abe  


- Volker Kriegel, aus: Der Rabe, Magazin für jede Art Literatur 500, Zürich 1987

Rabe (2) Das einzige, was laut war: die Raben, die Hauptbevölkerung, schien es, nicht nur dieser Gegend hier, und längst von Winter- zu Ganzjahresvögeln geworden. Sie schrieen meist im Unsichtbaren, wie alte Hähne, die bloß noch einen Ton herausbringen, nur eben lauter, und ziemlich oben in den Lüften, zwischendurch auch ein mächtiges tiefes Gegluckse, ein Hämmern sozusagen blind auf ein Xylophon.

Einer unter den Tausend zeigte sich nun, auf dem breiten Wipfel der Nachbargartenzeder, der an diesem Morgen ebenfalls erstmals dort wahrgenommenen. Der Rabe gestikulierte auf einem der nasenbärhaften Zweigenden, im Profil, mit einer rundlichen Frucht im Schnabel - der Garten, und nicht bloß der eine hier, war übersät mit solch von ganz woanders stammenden Fallfrüchten, auch Stücken von Mangos, Lychees, Kiwis -, die Federn zerzaust, und wild durcheinanderge fächert, die Flügel vielfach geknickt, gefaltet, weggestreckt, als habe er weit mehr davon als das eine Paar, oder hockten dort gleich mehrere Raben auf einem Haufen zusammen? fraßen einander die Fliegen aus dem Gefieder?

»Rabe, komm und sprich!« Und der Rabe kam aus der Baumkrone geflogen, landete auf dem Gartentisch neben dem aufgeschlagenen Buch und dem Blue-Mountain-Kaffee, vollführte zunächst mit Kopf und Schwingen eine Serie von stummen Lotsensignalen und sagte dann: »...«

Als er aufflog, buckelte sich an seiner Stelle auf dem Tisch eine dicke Made. Und er hatte stark aus dem Schnabel gestunken und helle Flecken am Kopf gehabt. »Zünd endlich die Zündschnur an!« hatte er unter anderm gesagt. Tatsächlich schaute da, neben dem längst verrosteten Stück eines Kinderwurfpfeils, aus der Gartenerde etwas wie ein weißliches Luntenende — das er, wie befohlen, anzündete. »Und schneid das Brot mit der Hand, und nicht mit der Maschine!« Und wirklich war, als er tat wie befohlen, als schneide er das Frühstücksbrot mit für andere. - Peter Handke, In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Frankfurt am Main 1999 (st 2946, zuerst 1997)

Rabe (3)  Die eine ist lebendig, der andere ist tot. Mein Schnabel vermag nicht den Stein zu durchbohren, doch ich wittere guten Leichengeruch. Nun denn, so bleibt eben alles fiir die geduldigen Würmer. Wie boshaft sind die Erbauer von Gräbern. Uns rauben sie die Nahrung, und für sie sind die Leichen ganz und gar nutzlos. Soll ich nun warten, bis dieses Weib stirbt? Nein, denn bis dahin würde ich selber verhungern, und meine Jungen warten auf Atzung. Ich weiß, wo Merlin ist, doch ich will ihn nicht mehr. Vor den Toren der Städte sterben die Zauberer, die niemand begräbt. Ihre Augen schmecken gut, und ich suche auch Kadaver von guten Tieren, doch das Leben ist hart, denn die Geier sind stärker, diese gräßlichen, niemals lachenden Tiere, sie sind so dumm, daß ich noch nie eines von ihnen ein Wort sprechen hörte. Wir aber, Genießer, sind wir gefangen und füttert man uns gut, dann lernen wir gern die menschliche Sprache, und selbst das Latein.  - (apol)

Rabe (4)

Der Rabe in der Tür

 - Paul Flora

Rabe (5)

- André François

Rabe (6)  Der Rabe, auch Corax genannt, hat seinen Namen vom Laut seiner Kehle, die ein Krächzen von sich gibt. Von diesem Vogel heißt es, daß er seinen eben geschlüpften Jungen nicht die volle Fütterung zuteil werden läßt, bevor er bei ihnen nicht an der Schwärze der Federn die Ähnlichkeit mit der eigenen Farbe erkennen kann; sobald er aber sieht, daß ihr Gefieder ganz schwarz ist, erkennt er sie ganz als die eigenen Jungen an und füttert sie umso reichlicher. Bei Leichen geht er zuerst auf die Augen los.

Der Rabe wird von der heiligen Schrift in mehrfachem Sinne gedeutet. So versteht man unter dem Raben manchmal den Prediger, manchmal den Sünder, manchmal auch den Teufel.   - Bestiarium, nach dem Ms. Ashmole 1511, Hg. Franz Unterkircher.  Graz 1986

Rabe (7)  Bei den Tlingit in Nordwestamerika ist der Rabe (Qaq) der Demiurg oder Vertreter von Chaos und Schöpfung. Er ist ebenfalls ein geflügeltes Wesen, ein schwarzer, lasterhafter, gieriger, geiler Schwindler, der aber auch dadurch, daß er den Mond stiehlt, Licht in die Welt bringt.

Er weiß, wem der Mond gehört: einem alten Fischer, der über die See völliger Finsternis „alter Zeiten" rudert und die Quelle des Lichts in zehn Schachteln verborgen hält, die wie die Schachteln eines chinesischen Puzzlespiels ineinandergesteckt sind und hoch oben auf einem Wandbrett in seiner Hütte stehen.

Der Rabe verwandelt sich in eine Piniennadel und schwimmt auf der Oberfläche einer Quelle. Die Tochter des Fischers trinkt von dem Wasser, wird schwanger und bringt ein Kind zur Welt. Der Fischer liebt seinen kleinen Enkel zärtlich und verwöhnt ihn. Der Kleine schreit, der Großvater bietet ihm ein Spielzeug nach dem andern an, aber er will die Mondschachtel haben. Er öffnet die Schachteln eine nach der andern und spielt mit der leuchtenden Kugel. Der Fischer verläßt ahnungslos die Hütte.

Sogleich nimmt der Rabe seine Vogelgestalt an, krächzt sein „Gaa" und fliegt durch den Rauchfang davon, den Mond im Schnabel. Er bricht Stücke davon heraus und macht daraus die Sonne und die Sterne.

Der Rabe ist Logos (von einer Jungfrau geboren); er ist Luzifer und Prometheus, der Lichtträger, Maya, die Hindu-Göttin der Natur und der Illusion; und er ist Protheus, der griechische Gott, der vielgestaltige, die Seele der Materie selbst. Er manifestiert sich als Vogel, als schöner Knabe, als furchterregender alter Mann mit einem Bart aus Moos, als altes Weib mit einer schnabelförmigen Nase. Er ist der erste und größte Schamane, der Mann, der allen Geheimnissen auf den Grund kommt, der zum Geistervogel wird und den Baum hinauf zum Licht fliegt mit höhnischem Gekrächze.  - Peter Lamborn Wilson, Engel. Stuttgart u.a. 1981

Rabe (8)

Rabe (9)

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