erienmord   Vor Zeiten begab es sich einmal eines Tages, daß ein Priester, der der Pfarrer eines Dorfes war, plötzlich ausreiten mußte, um einen Kranken zu versehen. Wie er nun zu ihm reiten wollte und alles vorbereitet, auch schon Stiefel und Sporen angezogen hatte, bemerkte er an einem Stiefel unten in der Sohle einen klaffenden Riß. Da dachte er: »Was soll das geben? Draußen ist es naß und schlammig. Wenn ich vom Pferd abstiege, würde mir der Morast in den Stiefel dringen.« So rief er seiner Haushälterin, damit sie sich das Loch ansehe und ihm riete, was er tun solle, damit ihm der Stiefel ohne großen Zeitverlust genickt würde. Die Haushälterin empfahl ihm: »Reitet zum Haus eures Gevatters und ruft ihn heraus, damit er euch das Loch am Fuß vernähe. Schneller bekommt ihr es schwerlich gemacht.«

Also ritt er eilends vor den Laden seines Gevatters - das Sakrament ließ er einstweilen zu Hause - und sagte: »Ich habe da leider eine schadhafte Stelle und sollte doch notwendig fortreiten. Helft mir und setzt mir einen Fleck unten auf den Stiefel.« Der Schuster antwortete: »Wird gemacht, Herr, wenn es so eilig ist. Ich vernähe es euch mit einem Draht.« Paßt auf, was jetzt geschah. Ich weiß nicht, warum er so ungeschickt zustach, daß er am Fuß eine Ader verletzte. Jedenfalls sank der Pfarrer vom Pferd und verblutete sich.

Der Schuster geriet in große Bestürzung und wußte nicht was tun, denn in seinem ganzen Leben hatte er noch nie solch einen Schrecken erlebt. Schnell rief er seine Frau herbei, sie solle sich etwas einfallen lassen, wie man den Pfarrer aus dem Weg schaffen könnte, ohne daß jemand Kenntnis von dem Vorfall erhielte. Diese antwortet: »Schleppen wir ihn schleunigst hinein, ebenso sein Pferd. Dann wird ihn so bald niemand entdecken.«

Sie brachten die Leiche also unverzüglich ins Haus und schmiedeten dann einen schlauen Plan. Am Morgen, als es eben hell wurde, packten sie den Pfarrer und setzten ihn geschickt wieder auf sein Pferd, das sie in ein Haferfeld führten, so als ob der Pfarrer aus Mutwillen selber hineingeritten wäre.

Der Bauer, dem der Hafer gehörte, kam herbei und rief:

»Herr Pfarrer, warum tut ihr das? Habt ihr nicht genug Verstand, um mir nicht solch großen Schaden zu bereiten? Ihr mahnt uns doch alle Tage, daß niemand dem äandern einen Schaden wünschen oder zufügen soll. Jetzt tut ihr es selbst, wie man sieht.« Wie zornig auch der Bauer war, das Pferd folgte doch seiner Gewohnheit, und weil es auch hungrig war, so trottete es immer weiter hinein. Als das der Bauer bemerkte, fing er wieder an: »Ach, Herr Pfarrer, wie soll ich das verstehen? Wenn ihr nicht aufhört mit diesem Scherz, dann wird es euch noch reuen. Ich sage euch, wenn ihr mich wütend macht, so wärt ihr besser zu Hause geblieben und hättet eure Schreibarbeiten erledigt, als mir hier den Hafer abzuweiden, für den ich keine Entschädigung bekomme.«

Wie heftig der Bauer auch fluchte und schimpfte in der Meinung, der Pfarrer erlaube sich einen ungebührlichen Übergriff, so ließ dies das Pferd doch kalt und konnte es nicht veranlassen, den Hafer zu schonen. Jetzt geriet der Bauer richtig in Zorn. In seiner großen Erbitterung ließ er sich dazu hinreißen, sich zur Erde zu bücken, einen Stein aufzuheben und ihn dem Pfarrer an die Brust zu schleudern, so daß dieser herunterfiel. Jetzt sah er sich den Pfarrer an und wartete darauf, daß er wieder aufstünde. Aber der lag tot vor ihm.

