ivalin   Die Briefe waren nicht gut geschrieben, sie waren voll von fehlerhaften Ausdrücken, aber sie waren in ihrer Art Meisterwerke der Eindeutigkeit:

»Baby, ich wünschte, ich wäre heutnach bei Dir und dann würden wir . . .

Helene, Baby, manchmal kann ich nicht schlafen, weil ich an Dich denken muß und was wir tun könnten. Wir könnten . . . Ich kann mir vorstellen, daß Du mich sehr vermist. Ich kann mir vorstellen, daß du jetzt jerne möchtest, daß ich ... Wenn  diese  Geschichte  vorbei  ist,  werden  wir  alles  nachholen, Baby. Wir werden den alten Mann vierundzwanzig Stunden aus dem Haus jagen, und dann werden wir . . .«

Murray sah, daß in den Briefen nichts Perverses stand. Nichts, bei dem ein Psychiater auch nur mit der Wimper zucken würde. Lundeen war von einer einzigartigen Phantasielosigkeit bezüglich seiner Wünsche und der Form, sie auszudrücken. Aber selbst Phantasielosigkeit vermag Eindruck zu machen, wenn sie sich in der eindeutigen Sprache, die Lundeen benutzte, ausdrückt. Ruth las einen Brief zuviel. Dann riß sie ihn in einer wilden Aufwallung durch, riß ihn noch einmal durch und zerfetzte ihn in kleine Schnitzel, als ob das ihn völlig auslöschen könnte.

Murray konnte gerade noch einen Arm um Helenes Taille legen, als ihre Hand in Ruths Haar fuhr, es umklammerte und den Kopf nach unten zog. Es gelang ihm, die Finger zurückzuzwingen und ihren Griff zu lockern, so daß Ruth freikam. Aber nun hatte er es mit ihr auszufechten. Helene trug nichts als ein durchsichtiges Nachthemd. Unter seinen Armen konnte er fühlen, wie sich ihre Muskeln strafften. Er mußte das Knie abwehren, das nach ihm stieß, und den scharfen weißen Zähnen ausweichen, die sich in seine Schulter und seine Wange zu graben suchten. Unablässig fluchend rang sie mit ihm, während der alte Mann nutzlos danebenstand, sie mit ausdruckslosen Augen anstarrte und sich geistesabwesend auf der Brust kratzte. Es mochte ein oder zwei Minuten gedauert haben, bevor Murray das Mädchen in ihr Schlafzimmer bugsiert, ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen und den Schlüssel umgedreht hatte. Als er sich umwandte, war Ruth verschwunden. - Stanley Ellin, Im Kreis der Hölle. München, Bern 1977 (zuerst 1958)

Rivalin (2) FANNY  Meine liebe Gräfin, Sie sind brillant, hinreißend, faszinierend. Wäre ich ein Mann, würde ich selbstverständlich Sie wählen.Aber Männer sind dumm, sie lieben die Sicherheit über alles; deswegen wird Ihr Mann mir nachhause folgen wie ein Küken.

LUPA stützt sich auf ihre beringte Hand Was findet er eigentlich an Ihnen?

FANNY Tja, um es mit Scott Fitzgerald zu sagen: das sprachlose Dummchen.

LUPA Sagen wirs vielleicht anders herum: Was stimmt nicht mit mir?

FANNY ungeduldig Sie sind grandios. Das reicht. Wenn wir Branntwein wären, würde ich sagen, daß ich schwarz gebrannt bin und Sie sind im Faß gereift. Sie sind zu perfekt. Sie brauchen keinen Schliff. Was wollen Sie mit einer lebenslangen Ergebenheit anfangen? Sie werden fortbestehen, wie das Meer, ganz gleich, welche Schaluppen auf Ihnen fahren.

LUPA lächelnd Was wollen Sie denn mit Nicoletti anfangen, wenn Sie ihn kriegen?

FANNY Großer Gott, daran hab ich noch gar nicht gedacht. Sie beginnt, an den Fingern aufzuzählen Ich verspreche, ihn gegen die Kälte einzupacken, ihm wenigstens einmal in jeder Saison ein neues Gericht vorzusetzen, und hin und wieder werd ich ihn ein klein wenig eifersüchtig machen, wenn wir im 1. Klasseabteil irgendeines Zuges sitzen, indem ich meinen Platz wechsle.

LUPA Sie überzeugen mich beinah -

FANNY mit einem Seufzer der Ekstase Liebste!

