tück Fleisch  Zwei Stunden später zwischen der Landstraße von San Feliu und San Guixols geht ein Stück gebratenes Fleisch spazieren, zwei Kilo schwer, fett und angebrannt. Ich sehe es noch vor mir und kann es ohne Gewissensbisse ein »Hurenkind« nennen. Aber es schüttelt weder den Kopf, noch argumentiert es, noch erbricht es, es ist ihm egal.

Die Landstraße verliert sich am Horizont in einer hartnäckig geraden Linie, staubig, vom Hundsstern beleuchtet. Bei ihrem Anblick hat man ein Vorgefühl gewisser Opernvorstellungen in dem Augenblick, da eine Dame in der Loge das Lorgnon an die Augen führt.

Währenddessen setzt das gebratene Fleisch seinen Weg fort, ohne an etwas Interessantes zu denken. Nur eine kleine Staubwolke kennzeichnet seinen Weg. Auf einmal quillt aus der Erde, angezogen von der Sonne, eine riesige Menschenmenge hervor, eine Milliarde kleiner Schneider, von denen der Größte nicht einmal einen Millimeter erreicht. Einige springen einen Meter hoch vom Boden, andere verfolgen irgendeine verirrte Bäuerin, wieder andere brennen wie Zunder und wieder andere ersuchen um milde Gaben.

Das Stück Fleisch, belästigt, sich erbrechend, verfällt in einen schnellen Lauf, wobei es alle Schneider auf seinem Weg plattwalzt. Nach einer halben Stunde ist die Landstraße nur noch ein riesiges Toilettenbecken. Jeder Schneider löst sich in einem Urintropfen auf, mitgenommen und schluchzend und bevor er mit dem Staub verschmilzt, hält er sich verzweifelt an den Wegpfeilern fest. In dieses Chaos tönt aus allen Enden des Horizonts ein Echo von Orgelklängen, von Gebeten und Hymnen, die aus fernen Kathedralen kommen.

Das Stück Fleisch hat eine schnellere Gangart eingeschlagen. An einer Straßenbiegung wachsen ihm zwei Bauerntölpel aus den Ohren. In der nächsten Kurve steht eine Kerbenzypresse, und das Fleisch bleibt vor ihr stehen. Es ruht sich aus und beobachtet.

Genau einen Meter vom Stamm der Zypresse entfernt nimmt es eine Gestalt wahr, die sofort in Verteidigungsstellung geht. Das Stück Fleisch weiß, das könnte auf das Leben der Stadt Einfluß haben. Es ist ein gewöhnliches Tick-Tack, das mal hüpft, mal fragt, mal sich darauf konzentriert, ein Buch zu schwingen oder eine an die Spitze eines Menschenschwarms gesetzte Straßenbahn umzustoßen. Es hat weder mit Todeskämpfen noch mit der Geschichte etwas zu tun. Bei alledem geht es dahin, wo die Leute hingehen.

Das Stück Fleisch beobachtet weiter.

Die Wortwechsel der Zypresse lassen nach. Ihre Kammern sind mit pflanzenfarbenen Stahlklappen bedeckt und ihr Boden ist aus gefrorenem Fleisch, welches ein so großes Getöse macht, daß die Vögel von den Dächern flüchten. Das Getöse hört man nicht, weil es kleiner ist als ein schwarzer Kater und ebenso still wie dieser.

Das Stück Fleisch denkt, daß dies eine einzigartige Gelegenheit ist. Dennoch wartet es bis zur Dämmerung, um in Aktion zu treten.

Dem widersetzt sich in allem das Tick-Tack, sich mit krummem Rücken gegen die Erde stemmend, wirft es sich dann senkrecht in den Raum. In dem Maße, wie es emporsteigt, bläst es sich auf, wird runder. Bald ist es nichts weiter als eine auf dem miserabelsten aller Betten ausgestreckte Baumwolldecke.

Es ist acht Uhr, und ein Student macht sich bereit, zur Vorlesung zu gehen.

Das Stück Fleisch kredenzt neben dem Becken mit dem Weihwasser den ersten Betschwestern den heiligen Likör. Am Abend lagen alle Maulesel der Stadt tot in ihren Ställen. - (bun)

 

Fleisch

 

  Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe

 

Verwandte Begriffe
Synonyme