Dem Bauern wurde himmelangst, und er stammelte: »Ach Gott, was habe ich getan ? Ich habe einen Mord begangen.« Er rannte heim zu seiner Frau, rief sie heimlich zu sich und bat sie um ihren Rat, weil er den Pfarrer umgebracht habe. Als er ihr den Hergang erzählt hatte, antwortete die Frau: »Es geschieht ihm recht. Laß dich dadurch nicht ängstigen. Was ging der Narr zum Stehlen und vergaß, was er uns selbst alle Tage predigte: daß niemand seinen Nächsten schädigen soll. Da er sich selber nicht in acht nahm, so tut er mir wahrhaftig nicht leid. Geh, wir tragen ihn so lange herein, bis es Nacht und dunkel ist. Dann finden wir schon irgendeinen Ausweg, wie wir uns ungestraft seiner entledigen.« In der Nacht aber ergriffen sie den Pfarrer und trugen ihn vor die Tür ihres Nachbarn, wo sie ihn vorsichtig außen an das Gatter lehnten. Und die Nacht hindurch stand nun die Leiche am Gatter.

In der Frühe, als es hell wurde, sprang der andere Bauer aus seinem Bett und sagte zu seiner Frau: »Es ist hohe Zeit, daß ich aufs Feld reite.« Er macht die Haustür auf - und wurde vor Schrecken rot und bleich, als er den Pfarrer erblickte. Doch dann ermannte er sich und sagte: »Ach, Herr Pfarrer, was sollen solche Narrenpossen? Wie habt ihr mich erschreckt! Warum seid ihr hierhergekommen? Was macht ihr da? Wem stellt ihr nach?

Bei Gott, redet. Ist euch nichts Besseres eingefallen, als heute nacht an meinem Gatter zu lehnen?« Ob der Bauer nun ärgerlich oder zufrieden war — wer nicht antwortete, das war der Pfarrer, der ihm gegenüberstand. Nun fing der Bauer wieder an: »Ach, Herr Pfarrer, was soll das heißen, daß ihr mich heute so verspottet? Denn ich kann nichts anderes glauben, als daß ihr mich ärgern wollt. Ich bitte euch, macht euch fort. Oder wollt ihr den ganzen Tag am Gatter stehen? Laßt mich hinaus, es ist höchste Zeit, oder ich treffe euch mit einem Holzscheit, damit ihr mich einmal kennenlernt.«

Wie sehr der Bauer auch tobte, den Pfarrer kümmerte das nicht. Da packte den Bauern die Wut, er stieß das Gatter mit Gewalt auf und warf den Pfarrer zu Boden, daß er ausgestreckt vor ihm lag. Jetzt aber kam der Bauer in Not. Eilig rief er seiner Frau. Die kam sogleich gelaufen und fragte ihn, was geschehen sei, und er antwortete: »Ach, liebe Frau, rate mir. Was soll ich tun? Daß ich so früh aufstand, hat mich in ewiges Unglück gestürzt. Gut und Ehre habe ich verloren. Ich weiß nicht, wie ich mich aus der Schlinge ziehen soll. Einen gräßlichen Mord habe ich begangen: ich habe den Pfarrer ermordet, der nicht von unserem Gatter gehen wollte. Einen einzigen Stoß gab ich ihm nur, nicht mehr. Da hat er nicht ›Ach‹ noch ›Weh‹ gerufen, sondern ist tot umgefallen.« Die Bäuerin fragte: »Wie kam das denn?«, und der Bauer berichtete ihr den ganzen Hergang. Da meinte die Frau: »Hör auf zu jammern! Hatte er denn nichts anderes zu schaffen, als hier am Gatter zu stehen und Maulaffen feilzuhalten ? Er hat sein verdammtes Mißgeschick verdient. Komm, wir tragen ihn in die Kammer und decken ihn so lange zu, bis wir überlegt haben, was wir mit ihm tun wollen.«

So bewahrten sie ihn auf, bis es Nacht wurde. Der Frau fiel nun ihr Nachbar ein, der der Mesner des Dorfes war. »Lieber Mann«, sagte sie, »jetzt mußt du dich tummeln. Uns trennt ja nur eine Holzwand. Wir verrücken ein Brett und schieben ihn in aller Stille hinüber.« Der Bauer entgegnete: »Mir ist es recht, da doch nichts anderes hilft.« Die Frau schlüpfte zuerst hinüber und sagte zu ihrem Mann: »Jetzt gib ihn mir her.« Da nahmen sie den dicken Pfarrer und quetschten ihn durch die Lücke in die Kammer des Mesners.

