Philolog   Wörterfreund. Wer etwas anderes mehr als Menschen liebt, ist ein Unmensch. Die Sprache, das Denkmittel des Volkes, bedarf keiner Liebe, sondern nur richtiger Gedanken, bedarf nur der Wahrheitssprecher, die sie rein halten, aber nicht der Schwatzmichel, Quasselköpfe und Verbildungsschuster - (se)

Philolog (2)   Warum wollte er denn Dante lesen? So eine Grille, er war Zahnarzt und wollte ein paar berühmte Verse in einem goldenen Rahmen in seiner Praxis aufhängen. Seine Parties am Samstag hingen mir schon zum Hals heraus. Sowie ein neuer Gast kam, rief mich Fuzzi, um mich vorzustellen, dann redete er begeistert von seinen Dantestudien und sagte, wie gut ich ihm Dante erklären würde: »Wonderful, wonderful!« Ich werde ihm insgesamt knapp dreißig Terzinen erklärt haben. Eigentlich gab ich ihm nur Zusammenfassungen und erzählte ihm von den Seelen in der Hölle, den verschiedenen Kategorien von Verdammten, ihrer Schuld und ihren Strafen. Als ich jung war, redete ich viel und redete gern, aber später ist mir die Lust vergangen.  - Gianni Celati, Die Geschichte des Models. In: G. C., Cinema naturale. Berlin 2001

Philolog (3)   Begriff von Philologie - Sinn für das Leben und die Individualitaet einer Buchstabenmasse. Wahrsager aus Chiffern - Letternaugur. Ein Ergänzer. Seine Wissenschaft entlehnt viel von der materialen Tropik. Der Physiker, der Historiker, der Artist, der Kritiker etc. gehören alle in dieselbe Klasse./ Weg vom Einzelnen aufs Ganze - vom Schein auf die Wahrheit et sic porro. Alles befaßt die Kunst und Wissenschaft von Einem aufs Andere - und so von Einem auf Alles - rhapsodisch oder systematisch zu gelangen - die geistige Reisekunst - die Divinationskunst.  - Novalis, Teplitzer Fragmente

Philolog (4)   Die Hadesschatten des Homer — welcher Art von Existenz sind sie eigentlich nachgemalt? Ich glaube, es ist die Beschreibung des Philologen; es ist besser Tagelöhner sein, als so eine blutlose Erinnerung an Vergangnes — Großes und Kleines.  - Friedrich Nietzsche, Wir Philologen

Philolog (5)  »Sie sind doch so geschickt darin, Wörter zu erklären, Herr Goggelmoggel«, sagte Alice. »Könnten Sie mir da freundlicherweise sagen, was das Gedicht ›Der Zipferlake‹ bedeutet?«

»Nur heraus damit«, sagte Goggelmoggel. »Ich kann alle Gedichte erklären, die jemals erdacht worden sind - und außerdem noch eine ganze Menge, bei denen das Erdenken erst noch kommt.«

Das klang recht vielversprechend, und Alice sagte also die erste Strophe auf:

Verdaustig wars, und glasse Wieben
Rotterten gorkicht im Gemank;
Gar elump war der Plackerwank,
Und die gabben Schweisel frieben.

»Das reicht fürs erste«, unterbrach sie Goggelmoggel; »da kommen schon recht viele schwere Wörter vor. ›Verdaustig‹ heißt vier Uhr nachmittags - wenn man nämlich noch verdaut, aber doch schon wieder durstig ist.« »Das paßt sehr gut«, sagte Alice; »und ›glaß‹?«. »Nun, ›glaß‹ heißt ›glatt und naß‹. Das ist wie eine Schachtel, verstehst du: zwei Bedeutungen werden dabei zu einem Wort zusammengesteckt.«

»Jetzt versteh ichs schon«, sagte Alice nachdenklich.

»Und was sind ›Wieben‹?«

»Also, ›Wieben‹ sind so etwas Ähnliches wie Dachse - und wie Eidechsen - und so etwas Ähnliches wie Korkenzieher.«

»Das müssen aber sehr merkwürdige Geschöpfe sein.«

»Das wohl«, sagte Goggelmoggel; »sie bauen außerdem ihre Nester unter Sonnenuhren - und außerdem fressen sie nur Käse.«

»Und was ist ›rottern‹ und ›gorkicht‹ ?«

»›Rotter‹ ist das gleiche wie ›rotieren‹, das heißt: sich schnell drehen. ›Gorkicht‹ heißt alles, was sich in Kork einbohrt.«

»Und ein ›Gemank‹ ist dann wohl der freie Platz um eine Sonnenuhr von der Art, wie sie oft in einem Park stehen?« fragte Alice, über ihre eigene Scharfsinnigkeit verwundert.

»Freilich. Dieser Platz heißt ein ›Gemank‹, denn man kann rechts darum herumgehen, man kann links darum herumgehen -«

»Aber darunterweg kann man keineswegs«, schloß Alice.

»Genau das. Nun also: ›elump‹ heißt ›elend und zerlumpt‹ (schon wieder ein Schachtelwort, wie du siehst). Ein ›Pluckerwank‹ ist ein magerer, unansehnlicher Vogel, bei dem die Federn kreuz und quer durcheinanderwachsen - er sieht etwa aus wie ein lebendiger Mop.«

»Und die ›gabben Schweisel‹?« fragte Alice, »wenn es Ihnen nicht zuviel wird.«

»Nun, ein ›Schweisel‹ ist eine Art grünes Schwein; aber bei ›gabben‹ bin ich nicht ganz sicher. Ich glaube aber, es ist abgekürzt und heißt ›vom Weg ab‹ - soviel wie ›verirrt‹, verstehst du?«

»Und was heißt ›sie frieben‹?«

»Nun, ›freiben‹ ist ein Mittelding aus Bellen und Niesen, begleitet von Gepfeif; vielleicht hörst du einmal, wie etwas freibt - dort drüben im Wald etwa - und dann fragst du bestimmt nicht weiter. Wer hat dir denn das viele schwere Zeug beigebracht ?«  - Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln. Frankfurt am Main 1974 (it 97, zuerst 1872)

Philolog (6)   Drawitz, I. Philologe im Flottenstab Hinnerckes: Die ideellen Werte sind die ehemaligen wirklichen (materiellen) Werte in ihrem jetzigen ausgepowerten Zusrand. Mein Land ist gut; mein Land, d. h. die auswertbaren Äcker und Leute, sind gut - Landgut = Gut - Güte; Recht ist, was mir sehr recht ist - Recht; jetzt aber bleibt nur noch übrig die Idee der Güte, Idee des Rechts usf. Diese ist wegen der in dieser Reduzierung liegenden Ausweglosigkeit unverzichtbar. - (klu)

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