räumer   Kalugin schlief ein und träumte, er säße in einem Gebüsch und ein Milizionär käme an dem Gebüsch vorbei.

Kalugin wachte auf, rieb sich den Mund, schlief wieder ein und träumte, er ginge an einem Gebüsch vorbei und in dem Gebüsch säße lauernd ein Milizionär.

Kalugin wachte auf, legte sich eine Zeitung unter den Kopf, damit das Kopfkissen nicht von seinem Speichel naß wurde, schlief wieder ein und träumte wieder, er säße in einem Gebüsch und an dem Gebüsch käme ein Milizionär vorbei.

Kalugin wachte auf, wechselte die Zeitung, legte sich wieder hin und schlief ein. Und wieder träumte er, er ginge an einem Gebüsch vorbei und in dem Gebüsch säße ein Milizionär.

Da wachte Kalugin auf und nahm sich vor, nicht weiterzuschlafen, doch im Nu war er wieder eingeschlafen und träumte, er säße hinter einem Milizionär und ein Gebüsch käme vorbei.

Kalugin wälzte sich im Bett und schrie, konnte nun aber nicht mehr aufwachen.

Kalugin schlief vier Tage und vier Nächte, und als er am fünften Tag aufwachte, war er so mager, daß er die Stiefel an die Beine binden mußte, um sie nicht zu verlieren.

Die Verkäufer in dem Brotladen, wo Kalugin sein Weizenbrot kaufte, erkannten ihn nicht wieder und jubelten ihm ein Mischbrot unter.

Die Hygienekommission, die die Wohnungen kontrollierte und Kalugin sah, erklärte ihn für unhygienisch und zu nichts tauglich und beauftragte die Wohnungsgenossenshaft, ihn zum Müll zu werfen.

Kalugin wurde in der Mitte zusammengelegt und weggeworfen wie Müll. - (charms)

Träumer (2) Traumhaft ist alles Erleben. Der Traum ist ein Erlebnis. Träume sind Schäume. Träumen kann man nur beim Schlafen. Im wachen Zustand nie. Man wird geweckt und ist wach. Der Traum ist ein Nachleben. Sehr richtig. Steht in der Welt richtig. Bemühe dich zu schreiben. Sei gesund und rüstig und ehrlich. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Du sollst nicht stehlen. Werde ein anständiger Mensch. Träume richtig, sei ehrlich mit dir selbst. Gib Frieden. Friede ist ihr erst Geläute. Gib acht, daß du nur gute Träume hast, kein Kopfweh hast. Sei rein. Sei stets hilfsbereit, und es wird dir wohlergehen auf Erden. Sei gesund. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohlergehe auf Erden. Es ist ein Gott. In Gott sind 3 Personen. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Gib acht, daß dir nichts passiert. Sei nicht ordinär. Habe die Gedanken beisammen. - O.T., aus: Literatur und Schizophrenie, München 1977 (dtv WR 4394)

Träumer (3) Traum:  wo ich schwebe, Weiber küsse und zu Otto sage:

sage wenn ich  aufwachen soll: so erwach ich. Er that‘s, ich erwachte mit der Anstrengung womit ich mich aus dem Alpdrücken wecke — und lag mit ihm im Bette in einer Wirthsstube volt stummer Gäste, um mich nicht zu stören. Er sagte mir, er hab mich im Traum reden hören. Ich erzählt ihm seine Erscheinung in der Stube. — Endlich wahres Erwachen   - (idg)

Träumer (4) Einmal sah ich den verstorbnen Herold; »ich darf nur von dir gehen, so sinkst du in Staub« Ich ging, er kam wieder — mein Grausen — ich fragte über 2te Welt: »sie sei, aber anders.« Ich um zu prüfen ob es ein Traum oder eine Wirklichkeit bat ihn, englisch zu sprechen, weil ich dann (dacht‘ ich im Traum) es selber machen müßte, wenn ich blos träumte, er würde es dann nicht können. Er konnt‘ es auch nicht sehr. Aber die Erscheinung verlief sich.  - (idg)

