cheibenwelt  Vieles könnte über das soziale und politische Leben der Bewohner dieser Scheibe gesagt werden. Doch es ist kaum erforderlich, all dies hier zu beschreiben: denn wer nacli der Methode des Historikers Buckle1 vorgeht und den Charakter eines Volkes aus seiner geographischen und natürlichen Umgebung ableitet, kann die bestimmenden Merkmale ihres Lebens und ihrer Geschichte selbst erkennen. Ein oder zwei Bemerkungen sollen dennoch gestattet sein. Zunächst zeichnen die Bewohner sich durch eine Eigenart aus. die ich als eine grobe Polarisierung zu bezeichnen wage.

Bei den Bewohnern unserer Erde ist diese Polarisierung. die unter anderem im Unterschied zwischen den Geschlechtern zum Ausdruck kommt, gemäßigt und abgeschwächt.

In jedem Mann findet sich etwas von einer Frau, und jede Frau besitzt einige der vornehmsten Eigenschaften des Mannes.

Doch in der Welt, von der wir sprechen, gibt es keine Möglichkeit einer solchen körperlichen Vermischung.

Scheibenwelt

 

 In einer linearen Daseinsform gäbe es das Bewußtsein einer Polarität nicht. Sie erscheint erst in der Ebene, und da in einer starren und unvermischten Form.

Eine so kurze Beschreibung kann nur ein Zerrbild liefern. Stellen wir uns dieser Tatsache und verschaffen wir uns ohne Skrupel einen möglichst umfassenden Überblick.

Scheibenwelt 2

Schneidet der Leser die Dreiecke in den Ecken der Diagramme VI und VII aus, so erhält er vier flächige Wesen, zwei Männer und zwei Frauen. Die Schnittlinien sind durch eine schwarze Linie gekennzeichnet. Haben wir die beiden Männer ausgeschnitten, die wir Homo und Vir nennen wollen, so ziehen wir auf einem Blatt Papier eine Linie, die den Rand der Welt darstellt, in der sie leben. Auf diesem Rand bewegen wir sie nun und bedenken dabei, daß sie nicht übereinander hinweggleiten können. Wir erinnern uns daran, daß die Figuren die Fläche, auf die sie gesetzt sind, nicht verlassen können. Sie dürfen nicht herumgedreht werden. Die einzige Möglichkeit, aneinander vorbeizukommen, liegt darin, daß der eine dem anderen über den Kopf steigt. Sie können sich vorwärts und rückwärts bewegen. Eine genaue Betrachtung der Figuren vermittelt uns aufschlußreiche Erkenntnisse. Natürlich ist dies nur eine grobe Darstellung; doch die Eigenschaften dieser einfachen Figuren zeigen uns, daß alles in ihrem Leben komplizierten Anordnungen folgt.

Ganz offensichtlich trifft jeweils die scharfe Spitze eines Mannes auf die empfindsame oder weiche Seite eines anderen. Jeder Mann achtet ständig auf jeden anderen: Sie fürchten einander nicht nur, sondern ihre empfindsame Seite - an der sie jeden noch so geringen Eindruck wahrnehmen - ist jeweils dem anderen abgewandt.

Auf der empfindsamen Seite befindet sich das Gesicht und alle Möglichkeiten des Ausdrucks und des Gefühls. Die entgegengesetzte Seite ist mit einer hornigen Verdickung der Haut versehen, die an der scharfen Spitze sehr fest und hart wie Eisen wird. Bewegen wir die Figuren, so zeigt sich, daß sich normalerweise niemals zwei Männer von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen.

In diesem Land kann es keine Freundschaft und kein vertrautes Gespräch von Mann zu Mann geben. Allein das Wort erschiene ihnen schon lächerlich; denn die einzige Möglichkeit für einen Mann, einem anderen seine empfindsame Seite zuzuwenden, ergibt sich, wenn einer von beiden bereit ist, sich auf den Kopf zu stellen. Väter halten ihre Söhne auf diese Weise, solange sie klein sind; doch die ersten Zeichen der Mannbarkeit lassen eine Abneigung gegen diese Stellung entstehen.

Betrachten wir nun zwei Frauen, Mulier und Femina, so stellen wir fest. daß sie sich ebenso zueinander verhalten wie die Männer. Sie sind ihrem Wesen nach von vornherein so geschaffen, daß sie sich ungewollt verletzen können, und ihre empfindsamen Seiten sind ihrer Natur entsprechend voneinander abgewandt.

Treffen nun allerdings Homo und Mulier aufeinander, so entsteht ein völlig anderes Verhältnis. Sie können einander nicht verletzen, und beide sind für den glücklichsten Umgang miteinander geschaffen. Nichts ist gegen die Außenwelt sicherer abgeschirmt als ein Paar von etwa derselben Größe, das jeweils die empfindsame Seite des anderen schützt und die gewappneten Kanten und Spitzen in beide Richtungen allen Ankömmlingen entgegenstreckt. Doch mangelt es dem Paar an Verständnis füreinander, so daß die beiden auseinandergeraten und, auf dem Rand stehend, ihre scharfen Spitzen gegeneinander wenden, so sind sie den Spitzen und Pfeilen der Welt schutzlos ausgeliefert. Aber selbst in diesem Fall können sie einander nicht verletzen - eine glückliche Unverletzlichkeit. - Charles Howard Hinton, Wissenschaftliche Erzählungen. Stuttgart 1983 (Die Bibliothek von Babel Bd. 10)

  1 Der Autor bezieht sich auf das Werk History of Civilisation von Henry Thomas Buckle (1821-1862), in dem aufgezeigt wird, daß die Entwicklung der Menschheit im allgemeinen wie auch gewisse Ähnlichkeiten in der Geschichte der Völker bestimmten Methoden und Gesetzen gehorcht. Buckle wendet also den wissenschaftlichen Ansatz auf historische Phänomene an.

 

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