüchern, stampfte sie unter dem Geglitzer und leisen Geklingel barbarischen Schmuckes stolz über den Boden. Sie hielt ihren Kopf hoch erhoben; ihr Haar war in der Form eines Helms frisiert; sie trug bis zu den Knien reichende Messing-Gamaschen; Messing-Armreife bis zu den Ellenbogen, einen roten Fleck auf ihrer lohfarbenen Wange, unzählige Halsbänder aus Glasperlen; bizarre Dinge, Amulette, Geschenke von Medizinmännern, die an ihr herumbaumelten, glitzerten und bei jedem Schritt erzitterten. Sie muß den Wert mehrerer Elefantenstoßzähne an sich getragen haben. Sie war primitiv und herrlich, funkeläugig und grandios; etwas Unheilverkündendes und Hoheitsvolles lag in ihrem bedächtigen Näherkommen. Und in dem Schweigen, das sich plötzlich über das ganze kummervolle Land gebreitet hatte, schien die riesige Wildnis, der gewaltige Leib des fruchtbaren und geheimnisvollen Lebens, sinnend auf sie herabzublicken, als betrachte er das Bildnis seiner eigenen lichtscheuen und leidenschaftlichen Seele.

Sie kam dicht an den Dampfer heran, blieb stehen und wandte uns ihr Gesicht zu. Ihr langer Schatten fiel bis zum Rand des Wassers. Ihr Gesicht hatte den tragischen und ungestümen Ausdruck wilden Schmerzes und stummer Pein, vermischt mit der Bangigkeit eines sich emporringenden, unfertigen Entschlusses. Sie stand da und sah uns reglos an, wie die Wildnis selbst, mit einer Miene, als brüte sie über einer unergründlichen Absicht. Eine volle Minute verstrich, und dann trat sie einen Schritt vor. Es gab ein leises Geklingel, ein Aufschimmern gelben Metalls, ein Gewoge fransenbesetzter Tücher, und dann hielt sie inne, als habe sie den Mut verloren. Der junge Bursche neben mir brummte. Hinter mir murmelten die Pilger. Sie sah uns alle an, als hinge ihr Leben von der unerschütterlichen Standhaftigkeit ihres Blickes ab. Plötzlich breitete sie ihre nackten Arme aus und warf sie starr empor, wie in einem unbezähmbaren Verlangen, den Himmel zu berühren, und im selben Augenblick schössen die hurtigen Schatten aus dem Boden, fegten auf allen Seiten über den Fluß, umschlangen den Dampfer in einer schattenhaften Liebkosung. Ein fürchterliches Schweigen hing über dem Schauplatz.

Sie wandte sich langsam ab, schritt weiter, folgte dem Ufer und tauchte im Buschwerk zur Linken unter.  - Joseph Conrad, Herz der Finsternis. Frankfurt am Main 1968

 

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