LUPA Das werden Sie keineswegs tun.

FANNY abrupt aus ihrer Ekstase gerissen Werd ich nicht tun?

LUPA erhebt sich zu ihrer vollen Größe, und zündet sich, mit furchteinflößcnder Gelassenheit eine Zigarette an Sehen Sie, zunächst einmal, der Graf hat einen von jenen ausgewölbten Schädeln, die in einer Familie nur dann auftreten, wenn das Blut gegen jeden Schrecken unempfindlich geworden ist, das Herz gegen jede Qual und der Geist gegen jede neue Philosophie. Der Graf ist in jedem Zug für ein glanzvolles Begräbnis geschaffen, - nicht mehr, nicht weniger. Es wird seine letzte Geste sein. Hebt die Hand Halt, damit meine ich nicht, daß man ihn töten soll. Das wird er selbst, zur rechten Zeit, besorgen, genau im richtigen Augenblick, vorbildlich, lässig. Es wird, das verspreche ich Ihnen, großartig sein, auf unwiderrufliche Art vollendet. Es wirdjedoch, wie gesagt, seine letzte, seine allerletzte Geste sein, meine liebe Fanny Blaze.

FANNY steht nervös auf Ich kann mich nur auf Ihr Wort verlassen.

LUPA lacht, ein nachsichtiges, freudloses Lachen Auf mein Wort, meine Liebe? Nein, Sie haben die Zeit als Garantin. Sehen Sie sich ihn selbst an. Was Sie für Noblesse und Grandeur gehalten haben, war nobel und war groß. Aber die Noblesse kam aus dem Wissen, daß nach mir niemand sein wird; und die Grandeur kam aus der Sicherheit eines solchen Wissens. Der Graf war müde, als ich ihn heiratete, vor etlichen zwanzig Jahren. Sie streckt die Hand aus, mit einer großmütigen Bewegung, nicht ohne eine gewisse Belustigung Auf mein Ehrenwort, meine Liebe -

FANNY Irgendwie komme ich mir äußerst lächerlich vor, mit einem Mal, es 'war doch vorhin so nett -

LUPA Und es wird es gleich wieder sein. Sie haben keinen Grund zu verzweifeln. Sie sind ein junges, charmantes Mädchen, und Sie haben eine unbezahlbare Eigenschaft - Sie werden es damit weit bringen -

FANNY Was?

LUPA Diesen Impuls »Sprich zuerst mit ihr«, sehr selten, meine Liebe, sehr selten. - Djuna Barnes, Hinter dem Herzen. Berlin 1994

Rivalinnen (3)  Eben an dieser stelle des vorliegenden buches beschloß frau Holle, endlich doch einzugreifen; die Situation war bereits mehr denn prekär geworden. ›Jetzt wird es höchste zeit‹, sagte sie, ›daß ich auch meine hand ins spiel mische!‹

Mary Wollstonecraft Shelley, die, wie mochte es auch anders sein, natürlich für das geschöpf ihres nokturnen geistes partei ergriff, wurde unruhig. Ihre augen begannen böse zu funkeln, ihr atem ging heftiger, sie murrte etwas in den batist ihres stickrahmens. ›Ich bitte sie, Mary‹, sagte frau Holle etwas zu nebenbei, ›springen sie doch mal schnell in das badezimmer und bringen sie mir meine wimpernschere .. .‹ Sie hatte das gefunkel ihrer gesellschafterin wohl bemerkt. Dies war eine order, welche nur unwillig befolgt wurde.

Kaum aber hatte Mary Wollstonecraft Shelley das badezimmer betreten, da war auch die hausfrau hinter ihr her. Mit einem hurtigen griff drehte sie den außen steckenden Schlüssel um und die überraschte gesellschafterin saß gefangen zwischen lotionen und duftenden seifen!

›Wir werden ja sehen, wer stärker ist‹, sagte frau Holle bestimmt, ›diese Shelley oder ich!‹ Und mit diesen worten versetzte sie sich selbst in ein atomuboot, welches am ufer des flusses, der den mittelpunkt dieser verne'schen welt durchfließt, anker geworfen hatte. Frau Holle sah in ihrer blauen marineuniform sehr schön aus. Sie stand in der geöffneten turmluke des ubootes und war als brustbild sichtbar. - H. C. Artmann, Frankenstein in Sussex (mit Fleiß und Indusrtie). Frankfurt am Main 1969 (es 320)

 

Freundin Rivale

 

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