Theaterkritik    »Früher konnte Vater es sich nicht leisten, nach London zu ziehen. Er hat nämlich mit Isebel schrecklich viel Geld verloren.«

»Isebel?« wiederholte ich fragend.

»Ja, haben Sie es nicht gesehen?«

»Ach so, ein Theaterstück... Nein, ich habe es nicht gesehen. Ich war im Ausland.«

»Es wurde nicht lange gespielt. Es war eine aufgelegte Pleite. Ich finde auch nicht, daß Mutter sich für die Isebel eignet. Finden Sie, daß das eine Rolle für sie ist?«

»Eigentlich wohl nicht«, antwortete ich vorsichtig. »Großvater sagte von Anfang an, es gäbe eine Pleite. Er sagte, er würde niemals in ein biblisches Stück Geld stecken. Er sagte, es würde niemals ein Kassenschlager sein. Aber Mutter war ganz erpicht darauf. Mir gefiel das Stück gar nicht. Die Isebel war gar nicht so schlecht wie in der Bibel. Sie war ganz patriotisch und sehr nett. Dadurch wurde alles langweilig. Aber der Schluß war gut. Da wurde sie zum Fenster rausgeworfen. Nur kamen keine Hunde, um sie aufzufressen. Schade, nicht? Die Stelle, wo die Hunde sie fressen, gefällt mir am besten. Mutter sagt, man könnte keine Hunde auf die Bühne bringen; aber das sehe ich nicht ein. Man brauchte sie ja nur zu dressieren.« Josephine zitierte mit Emphase: >»Als man aber hinging, um sie zu begraben, fand man von ihr nichts mehr als den Schädel, die Füße und die Hände.< Warum haben die Hunde nicht auch ihre Füße und Hände gefressen?«

»Keine Ahnung«, erwiderte ich.

»Hunde sind doch sonst nicht so heikel. Unsere Hunde fressen einfach alles.«

Die zwölfjährige Josephine versank in Nachdenken über dieses biblische Geheimnis.

»Schade, daß das Stück nicht zog«, sagte ich.

»Ja, Mutter regte sich deswegen wahnsinnig auf. Die Kritiken waren vernichtend. Als sie sie las, weinte sie und warf Gladys das Frühstückstablett an den Kopf, und Gladys kündigte. Das war sehr lustig.«   - Agatha Christie, Das krumme Haus. Gütersloh u.a. ca. 1970

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