Sprachgeist  Der Matrose Jean Mafurlin war vor 14 Jahren, als sein Schiff auf der Reede von Portsmouth lag, vom Mast heruntergefallen. Nachdem er etwa zehn Minuten unter Wasser geblieben war, wurde er herausgefischt, hatte aber die Sprache total verloren. Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte er außer seiner Muttersprache, dem Französischen, Portugiesisch und Italienisch gesprochen. Er kannte einige Brocken Englisch, mehr nicht. Im letzten Monat nun wurde Jean Mafurlin durch einen urplötzlich in nächster Nähe losdonnernden Kanonenschuß - durch die Erschütterung, erklären die Ärzte - von seiner Sprachlosigkeit geheilt und - o Wunder, sagen die Ärzte -, er begann, fließend Englisch zu reden, das er doch, bevor er stumm geworden war, kaum konnte. An das Italienische, Portugiesische oder Französische erinnerte er sich hingegen nur noch vage.

Nichts an dieser Heilung ist uneinsichtig. Angenommen, es gelänge, die Wörter oder das Wort oder den unartikulierten Laut herauszubekommen, welche eine Sprache auf den Nenner brächten, die Kenntnis dieses Begriffs reichte aus, um eine Sprache perfekt zu beherrschen. Die Erfindung der Grammatiken stellt einen etwas rudimentären Versuch einer solchen Vereinfachung dar.

Wenn Jean Mafurlin via Kanonenschuß Knall auf Fall wissend wurde, dann bloß deshalb, weil der Geist der englischen Sprache, symbolisiert in einem Laut, in ihn gefahren ist. Wen erstaunt es bitte, daß die Briten, die Könige der Meere schlechthin, die Sprache sprechen - geht man den Dingen einmal auf den Grund -, welche auf ihren Kriegsschiffen in der ganzen Welt gang und gäbe ist: die Sprache der Kanonen?   - Alfred Jarry, Die grüne Kerze. Spekulationen. Frankfurt am Main 1993

 

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