Wahnsinn  Gerechter Ausdruck für das wunderbarste Steinerweichen am Ende des 20. Jahrhunderts. Hauptwort des 9. November 1989 und der Tage danach. Kosename für die Unbegreiflichkeit eines historischen Moments, befreiendes Kürzel für die Sprachlosigkeit von Befreiten. Wahnsinn: Tribut an die Undenkbarkeit eines solchen geschichtlichen Durchbruchs, Hommage an eine Situation, die aufs simpelste erlaubte, was fast drei Jahrzehnte Kopf und Kragen kostete: in Berlin von Ost nach West zu gehen. Der Vokabel bemächtigten sich dann auch das Showgeschäft und die Politik. Am 18. März erklärte Lothar de Maizière: »Wir haben am 9. November Wahnsinn gesagt, und sagen auch heute Wahnsinn.« Wolf Biermann glossierte bissig: »Es ist der helle, der erhellende Wahnsinn«. Inzwischen hat sich in der Tat herausgestellt, daß das »Wahnsinn!« vor allem Hellsicht war: Der Jauchzer ist weitgehend zum Seufzer geworden, der Jubel zur Sisyphusqual, und vieles in den anderthalb Jahren seither erinnert daran, daß es ein Wahnsinn war, der nun in einer schmerzlichen und mühevollen Anamnese erkundet und aufgearbeitet werden muß. Bei allem politischen Pathos ist aber auch an den altberliner Kalauer zu erinnern, der einen Satz mit Wahnsinn und Unsinn herausfordert und als Antwort bietet: »Wa 'n Sie 'n schon in unsin Garten?« Jedenfalls haben wir alle im letzten Jahr in den unsinnigsten Gärten herumgetrampelt und manchen Bock zum Gärtner gemacht. Nicht mehr der Wahnsinn greift um sich, sondern die kommune Blödheit. - Dieter Hildebrand, Berliner Enzyklopädie. München 1996 (dtv 12224, zuerst Hanser 1991)

Wahnsinn (2) Der Gedanke, daß außerirdische Wesen eine andere Form des Denkens und Schließens haben könnten, war im 19. Jahrhundert schon Frege gekommen und ihm — wie auch den Mathematikern seiner Zeit — ziemlich verrückt erschienen. Was, so fragte sich Frege, würde geschehen, wenn man auf fremde Wesen träfe, deren Denkgesetze den unseren schlicht widersprächen und die deshalb zu völlig anderen praktischen Ergebnissen kämen? Nach der psychologischen Logik wäre dann nur zu konstatieren, daß diese Gesetze für uns und jene für die anderen Wesen gelten. Aber Frege meint dann doch, daß in einem solchen Fall wohl eher eine «bislang noch nicht bekannte Form des Wahnsinns» vorliegen dürfte. - (bar)

Wahnsinn (3) Bleibt der Wahnsinn, «der Wahnsinn, den man einsperrt», wie man so trefflich gesagt hat. Dieser oder jener... Jeder weiß in der Tat, daß die Geisteskranken nur auf Grund einer geringen Zahl von gesetzwidrigen Handlungen eingesperrt werden und daß sie ohne diese Handlungen, auf keinen Fall ihre Freiheit (was man schon ihre Freiheit nennt) verlieren würden. Daß sie gewissermaßen Opfer ihrer Einbildungskraft sind, will ich durchaus zugestehen, insofern als diese sie zur Nichtbeachtung gewisser Konventionen treibt, ohne welche die Gattung Mensch sich sogleich getroffen fühlt; wird doch jeder dafür bezahlt, daß er es weiß. Aber die tiefe Gleichgültigkeit, die sie unserer Kritik gegenüber zeigen, und selbst gegenüber den verschiedenen Strafen, die man über sie verhängt — sie läßt die Vermutung zu, daß sie aus ihrer Imagination einen großen Trost schöpfen und ihr Delirium hinreichend auskosten, um zu ertragen, daß es nur  für sie selbst Gültigkeit besitzt. Und tatsächlich sind Halluzinationen, Illusionen  keine geringzuachtende  Quelle des Genusses. Auch das noch so geregelte Empfindungsvermögen kommt dabei auf seine Kosten, ...

