See, Der  Obwohl tiefblau und von der üppigsten Tropenflora gesäumt, hatte er nichts Romantisches. Doña Veridiana behauptete, er sei an der Stelle einer versunkenen Kathedrale entstanden und sie habe als Kind an einem Ostersonntag Glocken auf dem Grunde des Wassers läuten hören. Manuel-Theodoro, der Jäger, hingegen versicherte, er sei voller Krokodile, und hatte mir dringend geraten, nie drin zu baden. Tatsache ist, daß ich nie ein Krokodil sah, aber auch nie ein Boot, das sich auf den See hinausgewagt hätte, und daß weder Wildenten über die Wasserfläche flatterten, noch Fische sich im Wasser tummelten oder Stelzvögel am dies- oder jenseitigen Ufer fischten. Sogar die Wäscherinnen mieden ihn. Eingesetzt in die Landschaft, lag er da wie ein Auge, ein blutunterlaufenes, wildes Auge, ein Saurierauge. Manuel-Theodoro hatte recht, dort sollte man wirklich nicht baden.   - (cend)

See, Der (2)  Eine Frage an dich, sagte Columcille zu seinem seltsamen Besucher aus der anderen Welt. Was war dieser See, auf den wir jetzt schauen, in alter Zeit? Ich weiß es, antwortete der junge Mann. Er war gelb. Er war blühend. Er war grün. Er war hüglig. Er war ein Ort, an dem man trank. Es hatte Silber darin. Dort standen Streitwagen. Ich lief hindurch, als ich ein Rehbock war, als ich ein Lachs war, als ich ein wilder Hund war. Als ich ein Mensch war, badete ich darin. Ich führte ein gelbes Segel und ein grünes Segel. Ich kenne nicht Vater noch Mutter. Ich spreche mit den Lebenden und den Toten. - Legenden des Columcille, nach (anders)

See, Der (3)  Der Wald ist nirgends so schön abgeschlossen, nie in solcher Klarheit schön, als wenn man ihn von der Mitte eines kleinen Sees aus zwischen Hügeln betrachtet, welche vom Rand des Wassers emporsteigen. Denn das Wasser, in welchem er sich spiegelt, ist nicht nur der beste Vordergrund, sondern bildet auch mit seinem gewundenen und gekrümmten Ufer die natürlichste und anmutigste Grenze. Hier weist sein Rand keine Rauheit, keine Unvollkommenheit auf, wie dort, wo die Axt einen Teil weggeschnitten hat oder ein bebautes Feld daran angrenzt. Die Bäume haben Raum in Fülle, sich gegen das Wasser zu auszubreiten, und nach dieser Richtung streckt jeder seinen kräftigsten Ast aus. Hier hat die Natur einen natürlichen Saum gewoben, und das Auge steigt stufenweise vom niedrigen Gebüsch zum höchsten Baume empor. Man sieht nur wenig Spuren von Menschenhänden. Das Wasser bespült das Ufer, wie es dies vor tausend Jahren tat.

Ein See ist der schönste und ausdrucksvollste Zug einer Landschaft. Er ist das Auge der Erde. Wer hineinblickt, ermißt an ihm die Tiefe seiner eigenen Natur. Die Bäume dicht am Ufer, welche sein Wasser saugen und in ihm zerfließen, sind die schlanken Wimpern, die es umsäumen, und die waldigen Hügel und Felsen die Augenbrauen, die es überschatten.  - Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern. Zürich 1979 (zuerst 1854)

 

Wasser

 

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