chlafstelle  «Ich stehe in einem gewissen vertrauten Verhältnis zu Särgen», erzählte der skelettartige Maler. «Zu der Zeit meiner Bohème, in den tragischsten Tagen, hatte ich die Erlaubnis erlangt, auf einem Haufen Sägespäne in einer Sargfabrik, dicht bei dem Zollamt von Bercy, zu nächtigen. In der ersten Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. Es half nichts, daß ich mir vorstellte und mir selbst immer wiederholte, daß diese Kisten für Sendungen von Obst oder Damenwäsche bestimmt wären, die seltsame Form strafte mich Lügen. Die zweite Nacht schlief ich mit Unterbrechungen. Die dritte Nacht schlief ich vortrefflich. Aber wenn auch das Alpdrücken mich nicht mehr beunruhigte, so drang doch die Feuchtigkeit des Bodens mir bis in die Knochen und die Sägespäne in meine Haut.

Eines Abends hatte man einen prächtigen Sarg für einen Bischof bereitgestellt, der am nächsten Tag seine ständige Wohnung darin aufschlagen sollte. Es war ein Meisterwerk an Ausschmückung und Komfort. Am unteren Ende befand sich ein Kissen, als Stütze für die bischöflichen Füße, und oben ein Kopfkissen, um den bischöflichen Schädel darauf zu betten. Es fehlte nur noch die bischöfliche Leiche.

Jedoch war eine Art von Schirmständer vorhanden, um den priesterlichen Stock darin unterzubringen. Daß ein lebendiger Künstler auf Spänen schlafen und ein Toter in einem so bequemen Sarg verwesen soll, ist ungerecht, dachte ich. - Und als ich sicher war, daß der Wächter im Bett lag, streckte ich mich darin aus.

In diesem Bischofssarg lag ich wie ein König.

Am nächsten Tag brachte man ihn fort. Aber alle Abende stand ein eleganter da. So schön wie dieser gerade nicht. Solch einen gab es nur bei dem Tod eines Bischofs. Immerhin waren sie zu luxuriös für einen Proletarier meiner Färbung. Ich gestehe Ihnen, daß es anfangs ein wenig unbequem ist, jeden Abend das Bett, den Sarg, zu wechseln. Aber dann gewöhnt man sich vortrefflich daran, und man würde einen Sarg nicht gegen das Bett des Sonnenkönigs eintauschen, das in Versailles aufbewahrt wird. - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)
 

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