W    Als sich die Tür öffnete, trat ein großer, wohlgenährter Mann ins Zimmer, der ein wenig wie ein Postbote aussah. Seine Vorderseite und seine Rückseite verschwanden hinter zwei enormen, ungefähr ein zu anderthalb Meter großen Mappen, die über den Schultern mit gewöhnlichem Bindfaden befestigt waren. Ein regulärer Sandwichman. Ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen, zog er aus der Vordermappe einen ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter großen Karton hervor, auf den der Buchstabe W gemalt war. Er hielt ihn sich vor die Brust und begann mit gewaltiger Stimme zu deklamieren, zu schreien, zu zischen und zu brüllen: ein Gedicht, das nur aus den vokalen Variationen dieses einen Buchstabens bestand. Eine Symphonie von Tönen, die uns für die nächsten fünf bis sechs Minuten den Atem verschlug und unseren eigenen Ohren nicht trauen ließ. Nachdem er beschlossen hatte, das Gedicht sei zu Ende, tat er ganz sachlich den Karton in die Mappe zurück und trat mit einer kurzen, korrekten Verbeugung vor jeden von uns, mit Ausnahme derjenigen, die ihn schon kannten, und betonte auf streng hannoveranisch: Kurt Schwitters. - Hans Richter, Dada-Profile. Zürich 1961
 
 

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