Vortizismus   I.

Unser Vortex hat keine Angst vor der Vergangenheit, er hat ihre Existenz vergessen.
Unser Vortex betrachtet die Zukunft ebenso sentimental wie die Vergangenheit.
Die Zukunft ist wie die Vergangenheit weit entfernt und darum sentimental.
Das bloße Element »Vergangenheit« muß bewahrt werden, um unsere Melancholie aufzusaugen und zu absorbieren.
Alles Abwesende, Entfernte, das einer Projektion in die verborgene Schwäche des Geistes bedarf, ist sentimental.
Die Gegenwart kann in hohem Maße sentimental sein - insbesondere, wenn man das bloße Element »Vergangenheit« ausschließt.
Unser Vortex handelt nicht nur mit reagierender Aktion noch identifiziert er die Gegenwart mit abstumpfenden Zurschaustellungen von Vitalität.
Der neue Vortex taucht in das Herz der Gegenwart.
Die Chemie der Gegenwart ist anders als die der Vergangenheit. Mit dieser anderen Chemie produzieren wir eine Neue-Lebens-Abstraktion.
Der Rembrandt-Vortex überflutete die Niederlande mit einem Strom von Träumen.
Der Turner-Vortex stürzte auf Europa mit einer Welle von Licht.
Wir wollen Vergangenheit und Zukunft mit uns haben, die Vergangenheit, um unsere Melancholie zu säubern, die Zukunft, um unseren lästigen Optimismus zu absorbieren.
Mit unserem Vortex ist die Gegenwart die einzige aktive Angelegenheit.
Leben ist Vergangenheit und Zukunft.
Gegenwart ist Kunst.

II.

Unser Vortex verlangt wasserdichte Einteilungen. Es gibt keine Gegenwart - es gibt Vergangenheit, Zukunft, und es gibt Kunst.

III.

In einem vortizistischen Universum erregen wir uns nicht an dem, was wir erfunden haben.
Wenn das so wäre, hieße das, daß es Zufall war.
Es ist kein Zufall.
Wir haben keine Verbotens.
Es gibt nur eine Wahrheit, uns selbst, und alles ist erlaubt.
Aber wir sind keine Templer.
Wir sind stolz, gutaussehend und räuberisch.
Wir jagen Maschinen, das ist unser Lieblingsspiel.
Wir erfinden sie und dann bringen wir sie zur Strecke ...

    - Nach: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938). Hg. Wolfgang Asholt, Walter Fähnders. Stuttgart Weimar 1995

 

Avantgarde

 

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