Ich könnte mein Leben damit verbringen, die Wahnsinnigen zu ihren Bekenntnissen zu provozieren. Sie sind Menschen von peinlicher Ehrlichkeit und von einer Unschuld, die sich nur mit der meinen vergleichen läßt. Kolumbus mußte mit Verrückten ausfahren, um Amerika zu entdecken. Und seht nur, wie diese Verrücktheit Gestalt gewonnen hat — und Dauer. - André Breton, Erstes Manifest des Surrealismus (1924)

Wahnsinn (4) Als sich im bösen Schlaf die Wörter wie auf Zehntelsekundenzeigern oder auf umspringenden Flugzeuganzeigetafeln immerfort umbildeten und die Dinge sich ebenso rasend veränderten, bis schließlich kein Wort und kein Ding mehr wahrnehmbar war, nur die unaufhörliche Verwandlung aller Wörter und Dinge, hatte ich Angst, jetzt stünde der Tod bevor, bei dem aus allen möglichen Wörtern ein einziges Kauderwelsch und aus allen Dingen ein einziges Unding würde (keine Klarheit, wie man sonst behauptet, im Moment des Todes, sondern das übelkeiterregende Durcheinander des Wahnsinns) - (han)

Wahnsinn (5) Die Genußsucht und Sinnlichkeit des Gauners sowie seine Verschwendung grenzen an Wahnsinn. Mancher Gauner hat zu verschiedenen Malen schon ein bedeutendes Vermögen erworben gehabt, von dessen Renten er ein bequemes, ruhiges Leben hätte führen können. Aber in kurzer Zeit wurde der Reichtum verpraßt. Der Gauner begreift sein Spiel und dessen Gefahr und Ausgang, und darum klammert er sich mit krankhafter Gier an das Dasein, das ihn hin- und her wirft und ihm eine amphibische Natur verleiht, so daß es nur ihm allein möglich wird, im sinnlosen Genuß oder im tiefsten Elend zu leben. Der Zweck der Ehe ist ihm fremd, obgleich er die geschlechtliche Vereinigung sucht, sobald der frühgeweckte Naturtrieb dazu anreizt. Der Beispiele sind unzählige. Des Sonnenwirtles Frau, Christine Schattinger, gab sich schon als zwölfjähriges Kind preis. Der Gegenstand der Wahl muß unverwüstlich in der Wollust, unverdrossen in Verrichtung der den Weibern allein zur Last fallenden häuslichen Arbeit, kräftig und ausdauernd zum Tragen von Gepäck und Kindern auf der Reise, schlau zum Baldowern und geneigt und geschickt zum Handeln, d. h. Stehlen, sein. Gegen diese Vorzüge schwindet die strenge Forderung körperlicher Schönheit, obgleich sie als angenehme Beigabe willkommen ist. Entsprechende Forderungen stellen die Dirnen und Weiber. Der kräftige, beherzte, verschlagene und renommierte Freier ist der willkommenste. Nur äußerer Zwang führt zur Ehe, die aber keineswegs ein Hindernis ist, anderweitige Verbindungen einzugehen. Oberamtmann Schäffer erwähnt den Gauner Siehler, der zwölf Beischläferinnen zugleich hatte, dann einer mit einem scheußlichen Spitznamen bekannten Gaunerin, die zwei Ehemänner und eine Menge Beischläfer ihr eigen nannte. - (ave)

Wahnsinn (6)  Ein  Herr, der niemanden getötet hatte, wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt: er habe so hieß es, aus Gewinnsucht einen Geschäftspartner umgebracht, dessen privates Verhalten er weder zu erklären noch zu kommentieren gedachte. Alles in allem, so überlegte er, hätte ihn - zumal es sich um seinen Geschäftspartner handelte - auch ein beschämenderes Urteil treffen können. Die Richter hatten sogar zugegeben, daß er, der Verurteilte, auf unwürdige Weise geprellt worden war. In Wahrheit hatte er, obwohl er seiner Sache sicher war, niemals herauszufinden versucht, ob und in welchem Ausmaß er betrogen worden war. Er hatte im Geiste einen Prozentsatz von zwei Dritteln als vernünftigen Näherungswert angenommen. In Wirklichkeit - das hatte er während der Gerichtsverhandlung gemerkt - war der Betrug weitaus geringer gewesen. In dieser Hinsicht stimmte der Prozeß ihn fröhlich; er gab ihm zwar die Gewißheit, daß sein Freund ein Betrüger war, ihn aber schüchtern und zurückhaltend zu finden, rührte ihn zutiefst. Er versuchte zu erklären, daß er überzeugt sei, um zwei Drittel geprellt worden zu sein und trotzdem nie daran gedacht hätte zu töten. Wie hätte er auch töten können wegen eines so geringfügigen Schadens? Alles war umsonst. Man erklärte ihm, er habe einen schlechten Charakter und leide an Allmachtsphantasien. Er sei indessen nicht verrückt, obwohl er mehr als eine Neigung, eine Art Liebe zum Wahnsinn hege. Er mußte zugeben, daß die Bemerkung begründet war. Von diesem Augenblick an sah er davon ab, sich mit vernünftigen und stichhaltigen Argumenten zu verteidigen. Der Umstand, daß es ihm - einem bis zur Schludrigkeit sanftmütigen Menschen - beschieden war, des Mordes angeklagt vor Gericht zu erscheinen, deuchte ihn derart wunderbar und unwahrscheinlich, daß er zu dem Schluß kam, eines der großen Themen seines Lebens verwirklicht zu haben: die Erringung eines objektiven Wahnsinns - nicht nur seines eigenen, sondern eines strukturellen Wahnsinns, in dem alles fest verknüpft, alles folgerichtig und alles schlüssig war. Allmachtsdelirium? Aber er war ja wirklich allmächtig. Da man ihn, den Unschuldigen, des Mordes für schuldig befunden hatte, bildete er und kein anderer den Eckpfeiler des Wahngebäudes. Welch schwierige Rolle! Er konnte nicht lügen, da er endlich eine wahre Welt bewohnte, und er konnte nicht vorgeben, verrückt zu sein, ohne das gesamte Wahngebilde ins Wanken zu bringen. Es bedurfte großer Klugheit, und die hatte er. - (pill)

