Tränenfluß  In das Innere der Kluft dringend, das aus geräumigen Hallen bestand, in denen es glitzerte und strahlte, trotzdem es dort keine Sonne gab, stand ich plötzlich, ohne einen Menschen gesehen zu haben, vor einer nach unten führenden Leiter, die aussah, als könnte sie in das Innerste und Unterste der Erde führen.

Stundenlang stieg ich nach unten, so daß ich zuletzt das Gesicht der Leiter zuwenden mußte, um durch Schwindelgefühl nicht den Halt zu verlieren. Ein dunkelgähnender Abgrund schien sich für mich aufzutun und nur ein in der entfernten Niederung hüpfendes Flämmchen gab mir Mut. Als ich endlich festen Grund unter den Füßen hatte, war ich mir klar, daß ich mich am Ufer eines Flusses befand, daß da ein Wächter, der allerdings schon zum Geist geworden war, mir den Weg versperrte und sagte: »Was suchst du hier? Bist du noch ein Lebender oder schon ein Toter? Zu welcher Art gehörst du? Du hast doch keinen schwarzen Hund dabei? Rede!« Es war der N'ontufe, der Fährmann, der so mit mir sprach.

Ich antwortete und bat ihn, mich überzusetzen, worauf er sagte: »Nein, denn wenn ich dich hinüberfahre, so kannst du nie mehr zur Erde zurück, denn dieser Fluß heißt Kille-hue, Tränenfluß, und niemand überquert ihn zweimal. Hast du eine Botschaft für bereits Heimgegangene?« Während ich mit dieser vom Körper losgelösten Seele sprach, sah ich am jenseitigen Ufer des Flusses meine beiden Brüder hinter blühenden Bäumen hervorkommen, mir Zeichen gebend. Ich ahmte diese Zeichen nach, und als der Fährmann es sah, sagte er: »Willst du dein Leben schon beschließen oder hast du noch Verpflichtungen?« Worauf ich antwortete und sagte: »Da meine beiden Brüder älter waren als ich, möchte ich doch noch so lange leben als sie gelebt haben. Doch möchte ich sie erst fragen und mir ihren Rat holen.« Dabei schaute ich immer hinein in das Tal der Toten, das unendlich weit war, wo alles grünte, Blumen blühten, obstbehangene Bäume zum Teil noch mit Blüten geschmückt waren, wo seltsame Tiere sich tummelten im herrlichen Garten. Aber trotz allem wollte ich noch nicht dort leben. Und als der Mann, der ein Geist war, streng sagte: »Wenn du auch nur ein Wort mit deinen Brüdern redest, so steigst du nimmermehr hinauf. Denn sie werden dir sagen, daß es hier sehr schön ist, der abgelegte Körper eine Last war.«    - (arauk)

 

Tränen Fluß

 

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