orschlag  In England ward vorgeschlagen, die Diebe zu kastriren. Der Vorschlag ist nicht übel: die Strafe ist sehr hart, sie macht die Leute verächtlich, und doch noch zu Geschäften fähig; und wenn Stehlen erblich ist, so erbt es sich nicht fort. Auch legt der Muth sich, und da der Geschlechtstrieb so häufig zu Diebereyen verleitet, so fällt auch diese Veranlassung weg. Muthwillig bloß ist die Bemerkung, daß die Weiber ihre Männer desto eifriger vom Stehlen abhalten würden; denn so wie die Sachen jetzt stehn, riskiren sie ja sie ganz zu verlieren.  - Lichtenberg, nach (wv)

Vorschlag (2) Ich schlage vor, in allen Schulen einen Kurs zur "Erlernung der Langsamkeit" einzuführen. Von mir aus darf es sogar ein Leistungskurs sein. Langsamkeit wäre eine Gangart, die der Zeit zuwider verliefe. Die bewusste Verzögerung. Das bis zum Stillstand gebremste Tempo. Das Erlernen des Innehaltens, der Muße. Nichts wäre inmitten der gegenwärtigen Informationsflut hilfreicher als eine Hinführung der Schüler und Schülerinnen zur Besinnung ohne lärmende Nebengeräusche, ohne schnelle Bildabfolge, ohne Aktion und hinein ins Abenteuer der Stille, in der einzig Eigengeräusche erlebt werden können. Ich weiß: ein Vorschlag, den zu realisieren zwangsläufig die Zeit fehlen wird.   - Günter Grass, nach: DIE ZEIT Nr. 21/1999

Vorschlag (3)   Menschen, die man am Tage für ehrbare Bürger halten würde, so tadellos sehen sie aus, verfolgen einen mit den absurdesten Angeboten von Vergnügungen. Geht man gleichgültig vorüber, vervielfachen sie ihre ebenso einzigartigen wie abstoßenden Vorschläge. Man versucht, ihnen zu entschlüpfen; aber sie lassen nicht ab und suchen mit allen erdenklichen Mitteln, einen kirre zu machen. Die Arche des Noah hat nicht so zahlreiche Tiere beherbergt, wie sie Vorschläge zu machen haben. Ihre Erfindungsgabe entzündet sich desto leidenschaftlicher, je hartnäckiger der Widerstand ist, den man ihnen entgegensetzt. Und diese Tartarins des Lasters böten am liebsten den Vulkan selbst zur Befriedigung irgendeiner abstrusen Begierde an, wenn man ihn nur haben wollte. - (err)

Vorschlag (4)   Einer meiner Bekannten, ein sehr erfahrener Amerikaner, versicherte mir, dass ein gesundes, wohl gepflegtes einjähriges Kind köstliche, nahrhafte und bekömmliche Gerichte liefert, ganz gleich ob in gedämpftem, gebratenem, gebackenem oder gekochtem Zustande. Ich zweifle nicht daran, dass es sich auch als Frikassee oder Ragout verwenden lässt. Daher unterbreite ich folgenden ergebensten Vorschlag zur öffentlichen Erwägung: Von den durch Zählung festgestellten hundertundzwanzigtausend Kindern (die alljährlich in Irland zur Welt kommen) mögen zwanzigtausend, darunter der vierte Teil männliche, zur Zucht aufbewahrt werden, was schon einen höheren Prozentsatz bildet, als wir Schafen, Rindern oder Schweinen zugestehen. Die übrigen Hunderttausend mögen, wenn sie das erste Lebensjahr vollendet haben, den angesehensten und wohlhabendsten Leuten des Königreichs zum Kauf angeboten werden. Der Mutter ist dabei stets anzuraten, sie im letzten Monat recht reichlich zu nähren, damit sie die für einen feinen Tisch notwendige Rundlichkeit erlangen. Aus einem Kinde wird man zu einem Gesellschaftsessen zwei Gerichte herstellen können. Speist die Familie unter sich, so wird ein Vorder- oder Hinterviertel ausreichen. Mit Pfeffer und Salz bestreut, kann es gut am vierten Tage gekocht werden, besonders im Winter.   - Jonathan Swift, nach Anm. zu: Thomas de Quincey, Der Mord als schöne Kunst betrachtet. [O. O., Berlin ?] 2002

