Schimpanse  Eines Morgens saßen Rodolf, Mr. McGregor, Humphrey und ein junges Männchen mit Bananen vollgestopft da und die Pavianhorde zog durch das Campgelände. Plötzlich stand Rodolf auf und ging, gefolgt von den drei anderen Schimpansen, rasch hinter eines der Gebäude. Bei allen drei Tieren beobachtete ich die gleiche Gangart - leise, zielbewußt, beinahe verstohlen -, die mir bei Figan aufgefallen war, als er sich der Palme genähert hatte, auf der der kleine Pavian saß, den er jagen wollte.

Ich folgte, aber ich war nicht schnell genug, um noch mitzuerleben, -wie das Opfer gepackt wurde. Als ich um das Gebäude herumging, hörte ich plötzlich das Schreien eines Pavians und dann, wenige Sekunden später, das Gebrüll männlicher Paviane und das Schreien und Bellen von Schimpansen. Die letzten Meter legte ich im Laufschritt zurück und entdeckte hinter einem dichten Gebüsch Rodolf; er stand aufrecht, und über seinen Kopf schwang er den Körper eines jungen Pavians, den er an einem Bein festhielt und mit dem Schädel auf ein paar Steine schmetterte. Ich wußte nicht, ob dieser Aufprall dem Leben des Pavians ein Ende setzte: fest steht indes, daß das Opfer tot war, als Rodolf, seine Beute mit einer Hand haltend, den Hang hinaufstürmte.

Die anderen Schimpansen folgten ihm, immer noch schreiend, auf den Fersen, und auch ein paar ausgewachsene Pavianmännchen ließen nicht von Rodolf ab und fielen ihn immer wieder brüllend an. Zu meiner Überraschung aber gaben sie schon wenige Minuten später auf. Kurz darauf erschienen die vier Schimpansen wieder auf der Bild-flache und kletterten auf die Äste eines hohen Baumes, wo sich Rodolf niederließ und mit seiner Mahlzeit begann, indem er seine Zähne in das zarte Fleisch an Bauch und Lenden seiner Beute schlug.  - Jane Goodall, nach (lte)

Schimpanse (2)   Der Schimpanse, von einer Storchenhorde gefangen genommen, zeigte sich anfangs besorgt und apathisch. Eines Morgens fasste er Mut und bat um ein Treffen mit dem Storchen-ältesten. Er wurde sogleich zu ihm geführt. Der Schimpanse hob lebhaft die Arme zum Himmel, bevor er zu einer verzweifelten Rede ansetzte:

«Von allen ökonomischen und sozialen Systemen ist der Kapitalismus zweifellos das natürlichste. Das genügt bereits, um darauf zu verweisen, dass er das schlimmste sein muss. Hat man diesen Schluss einmal gezogen, bleibt nur noch ein einsatzfähiger und unverrückbarer Apparat von Argumenten zu entwickeln, dessen Mechanik unter Verwendung von Fakten, die nach dem Zufallsprinzip eingegeben werden, eine Vielzahl von Beweisen hervorbringt, um das vorgefasste Urteil zu bestätigen, ungefähr so, wie die Graphitstäbe eines Atomreaktors dessen Struktur festigen. Eine leichte Aufgabe, gerade recht für einen sehr jungen Affen; dennoch wäre es unverzeihlich, sie zu vernachlässigen.

Bei der Migration des Spermenschwalls zum Gebärmutterhals, einem beachtlichen und beeindruckenden Phänomen, von entscheidender Bedeutung für die Reproduktion der Arten, kann manchmal ein abweichendes Verhalten bestimmter Spermatozoen festgestellt werden. Sie schauen nach vorne, sie schauen nach hinten, manchmal schwimmen sie sogar ein paar Sekunden gegen den Strom, während das beschleunigte Zappeln ihres Schwanzes einen ontologischen Zweifel auszudrücken scheint. Wenn sie diese erstaunliche Unentschlossenheit nicht durch besonders hohes Tempo wettmachen, kommen sie gewöhnlich zu spät und nehmen daher selten an dem großen Fest der genetischen Vereinigung teil. So geschah es im August 1793 Maximilien Robespierre, den die Bewegung der Geschichte fortriss wie eine Lawine einen Chalzedonkristall in der Wüste, vergleichbar einem jungen Storch mit zu schwachen Flügeln, der durch einen unglücklichen Zufall kurz vor Wintereinbruch geboren ist und den es nun große Mühe kostet (man versteht das sehr wohl), bei der Durchquerung der Jetstreams den rechten Kurs einzuhalten. Wie man weiß, werden die Jetstreams über der afrikanischen Küste besonders heftig; aber ich möchte meinen Gedanken noch etwas näher erläutern.

Am Tag seiner Hinrichtung hatte Maximilien Robespierre einen gebrochenen Kiefer, der von einem Verband gehalten wurde. Kurz bevor er seinen Kopf unter das Fallbeil legte, riss der Henker den Verband ab; Robespierre stieß einen Schmerzensschrei aus, Blut spritzte aus seiner Wunde, die zerschlagenen Zähne fielen zu Boden. Dann schwenkte der Henker den Verband wie eine Trophäe, um sie der Menge zu zeigen, die sich um das Schafott drängte. Die Leute lachten und riefen spöttische Bemerkungen.

Die Chronisten kommentieren an diesem Punkt in der Regel: «Die Revolution war zu Ende.> Stimmt genau.

Ich stelle mir vor, dass in dem Moment, als der Henker unter dem Beifall der Menge den bluttriefenden Verband schwenkte, im Kopf Robespierres außer dem Schmerz noch etwas anderes war. Etwas anderes als das Gefühl des Scheiterns. Eine Hoffnung^ Oder vielmehr das Gefühl, getan zu haben, was er tun musste. Maximilien Robespierre, ich liebe dich.»

Der Storchenälteste antwortete mit bedächtiger, schrecklicher Stimme: «Tat twam asi.» Kurz darauf wurde der Schimpanse von der Storchenhorde hingerichtet; er starb unter furchtbaren Schmerzen, durchstoßen und kastriert von ihren spitzen Schnäbeln. - Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone (1999, zuerst 1994)

 

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