Seelenvogel  Nachdem das Wortgefecht beendet war, fühlte Nemios Niketas sich stolz, dem gefürchtetsten Eunuchen des byzantinischen Hofs so würdig standgehalten zu haben. Bringas war nicht nur für seine Tücke und seine Grausamkeit bekannt, man hörte über ihn auch die seltsamsten Gerüchte. Mehr als einmal hatte man vor seinen Zimmerfenstern einen schreckliehen schwarzen Vogel vorbeiflattern sehen, in dem man Bringas' Seele zu erkennen glaubte, die ihn verlassen hatte und nun keinen Frieden fand, weil es ihr nicht gelang, in seiner schändlichen Person eine Bleibe zu finden. Jemand behauptete, beim Erscheinen des schwarzen Vogels ein hohes Kreischen gehört zu haben — wie Glas auf Glas geschabt — das sich im Gedächtnis eingrub und dem, der es hörte, plötzliche Fieberschauer bescherte. Wieder andere versicherten, dieser Vogel stieße ein Todesröcheln aus, schleimig und zäh, das die Ohren der Unglücklichen, die es gehört hatten, nicht mehr verließ. Viele mußten sich, um davon befreit zu werden, von irgendein nem gefälligen und verschwiegenen Mönch segnen lassen. Andere sagten sogar, daß die goldenen Gewänder des Magister Officiorum eine Verkörperung des Satans verbärgen — des finsteren Fürsten des Bösen, der diese bleiche Figur gewählt habe, um sich am Hof von Byzanz einzuschleichen. Als Bestätigung führte man die Tatsache an, daß Bringas sehr darauf bedacht war, sich nicht am Gesäß berühren zu lassen, weil er unter seinen Kleidern einen häßlichen gegabelten Schwanz verbarg. Dem Hofarzt, der ihn ausziehen mußte, um eine lästige Schuppenflechte an ihm zu behandeln, hatte man gleich nach der Verschreibung einer Spezialsalbe auf der Basis von Schwefel und Pflanzenschimmel die Zunge verstümmeln und die Augen ausstechen lassen.

Als Bringas schließlich aufstand und das Nympheum der Palastgärten, wo die Unterredung stattgefunden hatte, verließ, mußte der Hetairiarch sich mehrmals die Augen reiben, denn er bemerkte mit Entsetzen, daß während der Eunuch sich schon über die Wiese entfernte, sein Schatten noch lange neben ihm auf dem Boden verblieb.     - Luigi Malerba, Das griechische Feuer. Berlin 1991 (zuerst 1990)

 

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