Tankstelle

 

  - N.N. (Norman x)

Tankstelle  (2)  Das Haus machte gleich einen sonderbaren Eindruck, vielleicht weil es sich von seiner properen schweizerischen Umgebung abhob. Es war erbärmlich, troff von Nässe; Bache flössen an ihm nieder. Zur Hälfte war das Haus aus Stein, zur Hälfte eine Scheune, deren Holzwand längs der Straße mit Plakaten beklebt war, seit langem offenbar, denn es hatten sich ganze Schichten übereinandergeklebter Plakate gebildet: Burrus Tabake auch in modernen Pfeifen, Trinkt Canada Dry, Sport Mint, Vitamine, Lindt Milchschokolade usw. An der Breitwand stand riesenhaft: Pneu Pirelli. Die beiden Tanksäulen befanden sich vor der steinernen Hälfte des Hauses auf einem unebenen, schlecht gepflasterten Platz; alles machte einen verkommenen Eindruck, trotz der Sonne, die jetzt beinahe stechend, bösartig schien.

»Steigen wir aus«, sagte der ehemalige Kommandant, und ich gehorchte, ohne zu begreifen, was er vorhatte, doch froh, an die frische Luft zu kommen.

Neben der offenen Haustüre saß ein alter Mann auf einer Steinbank. Er war unrasiert und ungewaschen, trug einen hellen Kittel, der schmuddelig und verfleckt war, und dazu dunkle, speckig schimmernde Hosen, die einmal zu einem Smoking gehört hatten. An den Füßen alte Pantoffeln. Er stierte vor sich hin, verblödet, und ich roch schon von weitem den Schnaps. Absinth. Um die Steinbank herum war das Pflaster mit Zigarettenstummeln bedeckt, die im Schmelzwasser schwammen.

»Grüß Gott«, sagte der Kommandant, auf einmal verlegen, wie mir schien. »Füllen Sie bitte auf. Super. Und reinigen Sie auch die Scheiben.« Dann wandte er sich zu mir. »Gehen wir hinein.«

Erst jetzt bemerkte ich über dem einzigen sichtbaren Fenster ein Wirtshausschild, eine rote Blechscheibe, und über der Tür war zu lesen: Zur Rose. Wir betraten einen schmutzigen Korridor. Gestank von Schnaps und Bier. Der Kommandant ging voran, öffnete eine Holztüre, offenbar kannte er sich aus. Die Gaststube war armselig und dunkel, einige rohe Tische und Bänke, an den Wänden Filmstars, aus Illustrierten herausgeschnitten und an die Mauer geklebt; der österreichische Rundfunk gab einen Marktbericht für Tirol durch, und hinter der Theke stand kaum erkennbar eine hagere Frau. Sie trug einen Morgenrock, rauchte eine Zigarette und spülte die Gläser.

»Zwei Kaffee-Creme«, bestellte der Kommandant.

Die Frau begann zu hantieren, und aus dem Nebenzimmer kam eine schlampige Kellnerin, die ich auf etwa dreißig schätzte.

»Sie ist sechzehn«, brummte der Kommandant.

Das Mädchen servierte. Es trug einen schwarzen Rock und eine weiße, halb offene Bluse, unter der es nichts anhatte; die Haut war ungewaschen. Die Haare waren blond, wie wohl auch einmal die der Frau hinter der Theke, und ungekämmt.

»Danke, Annemarie«, sagte der Kommandant und legte das Geld auf den Tisch. Auch das Mädchen antwortete nicht, bedankte sich nicht einmal. Wir tranken schweigend. Der Kaffee war entsetzlich. - Friedrich Dürrenmatt, Das Versprechen. Zürich 1968 (zuerst 1958)

Tankstelle  (3)  Der Parkplatz war menschenleer, und ich bemerkte sofort, dass irgendetwas faul war. Ich bremste den Wagen abrupt ab und fuhr sehr vorsichtig zur Tankstelle vor. Das Ladenfenster war zersprungen, abertausende Glassplitter lagen auf dem Asphalt. Ich stieg aus und näherte mich dem Gebäude: Der Kühlschrank mit den Getränken war ebenfalls zertrümmert, die Regale mit den Zeitungen umgekippt. Die Kassiererin entdeckte ich in einer Blutlache auf dem Boden, sie hatte die Arme, um sich zu schützen, sinnlos vor die Brust gepresst. Totale Stille. Ich ging zu den Zapfsäulen, aber sie funktionierten nicht, vermutlich wurden sie von der Kasse aus gesteuert. Ich lief zurück, stieg widerwillig über die Leiche, entdeckte aber nichts, was dazu dienen konnte, die Pumpen wieder in Gang zu bringen. Nach kurzem Zögern nahm ich mir ein Thunfisch-Sandwich mit Salat, ein alkoholfreies Bier und den Michelin-Hotelführer aus dem Regal.

Von den empfohlenen Hotels der Region war das Relais du Haut-Quercy in Martel das nächstgelegene. Ich musste nur ein paar Kilometer der D 840 folgen. Als ich die Ausfahrt ansteuerte, nahm ich flüchtig zwei hingestreckte Körper auf dem Lkw-Parkplatz wahr. Ich stieg nochmals aus, näherte mich: In der Tat, zwei junge Nordafrikaner in typischer Vorstadt-Kluft, erschlagen. Sie hatten wenig Blut verloren, waren aber ganz unzweifelhaft tot. Der eine hielt noch eine Maschinenpistole in der Hand. Was war hier wohl passiert? Auf gut Glück versuchte ich noch einmal, einen Radiosender zu empfangen, aber wieder war nur undeutliches Rauschen zu hören.   - Michel Houellebecq, Die Unterwerfung. Köln 2015
 

 

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