Als nun die Frau dort einen Trog mit Brotteig erblickte — man wollte anderntags backen -, da kam ihr in den Sinn: »Das könnte gehen«, und sie winkte ihren Mann herbei und sagte: »Hol mir ein Gefäß.« Der Bauer tat, wie geheißen, und sie nahm nun allen Teig aus dem Trog bis auf einen kleinen Rest: Merkt auf, was sie damit machte. Sie schob den Pfarrer an den Trog und beugte ihn darüber. Dann wühlte sie ihm die Hände in den Teig und füllte ihm auch das Maul damit, als ob er so viel davon verschlungen hätte, bis er daran erstickt wäre. Dann machten sie sich schnell davon, schlössen die Lücke in der Wand und legten sich schlafen.

Am andern Morgen rief der Mesner seiner Frau, sie solle aufstehen und kneten, der Hahn habe mit seinem Krähen bereits die Mitternachtsstunde angekündigt. Die fuhr empor, zog sich an und lief zu ihrem Teig, um zu sehen, ob er auch gegangen wäre. Da fand sie den Trog vollständig geleert. Sie schlug ein Kreuz - was sie dabei dachte, weiß ich nicht - und zündete ein Licht an. Dann eilte sie zu ihrem Backtrog und wurde des Pfarrers ansichtig. Sie erschrak dermaßen, daß sie fast ohnmächtig wurde. Als sie sich wieder ein wenig gefangen hatte, schaute sie den Pfarrer genauer an und sprach bei sich: »Ist das nicht höchst sonderbar? Hat dich der Teufel hergeführt, oder ist er in dich gefahren, daß du mir meinen Teig aufgefressen hast ? Die Pest an deinen Hals! Doch scheint mir fast, deine Fresserei ist dir selbst zuviel gewor-worden, du verdammter Pfaffe. Sitz nur da und sperr die Augen auf und sieh zu, wie du mit deinem verfluchten Unfall fertig wirst. Mir scheint, du hast dich übernommen und wirst das nicht mehr alles verdauen können. Wenn dich der Teufel hergeführt hat, so soll er dich auch wieder holen. Ich dächte doch, du solltest mich und die anderen Leute unterweisen, wie wir unser Leben zu führen hätten. Jetzt bist du selbst auf eine Schleckerei ausgegangen, die kaum eine Sau gelüsten sollte.«

Der Mesner lag im Bett und schlief. Nun rief ihn die Frau in Eile und sagte: »Steh auf und sieh nach, bei Gott, ob nicht der Teufel hier seinen Spott mit unserem törichten Pfarrer treibt. Wer hat je so etwas Verrücktes gesehen?« Der Mesner sprang auf und wollte sehen, was die Frau so heftig in Aufregung versetzt habe. Als er den Pfarrer erblickte, sprach er: »Weh mir heute und immer, ist es dazu gekommen? Wer hat je etwas so Aberwitziges gehört ? Was für ein wahnsinniges Gelüst hat ihn ergriffen, daß er soviel Teig gefressen hat?« So sprach er leise zu seiner Frau. Und die Frau: »Ich weiß es nicht.« Darauf der Mann:

»Das spielt ja auch keine Rolle. Wir sollten uns nur etwas ausdenken, wie wir den Pfarrer wieder loswerden.« Da gab ihm die Frau einen Rat und sagte: »Etwas Besseres fällt mir nicht ein:

Wir tragen ihn in die Kirche, ziehen ihm das Meßgewand an, stellen ihn vor den Altar und läuten zur Frühmesse. Wenn dann die Leute kommen und sehen, daß er sich nicht rührt, so glauben sie, er sei bei seiner Andacht in Verzückung geraten. Sieh, so schaffen wir ihn uns vom Halse.«

Der Mesner war froh über diesen Vorschlag und hörte auf seine Frau. Er begann, zur Frühmesse zu läuten, und die Bauern kamen und knieten beim Altar nieder oder sonstwo. Zum Schluß kam ein altes Weiblein daher, die sich zum Altar hindrängte und zwischen den Leuten hindurchzwängte, um das Meßgewand zu berühren. Und als sie es gefaßt hatte, hob sie es zum Mund und wollte es nach bäuerischer Sitte küssen. Damit riß sie den Pfarrer aus seinem Gleichgewicht, so daß er umfiel und sie, schwer wie er war, erschlug.

