torch  »Warum sieht man so viele Störche?« fragte Medardo den Curzio. »Wohin fliegen sie?«

Mein Onkel war eben eingetroffen, denn er hatte sich erst kurz zuvor anwerben lassen, um gewissen uns benachbarten Herzögen, die in jenen Krieg verwickelt waren, gefällig zu sein. In der letzten Burg, die in christlicher Hand war, hatte er sich mit einem Pferde und einem Knappen versehen und wollte sich nun im kaiserlichen Hauptquartier vorstellen.

»Sie fliegen zu den Schlachtfeldern«, sagte der Knappe düster. »Sie werden uns auf dem ganzen Wege begleiten.«

Dem Visconte Medardo war bekannt, daß der Flug der Störche in jenen Ländern als Glückszeichen gilt; so gab er sich Mühe, über ihren Anblick erfreut zu erscheinen. Doch unwillkürlich fühlte er sich beunruhigt.

»Was kann denn die Stelzvögel auf die Schlachtfelder locken, Curzio?« fragte er.

»Auch sie fressen jetzt Menschenfleisch«, erwiderte der Knappe, »seit die Not die Felder ausdörrte und die Trockenheit die Flüsse versiegen ließ. Wo Kadaver liegen, sind Störche, Flamingos und Kraniche an die Stelle der Raben und Geier getreten.«

Mein Onkel war damals sehr jung.  Er stand in jenem Lebensalter, in dem alle Empfindungen einen verworrenen Anlauf nehmen, sich noch nicht in gut und böse scheiden - dem Alter, in welchem jede neue Erfahrung, mag sie auch grausig und unmenschlich sein, von Lebenslust zittert und glüht.

»Und die Raben? Und die Geier?« fragte er. »Und die anderen Raubvögel? Wo sind die denn hin?« Er war blaß, aber seine Augen glänzten.

Der Schildknappe war ein schwärzlicher, schnurrbärtiger Soldat, der niemals den Blick hob. »Da sie darauf versessen waren, die Pestleichen zu fressen, hat die Pest auch sie befallen« - und dabei wies er mit der Lanze auf gewisse schwarze Sträucher, an denen man bei näherem Hinsehen keine belaubten Zweige, sondern Federn und steife Raubvogelfuße erkannte.

»Da sind sie, und so weiß man nicht, wer zuerst gestorben ist, der Vogel oder der Mensch, und wer sich auf den anderen gestürzt hat, um ihn zu zerfleischen«, sagte Curzio.  - (vis)

Storch (2)  Eine Weile lebte in meinem Hause ein Storch mit einem gebrochenen Flügel. Er hatte einen entschieden würdevollen Charakter; er wanderte durch die Räume, und wenn er in mein Schlafzimmer kam, hatte er erbitterte Zweikämpfe, richtige Degenmensuren mit stolzgesträubten Flügeln gegen sein Ebenbild in meinem Spiegel zu bestehen. Er folgte Kamante durchs ganze Haus, und man mußte unwillkürlich meinen, daß er dessen steifen, gemessenen Gang absichtlich nachäffte. Ihr Beine waren gleich dick. Die kleinen schwarzen Buben hatten ein Auge für die Karikatur und schrien vor Vergnügen, wenn das Paar vorüberkam. Kamante verstand wohl den Witz, aber er achtete niemals darauf, was andere Leute von ihm dachten. Er schickte die kleinen Buben fort, um in den Morästen Frösche für den Storch zu fangen.   - (blix2)

Storch (3)

Rosen schreiten auf Straßen aus Porzellan

Am Rande des Märchens strickt die Nacht sich Rosen.
Der Knäuel der Störche Früchte Pharaonen Harfen löst sich.
Der Tod trägt seinen klappernden Strauß unter die Wurzel des Leeren.
Die Störche klappern auf den Schornsteinen.
Die Nacht ist ein ausgestopftes Märchen.

Die Rosen schreiten auf Straßen aus Porzellan und stricken sich aus dem Knäuel ihrer Jahre einen Stern um den anderen.
Zwischen Sternen schläft eine Frucht.
Die leeren Länder ausgestopften Jahre lachenden Koffer tanzen.
Die Störche fressen Pharaonen.
Aus den Schornsteinen wachsen Rosen.

Der Tod frißt ein Jahr um das andere.
Die Pharaonen fressen Störche.
Zwischen Früchten schläft ein Stern. Manchmal lacht er leise im Schlaf wie eine porzellanene Harfe.
Die klappernden Märchen strickenden Straßen packenden Störche tanzen.
Die wachsenden Schornsteine fressenden Harfen porzellanenen Sträuße  tanzen.
Die Wurzeln der Pharaonen sind aus Rosen.
Die Störche packen ihre Schornsteine in ihre Koifer und ziehen in das Land der Pharaonen.

- Hans Arp, nach (mus)

Storch (4)  Wir hatten schwarze und weiße Störche in Afrika, dieselben, die in Nordeuropa ihre Nester auf den Dächern der Bauernhöfe bauen. Sie sahen in Afrika nicht so imposant aus wie dort, denn hier hatten sie den Wettbewerb mit den großen gewichtigen Marabus und Kranichgeiern zu bestehen. Die Störche haben in Afrika andere Sitten als in Europa, wo sie paarweise als Eheleute leben und als Symbol des häuslichen Glücks gelten. Hier leben sie in großen Schwärmen beieinander, a's geschlossene Gesellschaft, man nennt sie in Afrika Heuschreckenvögel; sie folgen den Heuschrecken auf ihrem Flug über Land und tun sich gütlich an ihnen. Sie fliegen auch über den Steppen, wenn ein Grasbrand ausbricht, und kreisen hoch in der flimmernden, in allen Regenbogenfarben schillernden Luft und im grauen Rauch der vor schreiten den Kette kleiner, hüpfender Flämmchen und lauern auf die Mäuse und Schlangen, die vor dem Feuer flüchten. Die Störche machen sich in Afrika eine lustige Zeit. Aber ihr eigentliches Leben verbringen sie nicht hier, und wenn der Frühlingswind die Sehnsucht nach Paarung und Nestbau aufs neue weckt, kehren sich ihre Herzen wieder dem Norden zu, alte Zeiten und vertraute Orte tauchen in ihrem Gedächtnis auf, und sie fliegen paarweise auf und davon und stelzen schon nach kurzer Zeit in den kalten Sümpfen ihrer Heimat umher.  - (blix2)
 
 

Zugvoge

 

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