Träumer (5) Dort in der Traumtiefe, das erfuhr er mit Wucht im Schlafen und dachte es aufgewacht weiter, zeigte sich ihm sein Gesetz als Bild, Bild um Bild. Jene Träume erzählten, und sie erzählten, wenn auch nur in monumentalen Fragmenten, die oft in den üblichen Traumunsinn übergingen, ihm gebieterisch ein weltumspannendes Epos von Krieg und Frieden, Himmel und Erde, Westen und Osten, Mord und Totschlag, Unterdrückung, Empörung und Versöhnung, Schlössern und Spelunken, Urwäldern und Sportpalästen, Verschollengehen und Heimkehr, triumphalen Vereinigungen zwischen Wildfremden und sakramentaler ehelicher Liebe, mit unzähligen, dabei scharfumrissenen Personen: vertrauten Unbekannten, den durch die Jahrzehnte wechselnden Nachbarn, den entfernten Geschwistern, Filmstars und Politikern, Heiligen und Puppen, den in den Träumen verwandelt (so wie sie in Wahrheit gewesen waren) weiterlebenden Vorfahren, und immer neu den Kindern, dem Kind der Kinder_als einer der Hauptfiguren. Er selbst trat in der Regel dabei gar nicht mit auf, war bloßer Zuschauer und Zuhörer. Ebenso gesetzkräftig wie die Bilder waren die Gefühle, die dieser da hatte; manche davon erfuhr er im Wachen nie, wie etwa die Ehrfurcht vor einem bloßen Menschenantlitz, oder die Verzückung, vor dem Traumblau eines Berges, oder sogar die Gläubigkeit (auch sie dabei ein Gefühl), vor nichts als dem »Ichda«; andere kannte er zwar, aber rein und inbildhaft wurden sie ihm erst mit der den Schläfer durchglühenden Sinnlichkeit des epischen Träumens: Wie er dann statt Dankbarkeit die Dankbarkeit empfand, so auch das Erbarmen, die Kindlichkeit, den Haß, das Staunen, die Freundschaft, die Trauer, die Verlassenheit, die Todesangst. Aufgewacht, von solchen Träumen wie durchlüftet und durchsäuert, spürte er weit über sich hinaus den Rhythmus ausschwingen, dem er mit dem Schreiben zu folgen hätte. Und wieder, nicht zum ersten Mal, schob er die Sache hinaus, zugunsten einer Nebensächlichkeit? (Jene Träume waren es, die ihm das zu bedenken gaben, niemand anders war seine Instanz.) - Peter Handke, Versuch über die Jukebox. Frankfurt am Main 1990

Träumer (6) Im Schlaf, dieser allabendlichen, abenteuerlichen Reise, liegt etwas ausdrücklich Wunderbares. Er ist ein Wunder, dessen pünktliches Eintreffen alles Geheimnisvolle abgestumpft hat. Die Träume des Menschen sind von doppeltem Rang. Die einen sind erfüllt von seinem gewöhnlichen Leben, seinen Besorgnissen, seinen Wünschen und seinen Lastern und verbinden sich auf mehr oder weniger seltsame Weise mit den im Lauf des Tages wahrgenommenen Gegenständen, die sich auf der breiten Leinwand des Gedächtnisses zudringlich festgesetzt haben. Dies ist der natürliche Traum. Er ist der Mensch selber. Aber dann die andere Art des Traums! Der sinnlose, unvorhergesehene Traum, ohne Beziehung und Verbindung zum Charakter, zum Leben und den Leidenschaften des Schläfers! Dieser Traum, den ich hieroglyphisch nennen will, stellt augenscheinlich die übernatürliche Seite des Lebens dar. Und gerade weil er widersinnig ist, haben die Alten geglaubt, er sei göttlichen Ursprungs. Da der Traum aus natürlichen Gründen unerklärlich ist, haben die Alten ihm einen außerhalb des Menschen liegenden Grund beigemessen. Auch heute noch gibt es, ohne von den Traumdeutern zu sprechen, eine philosophische Schule, die in dieser Art Träume bald einen Vorwurf und bald einen Ratschlag sieht. Mit einem Wort, ein symbolisches und moralisches Bild, das im Geist des schlafenden Menschen entstanden ist. Dies ist ein Wörterbuch, das man studieren sollte, eine Sprache, zu der die Weisen den Schlüssel erlangen könnten.  - Charles Baudelaire, Die künstlichen Paradiese. Zürich 2000 (zuerst ca. 1860)

Träumer (7) Es war Herr Cazotte, ein liebenswürdiger origineller Mann, der aber unglücklicher Weise von den Träumereyen derer, die an eine höhere Erleuchtung glauben ganz eingenommen war. Er nahm nun das Wort, und sagte mit dem ernsthaftesten Ton: ›Meine Herren! freuen Sie sich; sie alle werden Zeugen jener grosen und sublimen Revolution seyn, die sie so sehr wünschen. Sie wissen, daß ich mich ein wenig auf das prophezeyen lege; ich wiederhole es ihnen: sie werden sie sehen.‹

›Dazu braucht man eben keine prophetische Gabe‹ , antwortete man ihm.

