Schreibabenteuer  Jetzt, da ich zum Autor geworden war, blieb ich zwar gleichfalls selbst der Held, auf den ich meine epischen Träume projizierte, und dennoch waren wir nunmehr zwei: er trug nicht meinen Narnen, und ich sprach von ihm nur in der dritten Person. Statt ihm meine Bewegungen zu leihen, schneiderte ich ihm mit Hilfe der Wörter einen Leib zurecht, so wie ich ihn zu sehen begehrte. Diese plötzliche «Verfremdung» hätte mich erschrecken können. Sie verzauberte mich. Ich gefiel mir darin, er zu sein, ohne daß er ganz und gar ich gewesen wäre. Er war meine Puppe, ich unterwarf ihn meinen Launen, ich konnte ihn erproben, ihm die Seite mit einem Lanzenstich durchbohren, um ihn dann zu pflegen, so wie meine Mutter mich pflegte, um ihn zu heilen, so wie sie mich heilte.

Meine Lieblingsautoren pflegten, aus einem Rest von Schamgefühl, die Erhabenheit niemals allzu weit zu treiben; sogar bei Zevaco pflegte der Held niemals mehr als zwanzig Strolche auf einmal zu erlegen. Ich wollte den Abenteuerroman radikalisieren und warf alle Wahrscheinlichkeit über Bord, verzehnfachte die Feinde und die Gefahren. Um seinen künftigen Schwiegervater und seine Braut zu retten, kämpfte der junge Forscher meines Romans <Für einen Schmetterling> drei Tage und drei Nächte lang gegen die Haifische. Am Ende war das Meer gerötet; derselbe schwerverwundete Forscher entwich aus der Ranch, die von den Apachen belagert wurde, durchquerte die Wüste, hielt seine Eingeweide in den Händen, weigerte sich aber, genäht zu werden, bevor er mit dem General gesprochen hatte. Etwas später schlug derselbe Mann unter dem Namen Götz von Berlichingen ein ganzes Heer in die Flucht. Einer gegen alle. Das war meine Regel. Man suche die Quelle dieser trüben und grandiosen Träumerei im bürgerlichen und puritanischen Individualismus meiner Umwelt.

Als Held kämpfte ich gegen die Tyrannei. In meiner Schöpferlaune aber machte ich mich selbst zum Tyrannen und lernte alle Versuchungen der Macht kennen. Ich war harmlos, ich wurde bösartig. Was hinderte mich daran, Daisys Augen auszustechen? Schlotternd vor Angst antwortete ich mir: nichts. Und ich stach sie ihr aus, wie ich einer Fliege die Flügel ausgerissen hätte. Klopfenden Herzens schrieb ich die Worte nieder: «Daisy bedeckte ihre Augen mit der Hand, sie war blind geworden», und ergriffen saß ich da mit erhobener Schreibfeder. Ich hatte im Absoluten ein kleines Ereignis produziert, das mich entzückend kompromittierte. Ich war kein richtiger Sadist. Meine perverse Freude verwandelte sich plötzlich in Panik, ich machte meine sämtlichen Dekrete rückgängig, strich sie doppelt und dreifach durch, damit nichts mehr entziffert werden konnte. Das junge Mädchen konnte plötzlich wieder sehen, oder vielmehr: sie hatte niemals das Augenlicht verloren. Aber die Erinnerung an meine Launen bedrückte mich eine ganze Weile und versetzte mich in ernsthafte Unruhe.   - Jean-Paul Sartre, Die Wörter. Reinbek bei Hamburg 1968

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