eisende   Die Hadesreisenden bleiben nicht lange in der Gestalt, die sie bei ihrem Eintreffen trugen; der Druck, die innewohnende Schöpferkraft der Stätte arbeitet sie um, stutzt, verändert sie und kräftigt sie mit nährendem und phantastischem Blut. Aber zehrt sie auch auf. Geschöpfe, die einst Männer und Frauen gewesen: nun aber, in dieser Weise bearbeitet wie Kiesel im Fluß, ist kaum noch ein Stück Rückgrat geblieben, ein fünfgliedriges Glimmern in der Luft dient ihnen als Hand. Hier eine Schwarzweißzeichnung in der Luft anstelle der Seele; und es spaziert ein Ideogramm, das einst ein Mann von ungestümen und höchst vergeblichen Leidenschaften gewesen. Hier Ohren, zu weiten gläsernen Trichtern verformt, vorbereitet, um das Flüstern des Hades einzufangen; oder manchen umwallt eine Phosphoreszenz äußerer Därme, auf denen sich Greifarme zum Einfangen von Würmern und Insekten öffnen; oder die Beine dichotomisieren sich immer weiter, so daß du am Ende nur eine Menschenscheibe zwischen Felsen und Schluchten schwirren siehst; bei anderen verlängert und entknocht sich die Magerkeit der Arme, bei ändern die der Finger: Greif- und Sitzwesen entstehen und bewegen die gelenklosen Glieder im Nahrungsfang, spielen Steinwürfelspiel, kratzen, wo Wasser vorkommt oder wo sie Zugang zu den Unterweltlichen erhoffen. Andre zerschmelzen wie Fruchteis, sommers auf brodelnden Asphalt geworfen; und eine Riesenlache dampft noch jahrelang, in der zwei Augenscheiben lidlos standhalten; anderen wächst die gierige Lippe zum Rüssel, zur Schnauze und spaltet sich und ein verrückter Witz von Hauerzahn wächst hervor; anderen verdünnen sich die Achselhöhlen zu Membranen, wie bei fluguntüchtigen Vögeln: und um sich über die Wartezeit hinwegzutäuschen, flattert man mit dem vergeblichen Flugwerk. Von vielen bleibt fast gar nichts: ein Nagel mit nie getrockneter Blutspur; ein zuckendes Lid auf der Suche nach zu deckendem Auge; ein weiser Vorfingerknochen mumienhafter Vergreisung; ein Zahn, der im Nabel steckt, beide in die Ecke einer leeren Höhle geworfen, oder auf halber Höhe schwebend. - (nieder)

Reisender  (2)  für interkontinentale reisen ließ er  sich 1925 eigens ein automobil, das ›rollende haus‹ konstruieren, das vehikel von 9 metern länge und 2,5 metern breite enthielt einen beheizbaren, variablen salon mit schrankbett, ein kombiniertes eß- und wohnzimmer, ein badezimmer mit toilette, einen aufenthalts- und ruheraum für das dreiköpfige personal. roussel trennte sich von dem kostspieligen gefährt, da es gegen seine intentionen überall aufsehen erregte, selbst der papst und mussolini sollen sich für die mobile villa interessiert gezeigt haben.

muß noch erwähnt werden, daß roussel während dieser exkursionen mit dem auto der äußeren realität keine aufmerksamkeit schenkte, sondern las? (und zwar gelegentlich seitenweise: er zerpflückte ein buch und las nur jeweils eine sehe, um sie - wenn er sich beobachtet fühlte - in der tasche verschwinden zu lassen.)  - bernd mattheus, der stern auf der stirn. Nachwort zu: Raymond Roussel, Afrikanische Impressionen. München 1980

Reisender  (3)  Der einzige wahre Reisende, den ich gekannt habe, war ein Laufjunge in einem Büro, in dem ich seinerzeit angestellt war. Dieser Junge sammelte Werbebroschüren von Städten, Ländern und Transportgesellschaften; er besaß Landkarten - die einen aus Zeitungen herausgerissen, die anderen hier und dort zusammengebettelt -; er besaß auch aus Zeitungen und Zeitschriften ausgeschnittene Illustrationen: Landschaften, Bilder von exotischen Bräuchen, Bilder von Dampfern und Schiffen. Er suchte die Reisebüros im Namen eines angeblichen oder vielleicht auch im Namen eines wirklich vorhandenen Büros auf und erbat sich Prospekte über Reisen nach Italien, Reisen nach Indien und Prospekte, welche die Verbindungen zwischen Portugal und Australien schilderten.