Wahnsinn (7)

- E.T.A. Hoffmanns Leben und Nachlass. Von Julius Eduard Hitzig. Frankfurt am Main 1986 (it 1986, zuerst ca. 1825)

Wahnsinn (8)  Der Colonel leerte sein Glas und sagte: »Wahnsinn und Bösartigkeit verdanken wir der freien Erziehung.«

Mrs. Beadle sprang auf einmal aus ihrem Sessel hoch und rief: »Raus! Raus mit dir, Teufel!« Dann setzte sie sich ruhig wieder hin.

Alle fuhren zusammen, außer natürlich Mr. Menus. »Sei unbesorgt«, sagte er zu seiner Tante, »sie treibt bloß Teufel aus. Sie tut das höchstpersönlich mindestens einmal pro Tag, es lohnt sich für sie.«   - Djuna Barnes, Saturnalien. In: D. B., Hinter dem Herzen. Berlin 1994

Wahnsinn (9)   Als wir auf Träume zu sprechen kommen, merken wir beide fast gleichzeitig, daß bestimmte Traumstrukturen gewöhnliche Formen des Wahnsinns wären, sofern sie im Wachzustand andauerten. Im Traum dürfen wir unsere Begabung für den Wahnsinn gratis erproben. Gleichzeitig vermuten wir, daß jeder Wahnsinn ein Traum ist, der sich festsetzt.   - (ray)

Wahnsinn (10)   Andererseits wieder hat der Traum eine nicht zu leugnende Aehnlichkeit mit dem Wahnsinn. Nämlich, was das träumende Bewußtseyn vom wachen hauptsächlich unterscheidet, ist der Mangel an Gedächtniß, oder vielmehr an zusammenhängender, besonnener Rückerinnerung. Wir träumen uns in wunderliche, ja unmögliche Lagen und Verhältnisse, ohne daß es uns einfiele, nach den Relationen derselben zum Abwesenden und den Ursachen ihres Eintritts zu forschen; wir vollziehn ungereimte Handlungen, weil wir des ihnen Entgegenstehenden nicht eingedenk sind. Längst Verstorbene figuriren noch immer als Lebende in unsern Träumen; weil wir im Traume uns nicht darauf besinnen, daß sie todt sind. Oft sehn wir uns wieder in den Verhältnissen, die In unserer frühen Jugend bestanden, von den damaligen Personen umgeben, Alles beim Alten; weil alle seitdem eingetretenen Veränderungen und Umgestaltungen vergessen sind. Es scheint also wirklich, daß im Traume, bei der Thätigkeit aller Geisteskräfte, das Gedächtniß allein nicht recht disponibel sei. Hierauf eben beruht seine Aehnlichkeit mit dem Wahnsinn, welcher, wie ich gezeigt habe, im Wesentlichen auf eine gewisse Zerrüttung des Erinnerungsvermögens zurückzuführen ist. Von diesem Gesichtspunkt aus läßt sich daher der Traum als ein kurzer Wahnsinn, der Wahnsinn als ein langer Traum bezeichnen. Im Ganzen also ist im Traum die Anschauung der gegenwärtigen Realität ganz vollkommen und selbst minutiös, hingegen ist unser Gesichtskreis daselbst ein sehr beschränkter, sofern das Abwesende und Vergangene, selbst das fingirte, nur wenig ins Bewußtseyn fällt.  - (schop)

Wahnsinn (11)  Der echte Wahnsinn ist jener, der am stärksten auf die volkstümliche Einbildungskraft wirkt; er erzeugt Unruhe und Schrecken. Ein sehr sicherer Instinkt kündigt jenen Kinderseelen die göttliche Enttäuschung an, die sie im Schiffbruch eines Geistes vermuten, und einfache Menschen, die nicht durch die schwachsinnige Wissenschaft der Kommentatoren abgestumpft sind, spüren tief drinnen die Ungeheuerlichkeit eines solchen Unglücks. Ob übernatürliche Prüfung oder harte Bestrafung irgendeines Anschlags, dieses unvergleichliche Unheil beunruhigt sie — und vor allem fürchten sie die Ansteckung.   - Léon Bloy, Blutschweiß. Berlin 2011 (zuerst 1893)

Wahn Verrückt Sinn
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