Urgroßvater  Das ist dein Urgroßvater, der Joseph Koljaiczek. Achte auf seine flackernden Brandstifteraugen, auf die göttlich polnische Verstiegenheit und die praktisch kaschubische Verschlagenheit über seiner Nasenwurzel. Bemerke bitte auch die Schwimmhäute zwischen seinen Zehen. Im Jahre dreizehn, als die ›Columbus‹ vom Stapel lief, geriet er unter ein Holzfloß, mußte lange schwimmen, bis er nach Amerika kam und dort Millionär wurde. Doch manchmal geht er wieder zu Wasser, schwimmt zurück, taucht hier unter, wo er erstmals als Brandstifter Schutz gefunden und seinen Teil zu meiner Mama spendete.  - Günter Grass, Die Blechtrommel. Frankfurt am Main 1965 (Fischer-Tb. 47314, zuerst 1959)

Urgroßvater (2)  Anfänglich war die Geschichte meiner Familie für uns, die Ferreira-Quadernas, eine Art von beschämendem Stigma und ein unauslöschlicher Makel in unserem Blut. Und das mit gutem Grund, da allein mein Urgroßvater, Seine Majestät König Johann Ferreira-Quaderna, der Abscheuliche, in einem Zeitraum von drei Tagen 53 Personen enthaupten ließ, unter ihnen 30 unschuldige Kinder; das geschah in dem schicksalhaften, unter schlechten Vorzeichen stehenden Monat Mai des Jahres 1838. Mein Vater, Dom Pedro Justine, und meine Tante Dona Filipa, seine Schwester, grausten sich vor all den von unseren Vorfahren begangenen Morden und fürchteten, das Blut der Unschuldigen könne eines Tages auf unsere Häupter zurückfallen, wie die Juden das Blut Christi auf die ihrigen herabriefen.

Trotz all diesen Sorgen erzählte eines Tages mein alter Verwandter und Firmpate, der Volksbarde João Melquíades Ferreira, in einem Augenblick der Begeisterung für die Größe der Familie dies alles mir, der ich sein Schüler in »der Kunst der Dichtung« war. Ich war entsetzlich niedergeschlagen und fühlte mich, als vergiftete das vergossene Blut ein für allemal das meinige. Damals mochte ich ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein; und was mich bei alldem am meisten beeindruckte, war der Tod eines Kindes, das ungefähr meines Alters war; sein eigener Vater hatte es auf Befehl meines Urgroßvaters enthauptet. In der Stunde der Opferung hatte der Unschuldsengel dem Enthaupter sanfte Vorwürfe gemacht und klagend bemerkt: »Mein Vater, hast du nicht gesagt, du liebtest mich so sehr?«   - (stein)

Urgroßvater (3)  Das Gesicht des Sergeants umwölkte sich, und er spie gedankenverloren einen Meter weit vor sich auf die Straße. »Ich werde Ihnen ein Geheimnis mitteilen«, sagte er sehr vertraulich mit leiser Stimme. »Mein Urgroßvater war dreiund-achtzig, als er starb. Vor seinem Tode war er ein Jahr lang ein Pferd gewesen!«

»Ein Pferd?«

»Ein Pferd, und zwar in allem außer den äußerlichen Externalitäten. Er verbrachte seine Tage grasend auf der Wiese oder im Stall und fraß Heu. Meist war er still und faul, aber hin und wieder brach er in einen schnittigen Galopp aus und setzte stilvoll über eine Hecke. Haben Sie jemals einen Mann auf zwei Beinen gesehen, der galoppiert?«

»Noch nie.«

»Nun, es heißt, das sei ein großartiger Anblick. Er sagte immer, er habe das Grand National gewonnen, als er noch wesentlich jünger gewesen sei, und er pflegte seine Familie mit Erzählungen über seine schwierigen Sprünge und deren enorme Höhe zu verärgern.«

»Ich nehme an, Ihr Herr Urgroßvater hat sich diesen Zustand durch zuviel Reiten zugezogen?«

»Sie haben es erfaßt. Mit seinem alten Hengst Dan war es genau umgekehrt. Er machte ständig Ärger, kam nachts ins Haus, wirkte tagsüber störend auf die jungen Mädchen ein und beging so viele beklagenswerte Ordnungswidrigkeiten, daß man ihn erschießen mußte. Die Polizei zeigte sich unein-sichtig, da sie damals den wahren Sachverhalt noch nicht begriff. Sie sagte, sie werde das Pferd festnehmen und anklagen und dem Magistrat vorführen müssen, wenn es nicht umgebracht würde. Also hat meine Familie das Pferd erschossen, aber wenn Sie mich fragen, war es mein Urgroßvater, der erschossen, und das Pferd, das auf dem Friedhof von Cloncoonla beigesetzt wurde.«  - (obr)

 

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