Tourist, amerikanischer   Abends schlenderte Profane - rasiert, gebadet, in Lederjacke, Blue Jeans und seinem großen Cowboyhut - den Kingsway entlang und suchte Unterhaltung. Er fand sie in Person einer Brenda Wigglesworth, einer amerikanischen Luftwaffenangestellten, die das Beaver College besucht hatte und der - wie sie selbst sagte - zwelundsiebzig Shorts gehörten, von denen sie die Hälfte im Juni auf ihre vielversprechende große Europareise mitgenommen hatte. Wahrend der Überfahrt wurde sie nie nüchtern, und die vielen Sloe-Gin-Fizzes ließen sie schwanken wie das Schiff. Mit einem Steward (Sommerjob) aus der öden Gegend von Jersey hockte sie in den verschiedenen Rettungsbooten; er gab ihr eine Orange, einen schwarzen Spielzeugtiger, ließ sie (zum einzigen Mal in ihrem Leben) Angst vor einer Schwangerschaft haben und versprach ihr, sie in Amsterdam wiederzusehen - irgendwo hinter den »Five Flies«. Er war nicht erschienen: sie war wieder zu sich gekommen -war wieder die unerschütterliche Puritanerin geworden, die kurz vor der Heirat und an der Schwelle eines angenehmen Lebens stand -, auf dem Parkplatz einer Bar, der vollgestellt war mit Hunderten von schwarzen Fahrrädern: ihr Schuttplatz, ihre eigene Heuschreckenzeit. Skelette, Chitinpanzer, irgend etwas: ihr Inneres war auch ihr Äußeres, und los zog sie, die blonde, gar nicht mehr zerbrechliche Brenda, den Rhein hinauf, durch die sanft abfallenden Weinberge, nach Tirol hinein und hinaus in die Toskana, immer in einem gemieteten Morris, dessen Benzinpumpe gelegentlich unregelmäßig und laut klapperte; wie ihre Kamera, wie ihr Herz.

La Valetta war das Ende einer Saison, und alle ihre Freunde waren schon längst wieder nach Amerika abgesegelt. Sie hatte fast kein Geld mehr. Profane konnte ihr nicht helfen. Sie fand ihn interessant.

So sprachen sie bei Fizzes für sie, die langsam Stück um Stück von Profanes Fünf-Pfund-Note rissen, und Bier für Benny darüber, woran es lag, daß es mit ihnen so weit gekommen war, und wohin sie von La Valetta aus gehen wollten; es schien ihnen, jeder habe für sich allein zurückzukehren, und sie waren sich einig, es wäre nirgendwohin, aber manche von uns gehen nirgendwohin und reden sich selbst doch ein, sie hätten ein Ziel; es gehört ein gewisses Talent dazu, und Einwendungen werden als spitzfindig abgetan.   - (v)

Tourist, amerikanischer (2)   Als ich mich am Wagenheber hinhockte, schlug mir die Hitze tüchtig entgegen. Der Wagenheber war nicht geschmiert und quietschte, unsichtbare Düsenjäger schlitzten über meinem Kopf den Himmel auf, und ihr Donnergetöse erinnerte mich an die Schiffsartillerie, die den Brückenkopf in der Normandie deckte. Woher kommt diese Erinnerung? Ich war auch später noch in Europa gewesen, aber als offizielles Ausstellungsstück, zweiter Klasse zwar, weil zur Reserve gehörig oder beinahe fiktiv, ein Mitglied des Marsprojekts. Europa hatte mir seine Schokoladenseite präsentiert, erst jetzt lernte ich es, wenn nicht besser, so doch ohne Gala kennen, die nach Urin stinkenden Gassen Neapels, ihre gräßlichen Prostituierten, das Hotel, das sich noch mit Sternen aufspielte, vermorschte bereits, die Hökerinnen krochen heran, das Pornokino wäre früher neben einer solchen Stätte undenkbar gewesen. Doch vielleicht war es anders, vielleicht hatten die recht, die sagten, Europa zerfalle vom Kopf, von oben her?  - Stanislaw Lem, Der Schnupfen. Frankfurt am Main 1979

Tourist, amerikanischer (8)  
 

Tourist US-Amerikaner

 

  Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe

 

Verwandte Begriffe
Synonyme