ibration  Es giebt keinen größern Kontrast, als den zwischen der unaufhaltsamen Flucht der Zeit, die ihren ganzen Inhalt mit sich fortreißt, und der starren Unbeweglichkeit des wirklich Vorhandenen, welches zu allen Zeiten das eine und selbe ist. Und faßt man, von diesem Gesichtspunkt aus, die unmittelbaren Vorgänge des Lebens recht objektiv ins Auge; so wird Einem das Nunc stans im Mittelpunkt des Rades der Zeit klar und sichtbar. - Einem unvergleichlich länger lebenden Auge, welches mit einem Blick das Menschengeschlecht, in seiner ganzen Dauer, umfaßte, würde der stete Wechsel von Geburt und Tod sich nur darstellen wie eine anhaltende Vibration, und demnach ihm gar nicht einfallen, darin ein stets neues Werden aus Nichts zu Nichts zu sehn; sondern ihm würde, gleichwie unserm Blick der schnell gedrehte Funke als bleibender Kreis, die schnell vibrirende Feder als beharrendes Dreieck, die schwingende Saite als Spindel erscheint, die Gattung als das Seiende und Bleibende erscheinen, Tod und Geburt als Vibrationen.  - (wv)

Vibration (2)  Hast du sie schon von den Vibrationen reden gehört? Nur selten. Sogar die Pinien in der Villa Borghese sterben wegen der Vibrationen, und ihr begreift es nicht. Es handelt sich nicht um einen geheimnisvollen Wurm, wie die Zeitungen geschrieben haben, es handelt sich um die Vibrationen der Motoren. Die Häuser an der Appia Nuovs stürzen ein, die Flugzeuge stürzen ab, die Fische im Meei sterben aus, Straßenunfälle und Waldbrände an dei französischen und an der italienischen Küste, und Millionen von Menschen sterben an rätselhaften Krankheiten. Das liegt an den Vibrationen.

Die Gebirge senken und heben sich, die Zellen des Lebens entstehen aus dem Nichts, auf den Planeten gibt es Erdbeben und Überschwemmungen, und die Post komml nicht an, und schuld an allem sind die Vibrationen. Die Züge entgleisen, die Schiffe versinken, die Hochspannungsleitungen stürzen ein, und Revolutionen brechen aus wegen der Vibrationen. Vor allem darf man abei nicht vergessen, daß die Vibrationen auch alle sexuellen Kombinationen in der Welt der Tiere, Mensch inbegriffen, verursachen. Zum Beispiel ich und der Wal.

Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Vibrationen. Auch das Fieber ist eine Vibration, die Hitzewellen. Und was ist denn das Licht? Auch das Licht, Irrtum vorbehalten, besteht aus Vibrationen. Sogar die Materie ist aus Vibrationen gemacht, und das heißt das ganze Universum, die Sonne, die Planeten und die andern Sonnensysteme inbegriffen. Auch das Feuer, das Wasser, die Luft und das Große Universelle Telesma, wie Hermes gesagt hat, sind nichts anderes als Vibrationen. Wenn die Mönche in den Klöstern beten, lassen die Gebete die Luft bis in den Himmel hinauf vibrieren, das sagen die Kirchenväter, wenn sie von den Vibrationen sprechen und auch die Chroniken des Mittelalters, als die Klöster noch voll von Mönchen und Gebeten waren. Heute sind die Klöster fast leer oder verfallen, die Vibrationen sind aber immer noch in der Luft. Ich habe die Vibrationen nicht erfunden, schon die alten Ägypter kannten sie, und ihr habt sie vergessen. Manche sagen auch, Gott bestehe aus Vibrationen.

Und was ist der Funk ? Auch er besteht aus Vibrationen, wie die menschliche Stimme, die Schallwellen und die Stimmbänder. Elisabella vibrierte in der Distanz, die Stimme des Bosses über Funk genügte, daß sie zu vibrieren begann. Rom und Orvieto sind hundert Kilometer voneinander entfernt, und sie vibrierte. Auch ich vibrierte bis zur letzten Zuckung, als ob ich in ihren Garten eingedrungen wäre.  - (prot)

Vibration (3) »Die Langdons können jeden Augenblick kommen. Du willst sie doch nicht in diesem Aufzug empfangen?«

»Warum denn nicht, du alte Urschel?« sagte sie.

Der Hauptmann sagte kalt und steif: »Du widerst mich an.«

Mrs. Pendertons Antwort darauf war ein plötzliches Lachen, sanft und ausgelassen zugleich, als hätte man ihr irgendeine lang erwartete skandalöse Neuigkeit oder einen gewagten Witz erzählt. Sie zog ihren Sweater aus, knüllte ihn zu einer Kugel und warf ihn in die Zimmerecke. Dann knöpfte sie sorgfältig ihre Reithosen auf und zog sie aus. Gleich darauf stand sie nackt am Kamin. Das helle orangefarbene Feuer hob ihre makellose Gestalt hervor. Die Schultern waren so gerade, daß die Schlüsselbeine sich scharf und rein abzeichneten. Zartblaue Adern zeigten sich zwischen ihren runden Brüsten. In wenigen Jahren würde ihr Körper voll erblüht sein wie eine Rosenblüte, während die sanften Rundungen jetzt noch durch Sport gestrafft waren. Sie stand ganz still und friedlich da, und doch ging ein unmerkliches Vibrieren von ihrem Körper aus, als könne man bei einer leisen Berührung das stillströmende rote Blut unter dem hellen Fleisch pulsieren fühlen. Während der Hauptmann sie mit der stummen Empörung eines Mannes betrachtete, der einen Schlag ins Gesicht erhalten hat, ging sie heiter und gelassen durch den Hausflur und die Treppe hinauf. Die Vordertür stand offen. Ein Luftzug wehte aus der dunklen Nacht herein und hob eine Strähne ihres Bronzehaares empor.

Ehe der Hauptmann sich von seinem Schock erholt hatte, war sie schon die halbe Treppe hinaufgegangen. Dann erst lief er zitternd hinter ihr her. »Ich werde dich umbringen! Verlaß dich drauf!« rief er mit erstickter Stimme. Seine linke Hand umklammerte das Geländer, während er den rechten Fuß auf die Treppe setzte, als wollte er hinter ihr herspringen. Langsam drehte sie sich um und blickte gleichgültig eine Weile auf ihn hinunter, ehe sie zu ihm sagte: »Hat dich schon mal eine nackte Frau beim Kragen genommen, mein Junge, und auf die Straße gezerrt und durchgeprügelt?«    - Carson McCullers, Spiegelbild im goldenen Auge. Zürich 1974 (zuerst 1941)

Vibration (4)  
Bewegung
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