exualität, literarische   Der Schutzengel unserer Lektüren, ein so wichtiger und hurtiger Helfer beim Sparen unserer Zeit. Angesichts einer enthusiastischen Rezension, eines Titels, den man uns anpreist, eines Buchs, das man zu kaufen zögert, flüstert er uns freundlich, ausschlaggebend und prompt befolgt ins Ohr: »Nein. Nicht das da! Laß es liegen. Das ist nicht dein Fall. Das ist kein Buch für dich.«

Wenn es mir dann später passiert ist, dieses Urteil nachprüfen zu müssen, bestand kaum je Veranlassung, die Triftigkeit solcher spontanen Zurückhaltung in Zweifel zu ziehen. Sie ist um so schwieriger zu erklären, als sie von ebenso lächerlichen wie grillenhaften Faktoren bestimmt wird: dem Buchtitel ebenso wie dem Photo des Autors, der Marktlücke, die ihm von der Kritik in der literarischen Produktion zugeteilt wird, dem Tonfall dieser Kritik, der Person seiner Beweihräucherer und seiner Feinde. Jeder in Umlauf gesetzte Band scheint der Ort einer Ausstrahlung sui generis zu sein, die ein bestimmtes Publikum blindlings, mit ausgefahrenen Antennen zu ihm hinführt und ein anderes auf gleiche Weise fernhält — durch die Kraft einer seltsamen literarischen Sexualität.  - (grac)

Sexualität, literarische (2)   Rot und Schwarz war, weitaus mehr als der Surrealismus, mein erster Durchbruch durch den Konformismus, einen Konformismus, dem gegenüber ich mich zuvor vollkommen fügsam gezeigt hatte. Beim Aufschlagen des grünen Buches richtete ich mich jeden Abend in einem friedlichen, einem ruhigen geistigen und affektiven Aufstand gegen alles ein, was mir als schicklich anempfohlen und von mir umstandslos als solches akzeptiert worden war. Ich las es in Auflehnung gegen alles, was mich umgab, gegen alles, was man mir eintrichterte, ganz so wie Julien Sorel das Memorial gegen die Gesellschaft und gegen das Credo von Verrières gelesen hatte. Aber diese rundweg abschlägige Haltung blieb frei von Gewalt und Revolte: sie war vollzogener Abschied, Trennung, kalte Abstandnahme.

Ich habe Rot und Schwarz wohl seit vierzig Jahren nicht wiedergelesen: eine tiefe Vergessenheit, die mich immer noch mahnt und alarmiert, weil es die der Liebe ist. Rot und Schwarz war in der Literatur meine erste Liebe, wild, strahlend und keine andere duldend, und so geartet, daß ich sie mit keiner anderen vergleichen kann: an diese Liebe will ich mich erinnern, nicht an ihren (selbstverständlich nach wie vor bewundernswerten) Gegenstand. Gott verhüte, daß ich nachprüfe. Es gibt eine brennende literarische Sexualität der Adoleszenz, die, genauso wie die andere, letztlich alles in Asche legt, wovon sie zuvor entflammt wurde; sonderbar ist bloß, daß sie an einem so schrecklich abgebrühten und aufgeklärten Buch, einem Buch, das nicht meinem Alter entsprach, Feuer gefangen hat. Ich muß wohl einige jugendliche und tiefe Falten davongetragen haben.  - (grac2)
 

 

Sexualitäe

 

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