ielköpfigkeit   »Die seltsamste aller Sternvölkerschaften ist zweifellos das Volk der Polyonten oder Vielinger, die auch Vielister genannt werden. Bei ihnen hat jeder zwar nur einen einzigen Körper, dafür aber um so mehr Beine, je höhere Ämter er bekleidet. Die Köpfe hinwiederum, die hat man dort von Fall zu Fall. Arme Leute haben nur ein einziges Haupt für die ganze Familie. Die Reichen aber horten in ihren Schatzkammern vielerlei Köpfe für verschiedene Anlässe. So ein Reicher hat also Morgenköpfe und Abendköpfe, strategische Köpfe für Kriegsfälle und Expreßköpfe, weil er es eilig haben könnte, ferner kalt abwägende Köpfe, Hitzköpfe, leidenschaftliche Köpfe, Hochzeits-, Liebes- und Trauerköpfe. So ist er für jede Lebenslage gerüstet.«

 »Ist das schon alles?« - fragte der König. »Nein, o Herr!« - entgegnete der Weise, der schon merkte, wie schlecht es um ihn stand. »Die Vielinger tragen diesen Namen auch deshalb, weil alle mit ihrem Herrscher zusammengeschaltet sind. Wenn nun die Mehrheit in den königlichen Betätigungen einen Schaden für das allgemeine Wohl erblickt, dann verliert dieser Herrscher den Zusammenhalt und fällt in Stücke . . .«

»Der Einfall ist trivial, um nicht zu sagen: majestätszerbrecherisch« - sagte Globares grämlich. »Da du selbst so viel von Köpfen geredet hast, sagst du mir vielleicht, was du denkst: lasse ich dich jetzt köpfen, oder lasse ich dich nicht köpfen?« »Wenn ich sage, er werde mich köpfen lassen« — dachte der Weise rasch, - »dann wird er es tun, denn er ist gegen mich eingenommen. Wenn ich aber sage, er werde es nicht tun, dann überrasche ich ihn. Und staunt er, so muß er mich freilassen; wie er versprochen hat.«

Und er sagte: »Nein, o Herr, du läßt mich nicht köpfen.« »Du irrst« - sprach der König. »Henker, walte deines Amtes.« »Nicht doch, o Herr!« - rief der Weise, schon unter dem Zugriff der Henkersknechte. »Haben dich meine Worte nicht überrascht? Erwartetest du nicht eher die Antwort, du werdest mich köpfen lassen?«

»Deine Worte haben mich nicht überrascht« - entgegnete der König. »Denn der Schreck, der sie diktiert hat, steht dir im Gesicht geschrieben. Schluß damit! Herunter mit dem Kopf!« - Stanislaw Lem, Robotermärchen. Frankfurt am Main 1973 (st 2673, zuerst 1964)

Vielköpfigkeit (2)

Vielköpfigkeit (3)  Die rituelle Mythe von der Tötung der lernäischen Schlange wurde mit der der Danaiden, der alten Wasserpriesterinnen Lernas, in Verbindung gebracht. Die Anzahl der Köpfe, die der Hydra zugeschrieben werden, variiert verständlicherweise: als ein Priesterinnenkollegium hatte sie fünfzig Köpfe; als der heilige Tintenfisch — eine Verkleidung der Thetis, die auch ein Kollegium von fünfzig Priesterinnen ihr eigen nannte — hatte sie acht schlangenartige Arme, die in Köpfen endeten, und ein Haupt auf ihrem Leib, so daß es zusammen neun — zu Ehren der Mondgöttin — waren. Hundert Köpfe weisen auf die Zenturie oder Kriegseinheit hin, die Argos von Lerna aus überfiel. Zehntausend ist eine typische Übertreibung des Euripides, der als Mythograph nicht sehr gewissenhaft war.  - (myth)

Vielköpfigkeit (4)  Da kommt des Weges daher Jender Meren, der gelbe Unhold, mit seinen fünfundneunzig Köpfen.

»Aha«, spricht Dsang, »es ist die Zeit gekommen, daß ich dieses Leben rette!« Spricht er zu Betschin Niru, seiner Gemahlin. Betschin Niru, die Gemahlin, aber hat in ihrem Schoß einen Knaben.

»Wenn du deinen Sohn gebären wirst, dann gib ihm, bitte, die Namen: >Messerschneide, Pfeil-Schlange, Feind-Besieger und Rad der Lehre des Pferdemähnigen!< Ich aber mache mich auf, das Leben zu retten!« Sprach's, und fort war er.

Jender Meren, der gelbe Unhold mit den fünfundneunzig Köpfen, setzte ihm auf eine Strecke von drei Jahren nach. Sein Pferd aber sprach:

»Schau zurück!« Und als er rückwärts blickte, da gewahrte er, daß jener näher und näher herankommt, an Strecke verlierend, sich nähert.

»Nimm deinen Kiesel und den Feuerstahl, sprich: ›Verwandle dich in einen glatten roten Felsen‹ und schleudere ihn!« sprach das Pferd. Da nahm er seinen Kiesel und den Feuerstein und sprach: »Werde zu einem glatten roten Felsen!« Als nun aber das Pferd des Jender Meren, des gelben Unholds mit den fünfundneunzig Köpfen, auf den glatten roten Felsen klettern wollte, da konnte es keinen Schritt vorwärts tun. Wie aber das geschah, da machte sich, sagt man, der gelbe Unhold, zur Rückkehr auf. Er bemächtigte sich der Betschin Niru, der Gemahlin, nahm das untertänige Volk, die Jurten und das Vieh, die Weiber und die Kinder allzumal und zog von dannen. - Mongolische Märchen. Hg. Walter Heissig. München 1993 (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)

Vielköpfigkeit (5)

- Paul Rumsey

Vielköpfigkeit (6)

Vielköpfigkeit (7)

- Fortunio Liceti, De Monstris

 

Kopf Vielgliedrigkeit

 

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