Er war nicht nur der größte, weil wahrste Reisende, den ich gekannt habe: er war auch einer der glücklichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Es tut mir leid, daß ich nicht weiß, was aus ihm geworden ist; freilich vermute ich nur, daß es mir leid tun sollte; in Wirklichkeit tut es mir nicht leid, denn heute, wo zehn Jahre oder mehr seit der kurzen Zeit, in der ich ihn gekannt habe, verstrichen sind, ist er gewiß ein reifer Mann, stupide und pflichteifrig, vielleicht verheiratet, eine soziale Stütze für irgend jemanden - bei lebendigem Leibe verstorben.  - Fernando Pessoa. Nach: Tintenfaß 15, Zürich 1986

Reisende  (4)  Es ist Ihnen ja sicher nicht unbekannt, daß Reisende dafür bekannt sind,  Entdeckungen zu machen. Die Reisenden finden Selbstmörder, verlorene Schmuckstücke, hohe Geldbeträge, und sie werden überhaupt immer mit dem Kriminalistischen in Beziehung gebracht. Auch aus diesem Grund sind uns die Reisenden unheimlich. Mir sind die Reisenden widerwärtig, sage ich zum Fuhrmann. Wo ein Reisender ist, ist auch ein Verbrechen, sage ich. Die Auffindung Sillers durch den Reisenden hat gezeigt, daß nicht alle Selbstmörder in die Traun gehen, in Zukunft wird man nicht nur ans Wehr gehen, sondern auch den Wald durchsuchen müssen. Mir ist nicht erinnerlich, daß sich in den letzten zehn Jahren, seit dem Selbstmord des Raiffeisenkassenleiters Pöll, der sich auf dem Höhepunkt des Pöllschen Verschuldungsskandals aufgehängt hat, einer in der Gegend aufgehängt hat. Geehrter Herr, einer meiner immer wiederkehrenden Träume ist folgender: ich schaue in die Traun hinein und sehe Hunderte und Tausende Leichen in der Traun, eng aneinander, sie bilden eine weißlich-gelbe Körpermasse unter der klaren Wasseroberfläche, die ihr Poetisches hat. Sehe ich unter der Leichenmasse ein Gesicht, ist es mir bekannt. Die Klarheit des Wassers und die Unbeweglichkeit und Trübsinnigkeit der Leichenmasse unter der Oberfläche kontrastieren auf eine tatsächlich wunderbare Weise miteinander. - Thomas Bernhard, Watten. Ein Nachlaß. In: T.B., Die Erzählungen.  Frankfurt am Main 1979

Reisender  (5)  Plume kann nicht sagen, daß man ihn auf Reisen mit übertriebener Rücksicht behandle. Die einen überfahren ihn, ohne Vorsicht zu rufen, die andern trocknen sich in aller Ruhe ihre Hände an seiner Jacke ab. Schließlich hat er sich daran gewöhnt. Ihm ist es lieber, in aller Bescheidenheit zu reisen. Er wird es tun, solange es ihm irgend möglich ist.

Wenn man ihm in seinem Teller unwirsch eine Wurzel hinstellt:

„Los, los, essen Sie. Worauf warten Sie denn noch?" „Sehr wohl, sehr wohl, sofort, schon dabei." Und wenn man ihm nachts ein Bett verweigert: „Was! Sie sind doch nicht von so weit hergekommen, um zu schlafen, nicht? Los, los, nehmen Sie Ihren Koffer und Ihre Sachen, dies ist die Tageszeit, wo es sich am besten zu Fuß geht."

„Sehr wohl, sehr wohl, ja gewiß. Ich hatte es natürlich nicht ernst gemeint. Doch, doch, nur zum . . . zum Scherz."

Und er geht wieder hinaus in die finstere Nacht. Und wenn er aus dem Zug herausgeworfen wird: „Nein,  nein!  Sie denken wohl,  diese Lokomotive wäre seit drei Stunden geheizt worden und acht Wagen angehängt, um einen jungen Mann Ihres Alters zu befördern, der vollkommen gesund ist, der hier durchaus nützlich sein kann, den kein Bedürfnis zwingt, wegzufahren? Darum hätte man Tunnels gebohrt, viele Tonnen von Felsen mit Dynamit gesprengt, Hunderte von Kilometern Schienen gelegt, bei Tag und Nacht, abgesehen davon, daß man die Linie auch noch bewachen lassen muß wegen der Sabotageakte, und alles nur, um . . ."

„Sehr wohl, sehr wohl. Ich begreife ja durchaus. Ich war nur eingestiegen, um einen Blick hineinzutun. Für jetzt ist das alles. Einfach Neugier, nichts weiter. Und tausend Dank."

Und er kehrt mit seinem Gepäck auf die Landstraßen zurück.   - Henri Michaux, Plume und andere Gestalten. Wiesbaden 1981 (zuerst 1938)

 

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