hysiognomie An der Wand der Schilfhütte, neben dem Ofen, während ich das Meldebuch durchsehe: ein graues Gebilde von der Glätte der Eselshaut, bestehend aus einem Schlangenhalse, der sich an seinem abgeschnittenen Ende bugartig wölbt, und einem Schlangenkopfe, der oberhalb der spitz bewehrten Kiefer in einen Menschenschädel übergeht. Es ist im Nackenansatz durch einen starken Nagel halb an die Wand geheftet, halb wie durch eine Zwinge angeklemmt. Vom Halse spielt, wie auch vom Kinn, ein Flossensaum hernieder; man ahnt, daß diesen Hals ein sonderbarer und unbekannter Leib getragen hat.

 

Da ich Derartiges noch nie so nah, so deutlich und so wach gesehen habe, zeichne ich es sogleich mit kurzen Strichen auf einen Meldeblock, der mir zu Händen liegt, und stoße dabei auf feine, sinnvolle Einzelheiten in der Anatomie, die sich dem ungeübten Stift entziehen. Auch fallen mir Züge des Leidens auf — mechanisch, stumpf und tief in sich verloren, wie sie solchen Wesen eigen sind.

Dann trete ich darauf zu, und alles verwandelt sich in einen Lappen aus grauer Wolle, der zum Putzen der Schüsseln neben dem Ofen am Nagel hängt. - Ernst Jünger, Gärten und Straßen (5. Februar 1940)

Physiognomie (2) Ich will meinen Sinn kehren zu der Physiognomie, die da ist eine sinnreiche natürliche Kunst, durch welche erkannt werden mögen die Neigungen zu Tugenden und Lastern eines jeden Menschen.

Wer viel Fleisch an dem Antlitz hat, der ist nimmer weis, ungestüm und lügenhaft.

Wer ein subtil Antlitz hat, der ist fürsichtig in seinen Werken, von subtilem Verständnis.

Wer ein klein Antlitz hat, das sich zu der Gelbe neigt, der ist der allerböseste, lästerlichste Betrüger und Trunkenbold.

Ein feist Angesicht bedeutet Torheit und Fresserei.

Ein Angesicht, das wohl geschickt ist an Fleisch, Farb, Augen, Augbrauen, Nasen und andere Glieder bedeutet einen Menschen, der gemeinlich wohl geschickt ist, zu wirken Tugend und Laster.

Ein Haupt, das oben breit ist, bedeutet Hoffart und Untreu. Item, ein langes Haupt bedeutet Unweisheit und nit fürsichtig. Aber ein wohlgerundet, groß Haupt bedeutet einen heimlichen Menschen, fürsichtig in seinen Werken, sinnreich, ehrbar, großer Betrachtung, stet, arbeitselig und frei.

Welcher fast große Ohren hat, der ist ein Tor, einfältig, faul, grober Speis, harter Begreiflichkeit und unverhüter Red.

Wer aber kleine Ohren hat, der ist boshaft, dumm, unkeusch.

Item, Ohren, die sich fast an das Haupt legen, bezeichnen Traurigkeit und einen verdrossenen faulen Menschen.

Item, Ohren, die recht rund sind, bedeuten Ungelehrsamkeit. - (kal)

Physiognomie (3) Was ins Auge springt, ist ihre kriegerische Physiognomie, Ritterrüstung und wutverzerrte Visage in einem. Ihre Spiegelbilder lassen sich leicht in geschichtlichen Zeiten wiederfinden. Man entdeckt sie auf alten Gemälden in der Rolle römischer Legionäre am Ölberg ebenso wie auf den Bildern brutaler Zechgelage aus holländischer Schule.

Maulaufreißer

Wie zu erwarten, sind die Gesichter der Täuscher darunter, der Aufschneider und Blender, der primären Schlinger mit aufgerissenem Maul und die Grimassen glupschäugiger Basilisken. Prototyp aller Rundumspäher, vom Chamäleon bis zum fernglasbewaffneten Opernbesucher, ist der Hochgucker, mit seinen senkrecht nach oben gerichteten Teleskopaugen. Von ihm aus gesehen muß alles Gute tatsächlich von oben kommen. Sein Gesichtsausdruck eines ewig Wartenden, ewig Lauernden ist gleichzeitig stoisch und religiös verzückt.

Neben der aufdringlichen Mimik finden sich oft auch spezielle Organe betont. So ist der Anglerfisch ein Wasserbewohner, der eine spätere, vom Menschen bevorzugte Jagdmethode vorwegnimmt, indem er gewissermaßen selbst zur Angel greift, um seine Beute zu fangen. Sein Rückenflossenstrahl ist umgebildet zum auffälligen Köder, der angelockte Fisch wird in Sekundenschnelle in die Mundöffnung eingesaugt. Dagegen ist der Laternenfisch unterwegs als schwimmende Taschenlampe. Es gibt Exemplare in verschiedenen Leuchtfarben, manche blau, andere orange. Einige senden Lichtblitze aus, um den Verfolger durch Blendung abzuschütteln: im tiefschwarzen Wasser der untersten Meeresregionen müssen sie deshalb als bloße Nachbilder erscheinen, Chimären wie jene U-Boote mit Antiradaranstrich, die ihre Positionen zehntelsekundenlang angeben, bevor sie verschwinden auf Nimmerwiedersehn. Während die einen mit ihren Körpern selbst Licht in das Dunkel bringen, sind die aandern, passiv ausgestattet, ganz Auge. Der Netz augenfisch, mit seinem besonders leistungsstarken Lichtsinnesorgan extrem angepaßt, folgt noch dem Streulicht winzigster Lebewesen, den Leuchtdioden der Tiefsee.

Sie alle sind, und das erst macht ihre Physiognomie so schauerlich, auf unterster Stufe organspezialisiert. Überdeutlich sind sie durch ihre Bewaffnung gezeichnet, die Körper verhärtet zu Schreckensmasken. Ihre wenigen Triebregungen haben, wie nach den Plänen aus einem Monsterlabor, den direktesten und expressivsten Ausdruck gefunden, darin den Rennwagen gleich, die man mit außenliegendem Motor, Breitreifen und kleinen Tragflächen ausstattet, entblößte Maschinen, nackt in ihrer fast gierigen Funktionalität. Bei Tageslicht zeigt sich Natur später nur noch selten so eindeutig, wenn überhaupt, dann getarnt in ironischer Zierform wie bei gewissen Reptilien oder wie im Fall der Ureinwohner von Madagaskar, die nur noch nachts aktiv sind, Halbaffen mit gesichtsgroßen Augen und durchsichtigen Molchfingern. Sonst jedoch scheint alles Lemurenhafte in jene stammesgeschichtliche Frühe verbannt, von der das Unbewußte vielleicht noch weiß. Doch schon das Schleppnetz der Hochseefischer gleitet darüber hinweg; und wenn beim Sezieren größerer Fische, etwa im Magen der gefräßigen Lanzenfische, sich manche der Oldtimer unversehrt wiederfinden,  sind sie meist unkenntlich wie alte Geldbörsen und Kandschuhe. Phantastisch ist ihre Erscheinung nur dort, wo keiner sie zu Gesicht bekommt, in den endlosen Schaufensterreihen und dunklen Passagen der Tiefsee. Nur dort sind sie zu Hause in ihrer eigenen Gründerzeit, kleine gußeiserne Fabrikate, die ohne Rasten und Rosten dem ersten Überlebensplan folgen: durch Verstellung, Hinterlist, Raub.  - (gr)

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