Jetzt erhob sich großes Jammern und Wehklagen. Alles rannte zum Altar, um dem Pfarrer aufzuhelfen. Da fanden sie ihn völlig starr, und sie erschraken heftig. Dann begann ein doppeltes Lamentieren: die einen beklagten den toten Pfarrer, die anderen die Frau, die er erschlagen hatte. Doch als sie lange genug gejammert und geklagt hatten, hielten sie es für das beste, die Frau und den Pfarrer zu nehmen und in der Erde zu bestatten.

So hatte also der Pfarrer den Tod gefunden nach dem Rat der Frauen. Hans Rosenplüt »der Schnepperer«, hat uns diese merkwürdige Geschichte erzählt. Gott gebe uns allen Heil. - Aus: Pfaffen, Bauern und Vaganten. Schwankerzählungen des deutschenn Mittelalters. Ausgewählt und übersetzt von Hanns Fischer. München 1973 (zuerst ca. 1460)

Serienmord  (2)  Nach dem Mord an einer jungen Verkäuferin am 26. April 1985 verbreitet sich in Saint-Germain-en-Laye ein Gerücht wie ein Lauffeuer: Das Verbrechen mußte unbedingt zu einer Serie gehören. Sehr bald sprachen die Leute von fünf Opfern. Der Bürgermeister »soll einen Brief erhalten haben, in dem zehn weitere Morde angekündigt werden«. In dieser ruhigen und ehrenwerten Stadt offenbart das Gerücht ein starkes Unsicherheitsgefühl: Die bisher verschont gebliebene Stadt mußte zwangsläufig auch von der »Verbrechenswelle« erfaßt werden und so wieder dem statistischen Durchschnitt entsprechen. Das Gerücht füllt die Lücke zwischen der Wirklichkeit und dem, was man befürchtet: Von einer Leiche ausgehend schließt es auf eine Verbrechensserie, und diese Hypothese erhält dadurch neue Aktualität, daß in derselben Woche der Film Angst in der Stadt im Fernsehen gesendet wird. Es trifft zu, daß die Filmkunst seit langem den wahnsinnigen Verbrecher mit der Anonymität der großen urbanen Zentren in Zusammenhang gebracht hat. In diesem Film verlor der von Belmondo verfolgte einäugige Mörder sein Glasauge. Dem in Saint-Germain-en-Laye kursierenden Gerücht zufolge sollte das »erste« Opfer die Oberlippe des Angreifers zerfetzt haben. Manche Leute behaupten nun, den Mann ohne Oberlippe gesehen zu haben.  - Jean-Noël Kapferer, Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt. Berlin 1997 (zuerst 1987)

Serienmord  (3)  Während weite, in der Sonne schimmernde Wiesen an ihm vorbeirollten, ließ Melrose sich in die Polster seines Bentley sinken und fragte sich, ob er sich insgeheim nicht etwa wünschte, Detektiv zu sein - eine dunkle Seite seines Wesens, die ihm noch nicht bewußt geworden war. Er betrachtete es als Zeitvertreib, sich alle möglichen Erklärungen für diese Serie von Morden durch den Kopf gehen zu lassen. Hatte es der Mörder nur auf einen abgesehen und die andern beiden umgebracht, um von seinem Motiv abzulenken? Ein alter Trick, um Verfolger in die Irre zu führen. Durchaus denkbar natürlich, aber die Tatsache, daß alle drei ortsfremd gewesen waren, sprach eigentlich dagegen. Warum sollte jemand irgendwelche Fremde hierherbestellen, um sie dann um die Ecke zu bringen? Hätten es nicht auch zwei überflüssige Einheimische getan?  - Martha Grimes, Inspektor Jury schläft außer Haus. Reinbek bei Hamburg 2000

Serienmord  (4)  Aus der Hauptstadt kam die gebieterische Mahnung, keine leeren Gerüchte aufzugreifen, sondern lieber jenem Wahnsinnigen auf der Spur zu bleiben, wenn es eine Spur gab, der ohne jeden Grund Richter umbrachte. Die These, daß ein Wahnsinniger am Werk war, leuchtete den obersten Regierungsspitzen nunmehr ein: dem Polizeiminister und dem Justizminister, dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, dem Polizeichef. Und auch der Präsident der Republik, so teilte der Chef Rogas im Vertrauen mit, fragte jeden Morgen, ob der verrückte Mörder gefaßt worden sei. Noch, und darüber wunderte sich Rogas, sah niemand hinter dem Fall politische Hintergründe: nicht einmal jene Zeitungen, die jederzeit bereit waren, einer der vielen revolutionären Sekten, von denen das Land wimmelte, jedes absurde oder ungeheuerliche Verbrechen anzulasten.