Vorschlag (5)  Wie es so oft in Farcen und fremden Städten geschieht, stieß Van auf eine andere Bekanntschaft. In einer Aufwallung von Entzücken sah er Cordula in einem engen scharlachroten Rock sich mit Babyworten der Beruhigung über zwei unglückliche Pudelchen beugen, die an dem Wartepflock eines Wurstladens festgebunden waren. Van streichelte sie mit den Fingerspitzen, und als sie sich empört aufrichtete und umdrehte (Empörung augenblicklich durch fröhliches Wiedererkennen ersetzt), zitierte er die abgenutzten, aber zutreffenden Zeilen, die er seit den Tagen kannte, da seine Schulkameraden ihn damit ärgerten:

Die Veens sprachen nur mit den Tobaks,
Doch Tobaks nur mit dem Hund.

 Der Lauf der Jahre hatte ihre Hübschheit nur noch unterstrichen, und wenn auch seit 1889 viele Moden gekommen und gegangen waren, er traf sie zu einer Jahreszeit, als Frisuren und Rocklinien kurz zu dem Stil von einem Dutzend Jahren vorher (eine andere, viel elegantere Dame war ihr bereits voraus) zurückkehrten und so die Unterbrechung erinnerter Zustimmung und Freude auslöschten. Sie tauchte in einen Wasserfall höflicher Fragen - er aber hatte auf der Stelle Wichtigeres zu klären - solange die Flamme noch flackerte.

«Laß uns», sagte er, «die Schwellung wiedergewonnener Zeit nicht auf den Erguß von small talk anwenden. Ich berste vor Energie, wenn's das ist, was du wissen möchtest. Schau: Es mag dumm und unverschämt klingen, aber ich habe eine dringende Bitte. Willst du mit mir beim Hörnen deines Gatten kooperieren? Es muß sein!»

«Also wirklich, Van!» rief die entrüstete Cordula. «Du gehst ein bißchen weit. Ich bin glücklich verheiratet. Mein Tobakchen betet mich an. Wir hätten inzwischen zehn Kinder, wenn ich nicht bei ihm und anderen aufgepaßt hätte.»

«Du wirst mit Befriedigung vernehmen, daß dieser andere sich als völlig steril herausgestellt hat.»

«Nun, ich bin alles andere. Ich glaube, ich könnte ein Maultier zum Fohlen bringen, nur durch Hingucken. Außerdem esse ich heute mit den Goals zu Mittag.»

«C'est bizarre, ein aufregendes kleines Mädchen wie du kann so zärtlich zu Pudeln sein und weist trotzdem einen armen, korpulenten, steifen alten Veen ab.»

«Die Veens sind viel zu freche Hunde.»

«Da du Metaphern sammelst», beharrte Van, «laß mich ein arabisches zitieren. Das Paradies liegt nur ein Assbaa südlich der Schärpe eines hübschen Mädchens. Eh bien?»

«Du bist unmöglich. Wo und wann?»

«Wo? In dem schäbigen kleinen Hotel drüben auf der anderen Straßenseite. Wann? Gleich jetzt. Ich habe dich noch nie auf einem Steckenpferd gesehen, denn das ist's, was tout confort verspricht - und nicht viel mehr.»

«Ich darf nicht später als halb zwölf zu Hause sein, es ist jetzt beinah elf.»

«Es dauert fünf Minuten. Bitte!»

Rittlings ähnelte sie einem Kind, das zum erstenmal Karussell fährt. Sie zog eine eckige moue, als sie die ordinäre Vorrichtung benutzte. Traurige, mürrische Huren tun es mit ausdruckslosem Gesicht und zusammengepreßten Lippen. Sie ritt es zweimal. Ihre rasche Nummer mit Wiederholung dauerte insgesamt fünfzehn Minuten, nicht fünf. Sehr zufrieden mit sich ging Van ein Stück Weges mit ihr durch den braunen und grünen Bois de Belleau.  - (ada)

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