›Das ist wahr‹ , erwiederte er; ›aber vielleicht etwas mehr für das was ich ihnen noch zu sagen habe. Wissen sie, was aus dieser Revolution — (wo nähmlich die Vernunft im Gegensatz der geoffenbarten Religion triumphirt) — entstehen wird — was sie für sie alle, so viel ihrer hier sind, seyn wird, was ihre unmittelbare Folge, ihre unläugbare und anerkannte Würkung seyn wird ?‹

›Last uns sehen‹ , sagte Condorcet, mit seiner sich einfältig stellenden Mine; ›einem Philosophen ist es nicht leyd, einen Propheten anzutreffen‹ .

›Sie Herr Condorcet‹  — fuhr Hr. Cazotte fort, ›Sie werden ausgestreckt auf dem Boden eines unterirdischen Gefängnisses, den Geist aufgeben, sie werden vom Gift sterben, das sie werden verschluckt haben, um den Henkern zu entgehen, vom Gift, welches Sie das Glück der Zeiten, die alsdann seyn werden, zwingen wird, immer bey sich zu tragen.‹

Dies erregte anfangs groses Staunen, aber man erinnerte sich bald, daß der gute Cazotte bisweilen wachend träume, und man bricht in ein lautes Gelächter aus. ›Herr Cazotte‹ , sagte einer der Gäste, ›das Märchen das sie uns da erzählen, ist nicht gar so lustig, als ihr verliebter Teufel — (le Diable amoureux ist ein artiger kleiner Roman, den Cazotte geschrieben hat.) — Was für ein Teufel hat ihnen denn das Cachot, das Gift und die Henker eingegeben? — was hat denn dies mit der Philosophie, und mit der Herrschaft der Vernunft gemein ?‹

›Dies ist gerade, was ich ihnen sage‹ , versezte Cazotte. ›Im Namen der Philosophie, im Namen der Menschheit, der Freyheit, unter der Vernunft, wird es eben geschehen, daß sie ein solches Ende nehmen werden; und alsdann wird doch wohl die Vernunft herrschen, denn sie wird Tempel haben; ja es wird zu derselben Zeit in ganz Frankreich keine andere Tempel geben als Tempel der Vernunft.‹

›Warlich‹ ,  sagte  Chamfort mit einem höhnischen Lächeln, ›sie werden keiner von den Priestern dieser Tempel da seyn.‹ Cazotte erwiederte:

›Dies hoffe ich; aber Sie Herr von Chamfort, der Sie einer derselbigen seyn werden, und sehr würdig sind es zu seyn, sie werden sich die Adern mit zwey und zwanzig Einschnitten mit dem Scheermesser öfnen, und dennoch werden Sie erst einige Monate darauf sterben.‹

Man sieht sich an, und lacht wieder —

Cazotte fährt fort: ›Sie Herr Vicq d'Azyr, sie werden sich die Adern nicht selbst öfnen; aber hernach werden sie sich dieselbe in einem Tage sechsmal in einem Anfall von Podagra öfnen lassen, um Ihrer Sache desto gewisser zu seyn, und in der Nacht werden Sie sterben.

Sie, Herr Nicolai! Sie werden auf dem Schaffot sterben.

Sie, Herr Bailly! auf dem Schaffot.

Sie, Herr von Malesherbes! auf dem Schaffot.

›Gott sey gedanktI‹ ruft Herr Roucher; ›es scheint, Herr Cazotte hat es nur mit der Akademie zu thun; er hat eben ein schreckliches Gemetzel unter ihr angerichtet; ich — dem Himmel sey es gedankt —‹

Cazotte fiel ihm in die Rede: ›Sie ? — sie werden auch auf dem Schaffot sterben.‹

›Hah! dies ist eine Wettung‹, ruft man aller Orten aus; ›er hat geschworen Alles auszurotten.‹ —

Er.  ›Nein, ich bin es nicht, der es geschworen hat.‹

Die Gesellsch. ›So werden wir denn von Türken und Tartaren unterjocht werden? — und dennoch.‹

Er. ›Nichts weniger; ich hab es ihnen schon gesagt; sie werden alsdann allein unter der Regierung der Philosophie, und der Vernunft stehen. Die, welche sie so behandeln, werden lauter Philosophen seyn, werden immer dieselben Redensarten führen, die sie seit einer Stunde auskramen, werden alle Ihre Maximen wiederholen, werden, wie sie, die Verse des Diderot und der Pücelle anfuhren.‹

