traßenkreuzung   Was niederkollerte, waren Steine und Schuttgerinnsel, das nicht mehr aufhörte, sich an derselben Stelle von den Mauern zu lösen und die zuckenden Blessierten mit neuen Wunden zu bedecken. In der Bresche der Galerie entsprang eine höllische Quelle von Geröll und Bruchstücken und lief die graue alte Mauer herab; ein langsamer Blitz riß das Mauerwerk auf und bezeichnete es mit einer weißen, tiefen, grausamen Narbe...

Und die Überfülle von Menschen, die den Platz bevölkerte, sah, wie der erschreckende Riß länger und länger wurde...

Und er drang immer tiefer, zerkratzte den Rundbau, drückte die Fenster ein, knickte die Eisenteile, zerschmiß die Toten und die Sterbenden... Als er die Höhe des nahen Kastanienbaumes erreicht hatte, erbebte der Baum, krachte - und dieser Blitz ohne Flamme, ohne Laut, dieser träge Blitz zerdrückte seine Blätter, brach seine Zweige von oben bis unten... Und es begab sich dieses unbeschreibliche Ereignis:

Man vernahm jählings mitten auf der Straßenkreuzung das entsetzliche Getöse zweier zusammenstoßender Eisenbahnzüge und sah eine Katastrophe, die ihresgleichen nicht hat in der Geschichte der Jahrhunderte: ein phantastisches Tohuwabohu von ineinandergefahrenen Wagen, von stürzenden Pferden, von totenbleichen Kutschern, tollgewordenen Chauffeuren, von blutüberströmten Menschen, die um sich schlugen, nach allen Seiten zerstoben mit dem Angstschrei:

»Die Blaue Gefahr!«

Von den Dächern gesehen, ordnete sich das Gemenge ein wenig.

Von der Chaussee d'Antin bis zum Pavillon de Hanovre erstreckte sich eine Art Allee von regungslosen, plattgedrückten Dingen, von denen ein Konzert von wunderlich fernen und seltsam unterirdischen Klagen emporstieg. Und zu beiden Seiten dieser Unfallstrecke, die die ganze Breite der Kreuzung einnahm, verstopften zerbrochene Wagen voll menschlicher Leiber, voller Zuckungen und Krämpfe, den Zugang.

Aufgestaffelt in allen Stockwerken hatte die Menschenmenge ringsum den Schock wie ein einziger Leib empfunden. Hier und da hieb ein Besessener in die Luft; aber die anderen keuchten regungslos vor Angst und Staunen. Niemand schrie seine Furcht heraus, und dennoch quoll es aus der Menge wie das Heulen des Samum in einem Affenbrotbaum. Hie und da klang die jammernde Klage einer Frau.

Was dachte man? Nichts, im Augenblick. Nach einigen Sekunden der Panik äußerte eine Anzahl von Augenzeugen die schnurrige Idee, »die Luft habe feste Gestalt angenommen« oder »eine magnetische Barrikade habe sich gebildet«, auch hieß es, eine feste Mauer von Kristall — ein Kristall von schier übernatürlicher Klarheit - habe sich langsam quer über den Boulevard gesenkt wie ein Theatervorhang, von beiden Seiten sei der Wagen- und Menschenstrom daran zerschellt, während die Unglücklichen, die sich ebenda befunden, von dem sonderbaren Fallgitter auf dem Holzpflaster zermalmt worden seien.

Was immer man vermuten konnte, Tatsache blieb, daß ein teuflisches Wehr die Straße sperrte.

Trotz der sintflutartig verheerenden Wirkung des Wortes »Blaue Gefahr« eilten Retter zu Hilfe... Aber das tückische Hindernis hemmte ihren Eifer. Sie stießen mit größer Heftigkeit daran an. Sie stießen sich am Leeren, am Nichts. Sie trafen auf eine unüberwindliche Abwesenheit. Die Luft selbst schickte sich zum Kampf an und zerschmetterte ihnen die Köpfe.  - Maurice Renard, Die blaue Gefahr. Frankfurt am Main 1989 (st 1596, Phantastische Bibliothek 225, zuerst 1911)

Straßenkreuzung (2)  

 - George Grosz

Straßenkreuzung (3) In den Sandstein eingemeißelt findet er, ihn schon erwartend, das Zeichen der Weihe, ein Kreuz in einem Kreis. Und schließlich wird er, eines Nachmittags, bequem mit weit ausgespreizten Armen und Beinen in der Sonne liegend, am Rande einer der alten Pest-Städte selbst zu einem Kreuz, einem Straßenkreuz, einem lebendigen Schnittpunkt, dort wo die Richter den Galgen für einen gewöhnlichen Verbrecher aufstellen ließen, der um die Mittagsstunde gehenkt werden soll. Schwarze Hetz- und fangzahnbewehrte kleine Erdhunde, glatt wie Wiesel, Hunde, deren Rassen seit sieben Jahrhunderten verloren sind, jagen hinter einem hitzigen Weibchen her, während sich die Zuschauer auf dem Richtplatz versammeln, es ist die vierte Hinrichtung in diesem Frühling, und viel Spektakel gibt's hier nicht, außer dem einen, daß das Opfer diesmal in seinem letzten Augenblick von wer kann schon sagen welchem gelüpften Unterrock, welcher fettärschigen Gnädigen Frau Tod träumt, die auf ihn zugetänzelt kommt, und eine Erektion kriegt, eine kolossale, dunkelpurpurne Schwellung, und in dem Augenblick, da sein Nacken bricht, spritzt er doch tatsächlich in sein zerlumptes Lendentuch hinein, kremig wie die Haut eines Heiligen unter dem purpurnen Fastenmantel, und einem Tropfen Sperma gelingt es, davonzurollen, von Haar zu Haar zu tropfen, abwärts am toten Bein bis ganz hinunter an die Spitze des schmutzverkrusteten nackten Fußes und von dort auf die Erde, genau in das Zentrum der Straßenkreuzung, wo er sich im Weben der Nacht in eine Alraune verwandelt. Am darauffolgenden Freitag in der Morgendämmerung kommt der Zauberer, sein wandernder Heiligenschein wabert in spektralen Ringen zwischen Infrarot und Ultraviolett um seinen Schatten auf dem taufeuchten Gras, und bringt seinen Hund mit, einen kohlenschwarzen Hund, der seit einigen Tagen nichts zu fressen bekommen hat. Der Zauberer gräbt sorgfältig die Erde rings um die kostbare Wurzel auf, bis sie nur noch von den feinsten Wurzelhärchen festgehalten wird - dann bindet er sie am Schwanz seines schwarzen Köters fest, verstopft sich die Ohren mit Wachs und zieht ein Stück Brot aus der Tasche, um den hungrigen Hund zu locken: Rrrwuff! stürzt sich der Hund aufs Brot, die Wurzel wird herausgerissen und läßt ihren durchdringenden, tödlichen Schrei los. Der Hund fällt tot um, bevor er halbwegs bei seinem Frühstück ist, seine Aura vereist und schwindet in die Million Tautropfen. Der Zauberer nimmt die Wurzel an sich, trägt sie fürsorglich nach Hause, kleidet sie in eine feine, weiße Hülle und läßt über Nacht Geld bei ihr liegen: am nächsten Morgen hat sich der Betrag verzehnfacht. - Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbek bei Hamburg 1981
 
 

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