od, eigener »Übrigens: Haben Sie schon mal von meinem Tod gehört? Nun, dann erzähle ich es Ihnen jetzt«, fuhr Egloff fort und berichtete, wie er in den zwanziger Jahren in einem Leipziger Hotelzimmer gesessen war, wie das Telefon geklingelt und er den Hörer abgenommen hatte. »Ja, bitte?« fragte er, und eine tränenbedrängte Stimme war zu hören: »Alfred, bist du's? Bist du es wirklich?« - »Selbstverständlich, Julia. Was hast du denn?« - »Ach, ich kann es dir nicht sagen. Ich bin ganz aufgelöst... In der Zeitung steht, du seist gestorben: ›Gestern verschied in Leipzig der zweiundvierzig Jahre alte Chefredakteur Alfred Egloff an einem Herzschlag‹... Und nun folgen deine Werke und was du sonst alles getan oder gemacht hast.« - »Aber, Julia, wenn ich tot wäre, könnte ich doch nicht sprechen.« Kurzum, es war schwierig, sie zu beruhigen, weil einer ihrer Assistentinnen im Fotoatelier (Egloff s Frau war Fotografin) die Todesnachricht in der Zeitung aufgefallen war und sie sofort bei der Zeitung angerufen und erfahren hatte: »Nein, Herrn Egioff können sie nicht sprechen.« Abends aber begegnete der inzwischen nach Dresden zurückgekehrte Alfred in einer Gesellschaft jenem Kollegen, der Nachtdienst gehabt und beim Einlaufen der Fernschreiben gehört hatte: ›Aus Leipzig kommt die Nachricht, daß Chefredakteur Alfred Egloff..‹. undsoweiter. Weshalb er gedacht hatte: du liebe Zeit, der gute Alfred ist gestorben. Dem muß ich gleich einen netten Nachruf schreiben. Und er hatte sich hingesetzt und dafür gesorgt, daß die Geschichte noch in die Morgenausgabe kam. Nun erbleichte er, als er ihn sah, kam näher und fragte: »Bist du's wirklich?« Es war nicht abzuleugnen.

Am nächsten Vormittag saß Egloff wieder in der Redaktion, wo nun die ersten Kränze telefonisch für ihn angemeldet wurden. Gärtnereien fragten an, ob die Kranzspenden in die Redaktion oder in die Wohnung geschickt werden sollten. Und er antwortete: »Schicken Sie's nur her«, weshalb er schließlich unter vielen Kränzen für die eigene Beerdigung am Schreibtisch saß.   - Hermann Lenz, Tagebuch vom Überleben und Leben. Frankfurt am Main 1981 (st 659, zuerst 1978)

Tod, eigener (2)    Francisco Sabaté fand einen Tod, wie er ihn sich wahrscheinlich gewünscht hätte. Wenige Kilometer vor der Grenze wurde sein Trupp von der Polizei aufgespürt, der man vermutlich einen Wink gegeben hatte. Der Gruppe gelang jedoch die Flucht. Zwei Tage später war sie umzingelt. Das einsame Gehöft, in das sie sich zurückgezogen hatte, wurde zwölf Stunden belagert. Sobald der Mond untergegangen war, versetzte Sabate mittels einer Handgranate das Vieh in Panik und schlich sich unbemerkt davon, nachdem er seinen letzten Polizisten getötet hatte. Er selbst war verwundet, alle Gefährten waren tot. Zwei Tage später, am 6. Januar, hielt er in der kleinen Station von Fornells den 6.20-Uhr-Morgenzug Gerona - Barcelona an und befahl dem Lokomotivführer, ohne anzuhalten, durchzufahren. Da in Massanet-Massanas die elektrifizierte Strecke beginnt, war das aber nicht möglich. Unterdessen war Sabates Fußwunde schon septisch. Er hinkte, hatte hohes Fieber und hielt sich mit Morphiuminjektionen aufrecht, die zu seiner Erste-Hilfe-Ausrüstung gehörten. (Die zwei anderen Wunden - eine Schramme hinter dem Ohr und ein Schulterdurchschuß - waren weniger gefährlich als die Fußverletzung.) Er aß das Frühstück der Maschinisten.

In Massanet kroch Sabaté in den Postwaggon. Dann erkletterte er die elektrische Lokomotive und arbeitete sich bis nach vorn zu dem Lokomotivführer durch. Dieser erklärte ihm wie sein Vorgänger, daß die direkte Durchfahrt bis Barcelona unmöglich sei, weil die Mißachtung der Fahrpläne eine Katastrophe provozieren würde. Ich glaube, daß das der Augenblick gewesen ist, in dem Sabaté einsah, daß er sterben mußte.

Bevor der Eisenbahnzug die kleine Stadt San Celoni erreichte, ließ Sabaté ihn langsamer fahren und sprang ab. Inzwischen war schon die Polizei entlang der ganzen Strecke alarmiert. Von einem Fuhrmann ließ er sich Wein geben, den er hastig in sich hineingoß; das Fieber hatte ihn ausgedörrt. Bei einer alten Frau erkundigte er sich nach einem Arzt und wurde an das andere Ende der Stadt verwiesen. Als er dort ein leeres Sprechzimmer vorfand, scheint er sich bei der Suche nach Angestellten des Arztes in der Tür geirrt zu haben. So geriet er an einen gewissen Francisco Berenguer, der wohl Verdacht schöpfte und den verstört aussehenden, ungewaschenen, mit Pistole und M. P. bewaffneten Fremden nicht eintreten lassen wollte. Es kam zu einem Handgemenge. Aus verschiedenen Straßen erschienen zwei Polizisten; wo sich ihre Wege kreuzen würden, rang Sabaté mit seinem Gegner. Um an die Pistole zu gelangen - die M. P. war nicht mehr zu erreichen -, biß er in Berenguers Hand. Nachdem er noch einmal einen Polizisten verwundet hatte, fiel Sabaté an der Ecke Calle San José und Calle San Tecla.  - (hob)