Man sagte sich ins Ohr, ›sie sehen wohl daß er den Verstand verlohren hat — (denn er blieb bey diesen Reden sehr ernsthaft) — Sehen Sie nicht daß er spaßt ? — und sie wissen, daß er in alle seine Scherzreden Wunderbares einmischt‹ — ›Ja!‹ sagte Chamfort; ›aber ich muß gestehen, sein Wunderbares ist nicht lustig; es ist zu sehr Galgenartig. Und wenn soll denn dieses Alles geschehen ?‹

Er. ›Es werden nicht sechs Jahre vorbey gehen, daß nicht alles was ich Ihnen sage, erfüllt sey.‹

›Dies sind viele Wunder — (diesmal war ich es (nähmlich La Harpe) der das Wort nahm) — und von mir sagen Sie nichts ?‹

›Bey Ihnen‹, antwortete Cazotte, ›wird ein Wunder vorgehen, das wenigstens eben so ausserordentlich seyn wird, Sie werden alsdann ein Christ seyn.‹

Allgemeines Ausrufen! — ›Nun bin ich beruhigt‹, rief Chamfort; ›kommen wir erst um, wenn La Harpe ein Christ ist, so sind wir unsterblich!‹

›Wir, vom weiblichen Geschlecht‹, sagte alsdann die Herzogin von Grammont, wir sind glücklich, daß wir bey den Revolutionen für nichts gezählt werden. Wenn ich sage, für nichts, so heist dies nicht so viel, als ob wir uns nicht ein wenig darein mischten; aber es ist so angenommen, daß man sich deswegen nicht an uns und unser Geschlecht hält.‹

Er. ›Ihr Geschlecht, meine Damen! wird ihnen diesmal nicht zum Schuz dienen, und sie mögen noch so sehr sich in nichts mischen wollen; man wird sie gerade wie die Männer behandeln, und in Ansehung ihrer keinen Unterschied machen. ‹

Sie. ›Aber was sagen Sie uns da, Herr Cazotte? — Sie predigen uns ja das Ende der Welt.‹ - La Harpe, nach (still)

Träumer (8)  Er ließ sich im leeren Haus seines Vaters in Alexandria nieder, lebte schnell und sah zu, wie sich die weißen Luftblasen unter seinen Nägeln in die Welt davonstahlen wie Luftbläschen, die aus Fischkiemen aufsteigen. Er begrub sein Haar, trug Beduinensandalen, die den Abdruck eines Hufes hinterließen, und in einer Nacht voller Regentropfen, groß wie Ochsenaugen, träumte er seinen letzten Traum. Diesen Traum zeichnete er auf:

Zwei Frauen beobachteten, wie auf der anderen Seite des Weges aus dem Strauchwerk längs des Baches ein kleines, sehr buntes Tierchen von heller Farbe hervorschlüpfte, gleich einem geschminkten Gesicht, aufgespießt auf zwei scharfe Messerchen, und sie riefen:

Schau, das ist (sie erwähnten den Namen)!Man hat ihm jemanden erschlagen oder sein Haus zerstört. Stets verschönt und verwandelt es sich vor Furcht. Man muß ihm jetzt irgendein Buch und einen Bleistift geben oder eine Schleckerei. Es wird zu lesen beginnen und etwas aufschreiben, doch auf einer Blume, nicht auf dem Papier...

Das war der Traum Dr. Abu Kabir Muawijas. Am nächsten Abend träumte er ihn erneut, und wieder behielt er, wie beim erstenmal, den Namen des Tierchens nicht im Gedächtnis. Dann aber träumte er alle seine Träume noch einmal der Reihe nach, doch in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst jenen vorgestrigen, dann den vorvorgestrigen, darauf den vor dem vorvorgestrigen und so weiter, aber so schnell, daß sich alle seine Träume des vorbeigerauschten Jahres in einer Nacht vollendeten. Nach siebenunddreißig Nächten hatte er die Arbeit abgeschlossen, er war bis zu den frühesten Träumen seiner Kindheit gelangt, jenen, deren er sich, wenn erwach war, nicht mehr zu erinnern vermochte, und er kam zu dem Schluß, daß der Mulatte Aslan, sein Diener, der das schmutzige Geschirr mit dem Bart auswischte, der nur schiß, wenn er schwamm, und das Brot mit bloßen Füßen schneiden konnte, ihm jetzt ähnlicher war als er seinem Selbst von vor siebenunddreißig Jahren. So kam er zum letzten Traum. In seinen Träumen floß seine Zeit, wie die chasarische, vom Ende des Lebens zu dessen Anfang hin und lief ab. Von nun an träumte er nichts mehr. Er war rein. Und bereit zu einem neuen Leben. - (pav)