Zum Glück kam, noch ehe Rogas seine zu den Weisungen des Chefs im Widerspruch stehende Meinung äußerte, die Information, welche er sogleich nach Azars Tod angefordert hatte: ungefähr zwei Jahre lang hatten Azar und Varga dem Strafgericht von Algo angehört. Rogas verschwand ebenso plötzlich aus Chiro, wie er aus Ales verschwunden war. Die Journalisten verloren seine Spur, bis ihn schließlich ein Lokalkorrespondent in Algo entdeckte. Daraufhin wurden die unterschiedlichsten und seltsamsten Mutmaßungen angestellt; und sie wurden geradezu abwegig, als ausgerechnet in Algo der Richter Rasto ermordet wurde. Ob Rogas gewußt habe, daß Algo Schauplatz eines vierten Mordes würde? Und wenn er es wußte, wieso war es ihm nicht gelungen, das Verbrechen zu verhindern? War es eine bloße Vermutung gewesen? Hatte er dem Mörder eine Falle stellen wollen? Aber die Falle hatte nicht funktioniert: und als Köder einen Richter hineinzutun, war ein bißchen zuviel. Die Zeitung «Die Lunte», deren Redakteure einen unparteiischen Glauben sowohl an die gewaltsame soziale Wiedergeburt als auch an die ebenso gewaltsamen und feindlichen Kräfte des bösen Blicks hatten, unterstellte, daß Rogas angeborene unheilvolle Eigenschaften besäße: eine Unterstellung, die von den wenigen Lesern der Zeitung auf die vielen, die sie nicht lasen, übergehend zur Gewißheit wurde. Eine Woche lang murmelten mindestens zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung des Landes Beschwörungen und berührten Amulette, sobald der Name Rogas fiel. Am Ende jener Woche rief der Polizeiminister, der fürchtete, daß sich die Zuschreibung unheilvoller Kräfte auf das gesamte Polizeikorps und sogar auf das von ihm geleitete Ministerium ausdehnen könnte, plötzlich die Journalisten zusammen. Er legte die Absichten der Polizei und vor allem den Grund dar, warum sich Inspektor Rogas, kurz bevor Richter Rasto ermordet wurde, in Algo aufgehalten hatte. Rogas, so erklärte er, war nach Algo auf Grund eines Indizes gegangen, das zwei der drei bis dahin begangenen Morde in Verbindung brachte: Varga und Azar waren zehn Jahre zuvor etwa zwei Jahre lang am Strafgericht von Algo gewesen. Nun war die Tatsache, daß gerade in Algo der unbekannte Mörder noch einmal zugeschlagen hatte, mit der Notiz zu erklären, welche die Zeitungen über die Anwesenheit von Rogas in der Stadt gebracht hatten, und somit als eine an die Polizei gerichtete Herausforderung zu verstehen, Die Polizei nehme die Herausforderung an und verfolge alle Spuren, die mit dem von Rogas gefundenen Indiz zusammenhingen, um den verrückten Mörder zu fassen.

Die Erklärungen des Ministers machten Rogas dermaßen nervös, daß er seinen Chef telefonisch bat, ihm den Auftrag wieder zu entziehen, falls der Minister tatsächlich entschlossen wäre, ihm Prügel zwischen die Räder zu werfen. Der Chef tröstete ihn, befahl ihm, die Nachforschung fortzusetzen. Aber wie Rogas befürchtete, kam sogleich die Antwort des Mörders an den Minister: in einer weit von Algo entfernten Stadt fiel der Richter Calamo. Soviel man alsbald erfuhr, hatte er niemals mit einem der anderen vier Opfer in Verbindung gestanden. Der Mörder, der entweder in Algo Richter Rasto wie geplant ermordet hatte, ohne von Rogas' Anwesenheit zu wissen, oder der den Mord begangen hatte, weil er von der Anwesenheit Rogas' wußte und ihn herausfordern wollte, war sich also inzwischen seines falschen Schrittes bewußt geworden und versuchte nun, den Inspektor von Algo und jenem Indiz abzulenken, um ihn hinter sich in das Labyrinth der Sinnlosigkeit, der Verrücktheit zu ziehen.  - Leonardo Sciascia, Tote Richter reden nicht (mit zwei weiteren Mafiaromanen). Zürich 1983 
 

Serie Mord

 

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