Salomon   Er glaubte vor Schreck in den Boden zu sinken, als Soliman tief aufstöhnte. Als Vathek sich noch mehr näherte, kam Stimme über die blassen Lippen des Propheten, und er sprach deutlich diese Worte: «Da ich lebte, saß ich auf dem prächtigsten Thron. Zu meiner Rechten saßen auf zwölftausend goldenen Stühlen die Erzväter und Propheten, und lauschten meiner Lehre, zu meiner Linken auf zwölftausend silbernen Sesseln die Weisen und Gelehrten und heischten meinen Entscheid. Und während ich so über ungezählte Tausende Recht sprach, flogen mir zu Häupten die Vögel des Himmels hin und her und dienten mir als Dach gegen die Strahlen der Sonne. Meine Völker blühten, und bis in die Wolken erhob sich mein Palast. Ich baute dem Allerhöchsten einen Tempel, der das Wunder der Welt ward. Aber feige und schwach ließ ich mich von der Liebe zu Frauen leiten und einer Neugier, der kein Ding unter der Sonne gerecht ward. Ich lauschte den Ratschlägen Ahermans und der Tochter des Pharao und betete das Feuer an und die Feinde des Himmels. Ich verließ die heilige Stadt und befahl den Geistern, den gewaltigen Palast von Istakar zu bauen und die große Terrasse mit den Wachttürmen, deren je einer einem Stern geweiht war. Dort genoß ich eine Zeitlang das Übermaß des Ruhmes und der Wollust. Nicht nur die ganze Menschheit, auch die übernatürlichen W'esen waren mir Untertan. Da begann ich zu wähnen, was diese unglücklichen Herrscher in der Runde alle gewähnt haben, daß die Rache des Himmels schliefe, bis plötzlich der Donner meine Rauten bersten machte und mich hier hinabstieß, wo ich jedoch nicht ewig bleiben werde, denn ich bin nicht wie die ändern alle jeder Hoffnung beraubt! Ein Engel des Lichts ließ mich wissen, daß um meiner frommen Jugend willen meine Pein einst enden wird, dann, wenn dieses Wasser für immer zu fallen aufhört. Bis dahin ist die Qual mein Teil, nackte Qual und sinnloses Feuer verzehren mein Herz.»

Als Soliman seine Klage geendet hatte, hob er die Hände flehentlich wie gegen den Himmel, und der Kalif blickte ihm in die Rrust, die wie Kristall durchsichtig war, und sah das Herz, das in Flammen stand. Bei diesem fürchterlichen Anblick fiel Nuronihar wie versteint in die Arme Vatheks, der ganz erschüttert unter Schluchzen aufschrie: «O Giaur, wohin hast du uns geführt? Entlaß uns von hier. Ich will dich aller deiner Versprechen entbinden. O Mahomet, gibt es denn keine Barmherzigkeit mehr für uns?» — «Keine, keine», antwortete der Giaur höhnisch, «wisse, heilloser Fürst, daß du im Reich der Rache und der Verzweiflung bist. Auch dein Herz wird bald lichterloh brennen wie das aller Eblisanbeter. Nur noch wenige Tage sind dir bis dahin gegönnt, nutze sie, wie du willst. Schlafe dort auf dem gehäuften Gold, befiehl die höllischen Machthaber zu dir, lustwandle in diesen unterirdischen Bogengängen, soviel du willst, keine Schranke verwehrt dir den Weg.»  - William Beckford, Vathek. Stuttgart 1983 (Bibliothek von Babel, Bd. 3., Hg. J. L. Borges)

König Jude

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