Träumer (8)  O ihr träumer von träumen, ihr träumtet nie, was ich träumte, und ich träume nie, was ihr träumt, und ihr werdet nie träumen, was ich träumen werde, denn ich träume meine träume und ihr träumt die euren. - (tra)

Träumer (9)  Der Träumer ist der eigentliche Tatmensch. Da das Leben im wesentlichen ein geistiger Zustand ist und alles, was wir tun oder denken, für uns in Proportion zu dem gültig ist, was wir für gültig halten, hängt die Wertung von uns ab. Der Träumer ist ein Verteiler von Banknoten, und die Banknoten, die er verteilt, laufen in der Stadt seines Geistes auf die gleiche Weise um wie die Banknoten der Wirklichkeit. Was kümmert es mich, daß das Papiergeld meiner Seele niemals in Gold konvertierbar ist, wenn es niemals Gold gibt in der künstlichen Alchimie des Lebens? Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Besser und glücklicher sind jene dran, die anerkennen, daß alles Fiktion ist, und den Roman schreiben, bevor er über sie geschrieben wird, und wie Machiavelli Hofkleidung anlegen, um insgeheim gut schreiben zu können.   - Fernando Pessoa, nach: Tintenfaß 15, Zürich 1986

Träumer (10) Als ich im Traum verlegen war, wie ich bei einem juristischen Termin eine Sache unvorbereitet ausführen sollte: so fiel mir zum Troste ein, vielleicht ists ein Traum, aus welchem dir ohnehin das Erwachen hilft. Jetzo prüfte ich meinen Zustand des Wachens, ob es der wahre sei. Ich fand ihn wahr, indem ich mich umsah, mir meiner selbst mit Absicht recht bewußt wurde. »Ich wüßte ja sonst, sagt ich im Traum, wie sich sonst Wachen und Träumen unterscheiden, wenn ich jetzo Unrecht hätte.« — Aber eben nur im Traume kann man sich fragen, ob man wache; und ich begreife nicht, wie so viele Schreiber ihre Helden bei einem großen Glück sich fragen und prüfen lassen, ob sie wachen; denn nur der Träumende, der Fieberhafte, Trunkne kann eine Frage thun, deren Aufwerfen ihr Verneinen ist.  - (idg)

Träumer (11)   Hallo,ja, ich hasse Sie, ich bin der schmierige häßliche Träumer,und ich träume immer nur die häßlichsten Sachen von Ihnen/ und natürlich stecke ich schon längst in Ihnen,so hören Sie mich besser, ja,hier spricht Ihr vegetatives Nervensystem,Sie können mich auch autonom  nennen,hallo,ja,dort sitze ich,und eine schleimige Hand streichelt Sie von innen,hallo , Sie meinen das sei zu kalt,ich  würde sagen,§ie verbrennen, ja, ich bin für Sie Vater und bin für Sie Mutter ,Hallo,ja,ich höre Sie sehr fein durch jede Zelle hindurch,durch Flüssiges und nicht Flüssiges bis rauf,und rühre in den endokrinen Drüsen, und ja,natürlich wachse ich in Ihnen mit,und dann ziehe ich von innen hinter den Augen so einen schmierigen,lumpigen Schleier davor,und das ist wie ein fauler  Rülpser,der  in Ihnen hoch steigt,Hallo,das- Zittern bin  ich,und das  schicke ich Ihnen hoch,ist ein schmieriger  Traum von mir eigens  für Sie   allein,ja, diese Drohung,Hallo,auf Sie   gespuckt,wassen los? Ich  träume weiter,streichl Sie   schleimig  zurück in die Babie-Stimme,macht Sie  ganz klein.Das  ist  mein Beruf. Ja,Hallo,ich hasse   Sie auf die- körperliche   Tour und, die kennt keine Wörter!//  - Rolf Dieter Brinkmann, Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin (Tagebuch). Reinbek bei Hamburg 1987

Träumer (12)  Er ist einer der größten Träumer, die man je zu sehen bekam. Einmal, als er mit seinem Vetter Bussy-Lamet übernachtet hatte, nahm er ein kleines Buch aus jener Zeit mit dem Titel «Das sterbende Frankreich» und ging damit auf den Abtritt. Anstelle des Papiers, dessen er sich bedient hatte, warf er sein Buch hinein und kam mit dem Papier vor der Nase zurück, das er dann auf den Nachttisch legen wollte. «Was ist das denn?» fragte Bussy. «Das ist das «Sterbende Frankreich».» - «Aber gewiß doch! Schaut es doch näher an; riecht ein wenig daran.» - «Oh, dann habe ich es wohl in den Abtritt geworfen.» Er nimmt ein Endchen Wachslicht, entzündet es und wirft es auch hinein. «Ah! Wirklich, da ist das Buch!» (Einmal aß er träumerisch so viele Erbsen, bis er nicht mehr konnte: «Da seht nur», sagte er, «diese Terle von Lataien haben nichts gesagt, sie haben mich tlepielen lassen.»)

