elbstlektüre Ob es dem Menschen möglich sei, sich selber zu lesen, bleibt umstritten; aber die stolzen Somatographen behaupten es; und sie zitieren einen nichtgenannten Gelehrten, welcher seine geliebten griechischen Klassiker völlig aufgesteckt hatte, um sich dem erbaulichen, wenn auch mühsamen Buchstabieren der Achselhöhlen zu widmen, und dem durch frühen Tod verwehrt worden war, eine klare Umschreibung der großen Zehe und der bustrophedonischen Fersen der Öffentlichkeit zu übergeben. Man muß jedenfalls zugeben, daß die Selbstlektüre uns wenn nicht versagt, so doch strittig gemacht wird; und jedenfalls kannst du dir gut und gern in den Schamteilen herumschmökern, in den Kiefern blättern, dir die Hoden erforschen, die Arschbacken in die Schranken treiben — nicht mehr als wenige Zeilen wird dir zu lesen gestattet sein und in ungewisser Lesart, ehe du dich, in Holz und Erde gebunden, bei der analphabetischen Bibliothek der Gruft wieder abgeben mußt. - Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

Selbstlektüre (2) Ich schiebe meinen Kopf, wie um nachzusehen, in eine Öffnung, die ungefähr wie ein Rundfenster wirkt und in einen abgeschlossenen dunklen Ort mündet, ähnlich den zylindrischen Speichern aus Lehm, die ich in Schwarzafrika zwischen 1931 und 1933 gesehen habe; er erinnert gleichermaßen an bestimmte Winkel in Städten mit überdachten Gassen, die ich mir zu Beginn des drôle de guerre angesehen habe, als ich Soldat im Süden von Oran war.

Meine Angst rührt daher, daß ich, indem ich mich über diesen abgesperrten Raum beuge und plötzlich hinter seine innere Düsternis komme, geradewegs in mich selbst hineinschaue.   - (leiris)

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