Tod, eigener (3) Mein Sohn beweinte meinen Tod. Ich sah ihn über meinen Sarg gebeugt. Ich wollte zu ihm eilen, um ihm zu sagen, daß es nicht wahr sei, daß es sich um eine andere Person handle, vielleicht um eine mir zum Verwechseln ähnliche, aber ich konnte nicht wegen des Krokodils. Es war weiter vorne, in dem tiefen Graben, um mich zu verschlingen. Ich schrie aus Leibeskräften, und die Trauergäste, statt ihn aufzuklären, blickten mich vorwurfsvoll an, vielleicht weil ich das Raubtier aufhetzte und sie fürchteten, selber angegriffen zu werden. Clide war der einzige, der mich weder sah noch hörte. Als der Mann vom Bestattungsinstitut mit einer Kiste kam, schien er ein Geiger zu sein, doch dann holte er einen Schweißbrenner hervor. Wenn das der Fall ist, war alles verloren, dachte ich; sie würden mich lebendig begraben und ich würde nichts erklären können. Die Nachbarn wollten ihn fortschieben, weil das der schmerzlichste Augenblick war, aber er klammerte sich an den Sarg. Der Mann begann den Deckel auf der Seite der Füße zuzuschweißen, und schon konnte ich nicht mehr: Ich schloß die Augen und rannte zu dem Graben, ohne mich von meinem sicheren Tod beeindrucken zu lassen. Dann erinnere ich mich nur noch an einen Schlag unters Kinn. Etwas wie eine Schneide, die über die Haut schabt. Vielleicht das Reiben gegen einen Zahn. Als ich die Hitze des Schweißens spürte, erwachte ich und begriff alles. Clide hatte recht: Ich war tot. Derselbe Raum, dieselben Leute. Mein armer Sohn war noch immer da. Der Schweißbrenner fauchte auf der Höhe meiner Wade. Der Beamte hob das freie Ende des Deckels, holt sein Taschentuch hervor und wischte das Blut von meiner Wunde. »Kommt vor«, sagte er. »Wegen des Schweißbrenners.«  - Jorge Alberto Ferrando, nach (bo4)

Tod, eigener (4) Daß es kein lebendes Ding gibt, das nicht in sich einen Plan des Todes trüge, seinen spezifischen und eigenen Plan, kann keiner, der geboren ist, mißachten: und daher müssen wir vermuten, daß eine Selbstmordeinflüsterung sich an diesem spezifischen Plan zu messen habe; so ist also der Wille zum Selbstmord dem eigenen Tod angepaßt und wird zu seinem Gewissen werden. Aber wie ist doch dies alles ungenau und von ungefähr; warum wohl sollte dieser Todesplan aus seiner Form solch mürbes und trübes Moos der Freiwilligkeit des Entschlusses und sogar des Todes-Stils treiben? Verhält es sich nicht vielmehr entgegengesetzt? Ich meine: ist nicht die Zufälligkeit, die stilistische Stillosigkeit des vorgeplanten eigenen Todes die ihm entsprechende Form? Und wäre dann der Selbstmord, mit dem ihm eigenen Ehrgeiz der Wahl sowohl der Zeit wie der Art und des Ortes und sogar seines Sinnes nicht ein Dementi jenes anderen Todes, den wir alle mit herumschleppen, in uns und um uns? Also: eine Verleugnung des Programms; vielleicht eine Berichtigung, als ob dieses Programm völlig unangemessen sei; oder ist nicht vielleicht, noch klüglicher, der Selbstmord eine höchst bevorzugte Todesart, eine ganz und gar eigene, eine Ausnahme im kollektiven Programm zuehren des privaten, persönlichen Programms? Aber wie und warum könnte man ein solch atypisches Programm ausarbeiten? Wie kann die Unnatürlichkeit des Selbstmords, von dem ja die Lebenden völlig überzeugt zu sein scheinen, eine so kostbare, bestechende und stechende Exaktheit erlangen? Hier stehe ich vor dieser scheinbaren "Widersprüchlichkeit: daß der Selbstmord, dieser freundschaftliche und engelhafte, von dem ich spreche, gleichgegenwärtig ist mit der Gesamtheit meines Lebens, als eine mit meiner Geburt heraufgeschwemmte Erinnerung; daß er daher einer wie immer geschaffenen tagtäglichen Motivierung entbehrt - unglückliche Lieben oder Kümmernisse oder Mißlichkeiten; und daß er gleichzeitig in keiner Weise die natürliche und abstrakte Form meines Lebens ist, da ja seine spezifische Art vermuten läßt, daß er einem ganz persönlichen Plan entspricht, aber irgendwie über die Grenzen meiner Existenz ausbordet. Ich müßte vom Selbstmord als von einer eingeborenen Idee sprechen: als Dreieck oder logischer Konsequenz; warum aber ist diese eingeborene Bedingtheit, dieses tödliche Parallelogramm einzig und allein mir zueigen, als besäße ich von Rechtswegen einen Sonderzugang zum Universum der Ideen, und als säße in diesem Universum, zwischen Zahlen und Rhythmen, auch dieser mein archaischer, unerinnerbarer Selbstmord auf Lauer?  - Giorgio Manganelli, Einige Hypothesen über meine früheren Inkarnationen. In: G. M., An künftige Götter. Berlin 1987
 

Tod

 

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