Einmal besuchte er einen seiner Freunde auf dem Lande allein und auf einem großen Pferd. Er mußte wegen eines Bedürfnisses absteigen und konnte dann keinen Auftritt finden; nach und nach ging er zu Fuß bis zum Tor dessen, den er aufsuchen wollte, und als er dort einen Auftritt gefunden hatte, steigt er wieder auf sein Pferd und kehrt auf demselben Weg um, ohne aus seiner Träumerei aufzuwachen.

Es ist ihm häufig widerfahren, daß er auf der Straße mit jemandem zusammenstieß. Einmal, als Malherbe, Yvrande und er im selben Zimmer geschlafen hatten, stand er als erster auf und nahm die Kniehosen Yvrandes für seine Unterhosen. Als Yvrande sich anziehen wollte, fand er seine Hosen nicht; man suchte sie überall. Schließlich betrachtete er Racan, und der schien ihm unten herum dicker als gewöhnlich. «Meiner Treu!» sagte er zu ihm. «Entweder ist Euer Hintern dicker als gestern, oder Ihr habt meine Hosen unter die eurigen angezogen.» Und in der Tat, er schaute nach und fand sie.

Einmal, als er einen Prior unter seinen Freunden auf die Rebhuhnjagd mitnehmen wollte, sagte der Prior zu ihm: «Ich muß die Vesper lesen und habe niemanden, mir zu helfen.» - «Ich werde Euch helfen», sagte Racan. Und mit diesen Worten sagte Racan, indem er völlig vergaß, daß er die Flinte über der Schulter trug, und ohne sie abzunehmen, das ganze Magnificat auf.

Mehrmals gab er seinen Freunden Almosen, da er sie für Bettler hielt.

Eines Nachmittags wurde er völlig durchnäßt. Er kommt zu Herrn von Bellegarde, tritt in das Zimmer von Frau von Bellegarde, im Glauben, er sei in seinem eigenen; er sieht nicht Frau von Bellegarde und Frau von Loges, die beide in der Ecke beim Feuer saßen. Sie sagten nichts, um zu sehen, was der Erzträumer anstel­len würde. Er läßt sich die Stiefel ausziehen und sagt zu seinem Lakaien: «Geh meine Stiefel putzen; meine Strümpfe werde ich hier trocknen.» Er geht zum Feuer und legt seine Stiefelsocken fein säuberlich auf den Kopf von Frau von Bellegarde und Frau von Loges, die er für zwei Feuerböcke hielt; danach begann er sich aufzuwärmen. Sie bissen sich auf die Lippen, um nicht zu lachen, schließlich platzten sie heraus.

Es heißt, er habe einen ganzen Tag lang gehinkt, weil er immer mit einem hinkenden Edelmann spazicrenging. Eines Morgens, als er noch nüchtern war, bat er bei einem seiner Freunde um einen Tropfen Wein. Jener sagte zu ihm: «Da seht, da auf dem Tisch steht ein Glas Gewürzwein und ein Glas mit Medizin, die ich einnehmen will. Verwechselt sie nicht.» Racan verfehlte nicht, die Medizin zu nehmen, und da sein Freund Sorge trug, sie so angenehm wie möglich mischen zu lassen, glaubte Racan, es sei ein recht mittelmäßiger oder abgestandener Gewürzwein. Er geht zur Messe, wo er kurze Zeit später ein kräftiges Rumoren in seinem Magen verspürt, und nur mit großer Mühe rettete er sich in ein ihm bekanntes Haus. Der Kranke, der das andere Glas getrunken hatte, verspürte nur eine Wärme und kein Bedürfnis, zu Stuhle zu gehen. Er schickt zu Racan, der ihm bestellen läßt, daß er für diesen Tag purgiert sei, ohne den Apotheker bezahlt zu haben.

