Strandspaziergang   Ein alleinstehender Felsen hat etwas sehr Anziehendes. Man fühlt den unwiderstehlichen Wunsch, hinaufzuklettern und sich die Welt von seiner Spitze aus anzusehen. Harriet folgte diesem Instinkt, und während sie auf den Felsen zuging, fragte sie sich: Steht dieser Felsen zur Zeit der Flut unter Wasser? Ja natürlich -wie könnten sonst die Algen hinaufgekommen sein? Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, aber ich nehme an, daß er sogar ziemlich tief unter Wasser stehen wird. Merkwürdig, daß nur die Spitze mit Algen bedeckt ist. Man würde erwarten, auch an den Seiten welche zu finden. Ist es wirklich ein Algenbündel, oder sollte ich mich geirrt haben ? Eigenartig - es hat fast die Form eines liegenden Mannes. Nein. . . ich glaube wirklich. . .

Mit erwachter Neugierde sah sie zu dem Felsen hin, während sie, wie so oft, laut vor sich hinsprach: Also, wenn das wirklich ein Mann ist, hat er sich einen unbequemen Platz ausgesucht... schlimmer als auf einem heißen Rost zu liegen! Wenn er noch ein Sonnenbad nehmen würde, aber er scheint doch angezogen zu sein ... Ja, er trägt sogar einen dunklen Anzug. Und er rührt sich nicht. Wahrscheinlich ist er eingeschlafen. Wenn die Flut käme, ohne daß er es bemerkte, wäre er völlig abgeschnitten; das passiert sonst nur den Helden in dummen Illustriertengeschichten... Ich habe jedenfalls nicht die Absicht, ihn zu retten. Er wird sich Schuhe und Strümpfe ausziehen und an Land waten müssen. Vorläufig hat er ja noch reichlich Zeit.

Sie zögerte und fragte sich, ob sie zu dem Felsen hingehen und den Schläfer wecken sollte. Aber sie hatte wenig Lust, in eine langweilige Unterhaltung verstrickt zu werden. Sie war überzeugt, daß er ein harmloser, uninteressanter Ausflügler war. Immerhin fuhr sie fort nachzudenken und weitere Schlüsse zu ziehen, wie es ihre Gewohnheit war.

Er muß ein Ausflügler sein. Ein Ortsansässiger würde nicht daran denken, sein Mittagsschläfchen auf einer Felsspitze zu halten. Im Gegenteil, die Leute hier verziehen sich in ihre Häuser und schließen sämtliche Fenster. Ein Fischer ist er bestimmt auch nicht, denn dann könnte er seine Zeit nicht mit Schlafen vertrödeln. Das tun nur Beamte und Angestellte. Nehmen wir an, daß er ein kaufmännischer oder ein Bankangestellter ist. Aber Leute dieser Art gehen meistens mit ihrer Familie in die Ferien. Dieser Bursche ist ein Einzelgänger. Vielleicht ein Lehrer? Lehrer haben nicht vor Ende Juli Ferien. Könnte er ein Student sein? Die Universitätsferien haben aber erst gerade begonnen. Offenbar ein Herr ohne besonderen Beruf, der, ebenso wie ich, auf einer Wanderung ist. Aber nein, dann wäre er anders angezogen. - Sie war jetzt ganz in der Nähe des Felsens und konnte den dunkelblauen Anzug des Mannes deutlich erkennen. Also, kh kann ihn nicht recht unterbringen - Dr. Thorndyke würde das natürlich sofort gelingen. Jetzt hab' ich's! Wie konnte ich nur so töricht sein! Er muß irgend etwas mit Literatur zu tun haben. Natürlich, ein Literat, der sorglos durch die Welt schlendert, ohne sich mit seiner Familie zu belasten.

Sie war jetzt nur noch ein paar Meter von dem Felsen entfernt und blickte zu dem Schläfer hinauf. Er lag in einer unbequemen Stellung an der äußersten Kante des Felsens, auf der Wasserseite. Seine Knie waren hochgezogen, und man konnte seine hell-lila Socken sehen. Sein Kopf war unsichtbar. Komische Art zu schlafen, meinte Harriet. Wie eine Katze. Ganz unnatürlich. Sein Kopf muß beinahe über die Felskante hinunterhängen. Er wird womöglich noch einen Schlaganfall bekommen! Wenn ich Glück hätte, wäre er tot; dann könnte ich es der Polizei melden, und mein Name würde in die Zeitung kommen. Keine schlechte Reklame: »Bekannte Kriminalautorin findet mysteriöse Leiche am Meeresstrand.« Aber so etwas passiert einer Autorin natürlich nie. Meistens werden Leichen von Bahnarbeitern oder Nachtwächtern oder anderen unbedeutenden Leuten entdeckt. . . Harriet kletterte vorsichtig über die glatte Fläche des schrägliegenden Felsens, bis sie dicht neben dem Mann stand. Er lag völlig regungslos da. Sie verspürte plötzlich den dringenden Wunsch, ihn anzusprechen. »Hallo, hallo«, sagte sie.

Er antwortete nicht. Er rührte sich nicht. Mir soll's recht sein, wenn er nicht aufwacht. Ich weiß wirklich nicht, warum ich ihn unbedingt wecken soll... »Hallo! Hallo!«

Vielleicht ist er ohnmächtig, oder er hat einen Sonnenstich, sagte sie sich, ja, das ist fast anzunehmen, denn es ist glühend heiß. Sie schaute blinzelnd zum gleißenden Himmel auf, dann bückte sie sich und legte eine Hand auf den Felsen. Er war so heiß, daß sie sich fast verbrannte. Sie rief nochmals laut »Hallo«, dann beugte sie sich über den Mann und packte ihn bei der Schulter. »Ist Ihnen nicht gut?«

Der Mann antwortete nicht: Sie zerrte an seiner Schulter. Die Schulter war schwer wie Blei und fiel zurück, als Harriet sie losließ. Sie beugte sich über den Mann und hob behutsam seinen Kopf an. Harriet hatte Glück. Sie hatte eine Leiche entdeckt. Es war auch klar, daß der Mann keines natürlichen Todes gestorben war. Nur dem Umstand, daß die Wirbelsäule nicht verletzt war, verdankte es Harriet, daß sein Kopf nicht in ihrer Hand blieb, denn Kehle und Halsschlagader waren durchgeschnitten, und ein glitzernder roter Blutstrom floß langsam über den Felsen und tropfte von dort in eine kleine Vertiefung unterhalb des Kopfes der Leiche.  - Dorothy Sayers, Mein Hobby: Mord. Frankfurt am Main 1968

Strandspaziergang (2)
 

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