Als er jener den Hof machte, die er dann geheiratet hat und die er nur bekam, weil Frau von Bellegarde zu alt war, um noch Kinder zu bekommen, und ihm ein Vermögen vermachte, wollte er ihr auf dem Lande seine Aufwartung machen mit einem Gewand in celadongrünem Taft. Sein Diener Nicolas, der mehr zu sagen hatte als sein Herr, riet ihm: «Und wenn es regnet, was ist dann mit dem Celadon-Gewand? Zieht Euer Gewand aus Wollzeug an, unter einem Baum in der Nähe des Schlosses wechselt ihr die Kleidung.» - «Gut, Nicolas», sagte er, «ich will tun, was du willst, mein Junge.» Als er seine Hosen hochzog, es war in einem kleinen Gehölz in der Nähe des Hauses seiner Geliebten, taucht sie mit zwei anderen Mädchen auf. «Oh, Nicolas», sagte er, «habe ich es dir nicht gesagt?» - «Zum Henker», antwortete der Diener, «nun beeilt Euch doch nur.» Jene Geliebte wollte sich entfernen, die anderen aber schoben sie aus Bosheit vorwärts. «Mademoiselle», sagte der schöne Verliebte, «Nicolas hat es so gewollt: Rede für mich, Nicolas, ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll.»

Als in der Académie die Reihe mit einer Rede an ihm war, kam er mit einem zerrissenen Stück Papier in den Händen dort an. «Messieurs», sagte er, «ich brachte Euch meine Festrede, aber mein großes Windspiel hat sie ganz zerkaut. Hier ist sie: entnehmt daraus, was Ihr könnt, denn ich weiß sie nicht auswendig, und ich habe auch keine Abschrift.» Er ist der einzige, der seinen Ernennungsbrief als Akademiemitglied erhalten wollte, und als sein ältester Sohn groß genug war, nahm er ihn mit in die Académie, damit er alle Mitglieder begrüßte.

Er erzählte, wie er einer Kupplerin eine Pistole versprochen hatte für ein junges Fräulein, das sie ihm zuführen sollte, anstelle deren sie ihm aber eine liederliche Vettel brachte, die nichts von einem Fräulein hatte. Racan gab ihr nur eine Münze über vierzehneinhalb Sols, das Viertteil eines Stücks von achtundfünfzig Sols; sie waren damals noch verbreiteter.
«Was ist das denn?» fragte sie. - «Das ist eine Pistole, verkleidet als Münze von vierzehn Sols, wie Ihr mir ein Fräulein verkleidet als Kammerfrau gebracht habt.»

Einmal übersetzte ihm jemand einige Epigramme einer Anthologie; er fand sie platt und sagte für platte Epigramme: «Epigramme nach griechischer Art». Zu jener Zeit speiste er bei einem hohen Herrn, wo er vor sich eine Suppe fand, die nur nach Wasser roch. Sich zu einem Freund, der jene Gedichte mit ihm durchgesehen hatte, wendend, sagte er: «Das hier ist eine Suppe nach griechischer Art.»

Einer seiner Nachbarn schenkte ihm einmal ein sehr schönes Hirschgeweih. Racan trug seinem Diener auf, der mit ihm zu Pferd war, es aufzunehmen. Es war spät; Racan drängte; jener Bursche sagte zu ihm: «Monsieur, ich habe vorhin schon alles mögliche aufgeladen, was Ihr mir gegeben habt; ich sehe wohl, daß Ihr nicht wißt, wie mühsam es ist, Homer zu tragen, denn sonst würdet Ihr mich nicht so plagen, wie Ihr es tut.»

Nach seiner Heirat und dem Tod der Frau von Bellegarde befehligte er eine Schwadron Edellente vom Landsturm. Er erzählt, er habe sie nicht dazu bringen können, weder am Tag noch in der Nacht, Wache zu halten noch etwas dergleichen, und schließlich mußte er um ein Regiment Fußtruppen bitten, um sie von allen Seiten einzuschließen. Eines Tages gab es auf dem Marsch irgendeinen Alarm; bei seiner Rückkehr fand er sie alle -er war unterdessen beim General gewesen -, das Schwert in der einen und die Pistole in der ändern Hand, die Vorderen so gut wie die Hinteren, obgleich vor ihnen erst neun Schwadronen hätten durchbrochen werden müssen, um zu ihnen zu gelangen. Einer unter ihnen gab einem vor ihm Stehenden einen Pistolenschuß in die Schulter.

Nach dem Tod Malherbes verfaßte der gute Racan zwanzig Jahre keine Verse mehr. Schließlich machte er sich auf dem Lande wieder daran, wo er Psalmenübersetzungen anfertigte, ganz naive, wie er sagte, in Wirklichkeit aber die plattesten von der Welt. Später verfaßte er seine Paraphrasen der Psalmen, die er zum Druck brachte, in denen es schöne Stellen gibt, aber sie kommen dem, was er einst gemacht hat, nicht gleich.

Als Racan 1650 Vormund des kleinen Grafen von Marans aus dem Hause von Bueil war, forderte der Gatte der Mutter ihn zum Duell. Racan sagte: «Ich bin sehr alt und kurzatmig.» - «Er wird sich zu Pferde schlagen», versicherte man ihm. - «Ich bekomme Geschwüre an den Beinen», wandte er ein, «wenn ich Stiefel anziehe; und dann habe ich zwanzigtausend Pfund an Einkünften zu verlieren. Ich werde mich mit einem Degen versorgen; wenn er mich angreift, werde ich mich verteidigen. Wir führen einen Prozeß, wir haben keine Händel.» Die Marschälle von Frankreich machten den galanten Mann gehörig herunter.

Der große Kummer des armen Mannes war, daß sein ältester Sohn nur ein Schafskopf war und daß er denjenigen, von dem er sich seine Freude erhoffte, verloren hat. - (tal)

Träumer (13)  Jens ergriff von dem Haus in der Bredgade Besitz und unterwarf es sich, weder durch Macht noch durch Gewalt, sondern kraft jener betörenden und unwiderstehlichen Eigenschaft, die vielleicht das Betörendste und Unwiderstehlichste auf der Welt ist: der des Träumers, dessen Träume wahr werden. Das alte Haus verliebte sich ein bißchen in ihn. Solches ist stets das Los der Träumer, sofern sie es mit  Menschen zu tun haben, die überhaupt für die Magie der Träume empfänglich sind. Der berühmteste von ihnen, Racheis Sohn, mußte darum, wie alle Welt weiß, schwere Heimsuchungen erleiden und wurde sogar in den Kerker geworfen. Abgesehen von seiner Größe, hatte Jens keine Ähnlichkeit mit den klassischen Porträts des Cupido; und doch war es offensichtlich, daß der Reeder und seine Frau, ohne es zu wissen, einen kleinen Amor zu sich genommen hatten. Er verlieh dem Haus Flügel und war im Bunde mit den süßen und erbarmungslosen Mächten der Natur, und seine Beziehung zu jedem einzelnen Mitglied des Haushaltes entwickelte sich zu einer Art von ätherischem Liebesverhältnis. Kraft dieses selben Magnetismus' hatte Jakob den Jungen bei ihrer ersten Begegnung als Erben der Firma auserkoren und fürchtete Emilie sich davor, allein mit ihm zu sein. Der alte Schiffseigner und die Dienerschaft entgingen ihrem Schicksal ebensowenig — so wie einst Potiphar, der Kriegsoberste des Pharao. Ehe sie noch wußten, wie ihnen geschah, hatten sie alles, was sie besaßen, in seine Hände gelegt.

Eine Wirkung dieser Zaubermacht war diese: daß die Menschen dazu gebracht wurden, sich selbst mit den Augen des Träumers zu sehen, und gezwungen wurden, einem Ideal nachzuleben, und daß sie in ihrer höheren Existenz von ihm abhängig wurden. Während der Zeit, da Jens im Hause lebte, verwandelte es sich von Grund auf und wurde anders als die übrigen Häuser in der Stadt. Es wurde zum Olymp, zur Wohnstatt der Gottheiten.

Das Kind faßte den gleichen gebieterischen, lachenden Stolz an dem alten Reeder, der die Wasser der Welt regierte, wie an Jakobs solider, beschützender Güte und Emilies sei-denumhüllter Anmut. Die alte Haushälterin, die sich stets über ihr schweres Lebenslos beklagt hatte, verwandelte sich nun in eine allgewaltige, wohlwollende Hüterin menschlichen Gedeihens, in eine Ceres mit Häubchen und Schürze. Und der Kutscher wurde eine monumentale Gestalt, himmelhoch über die Menge aufragend und in seiner Person die Kraft der beiden Braunen vereinend, und trabte auf acht wohlbeschlagenen, klingenden Hufen die Bredgade hinab. Erst nachdem Jens ins Bett gebracht worden war, wenn er, regungslos und stumm, den Kopf im Kissen vergraben, neue Traumgefilde erkundete, nahm das Haus wieder das Aussehen eines vernünftigen, soliden Kopenhagener Patrizierhauses an.

Jens war sich seiner Macht nicht bewußt. Da seine neue Familie ihn weder schalt noch Fehler an ihm fand, fiel es ihm nie auf, daß sie alle auf ihn schauten. Er gab keinem der Hausbewohner den Vorzug; er hatte ihnen allen in seiner Welt ihren Platz zugewiesen und in diesen mußten sie sich nun fügen.  - Tania Blixen, Wintergeschichten. Reinbek bei Hamburg 1989

Träumen

 

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