atriarch   Das ›gesunde‹ Phänomen der Langlebigkeit ist ein Patriarch, der viele Geschlechter von seinen Nachkommen überschauen kann. Man denkt an keinen anderen Patriarchen daneben. Es ist, als beginne ein neues Geschlecht mit ihm. Solange Enkel und Urenkel von ihm am Leben sind, schadet es auch gar nichts, wenn ihm einzelne seiner Söhne in den Tod vorangegangen sind; es erhöht sein Ansehen, daß sein Leben zäher war als das ihre. - (cane)

Patriarch (2) Man sah geradezu, wie eine Zelle nach der anderen in ihm unterging und im Unendlichen verschwand; es kam mir so vor, als läge ein leises Summen im Raum.

Er saß in einem der obligatorischen Bauhausstühle, bis zur Brust in eine weiße Angoradecke gepackt, unter der winzige Füße in schwarzen Lackschuhen hervorlugten. Die Fußspitzen berührten einander fast, die Füße bildeten ein spitzes Dreieck: eine kranke Fußstellung, verbogen, verdreht, falsch. Mit Interesse sah ich, daß seine Knie unter der Decke stetig und unkontrolliert zitterten, während ich langsam auf ihn zuging. Der weiße Teppich dämpfte meine Schritte und ich räusperte mich. Er schien mich nicht zu bemerken. Sein Greisengesicht war dem Fenster zugewandt, seine eigenartige Nase, klobig und spitz in einem, stand in scharfem Kontrast zu der Helligkeit draußen. Der Backenknochen führte wie eine schmale, brüchige Brücke über der eingefallenen Wange zu einem Ohr, aus dem dicker, weißer Flaum quoll. Er schien zu schlafen.

»Setzen Sie sich«, sagte er leise. Seine Stimme war scharf und rauh und doch kam sie aus weiter Ferne.

»Ich habe die Herausforderung angenommen«, sagte er übergangslos, »Ich werde diesen, diesen ... wie heißt er?«

»Carl David«, mit Ekel und Faszination sah ich, wie seine Füßchen zuckten, als er sich zu erinnern versuchte, wie sein Herausforderer hieß. »Carl David Gutekunst. Aber er ist tot.«

»Ich werde ihn wie eine Laus zerquetschen«, sagte Gutekunst. Er beachtete meinen Einwand nicht. »Ich werde seine Familie wie einen Haufen Brennholz in meinem Garten stapeln und den Vögeln des Himmels zum Fraß überlassen. Ich werde sie ausrotten. Das ganze Geschlecht soll vertilgt werden, dieser Schmutz auf dem Antlitz der Erde.« Ich sah, daß er die Augen geöffnet hatte und ins Licht blinzelte. Seine Tirade hatte ihn erschöpft, oder er wußte nicht weiter. Mit gespitzten Lippen begann er tonlos vor sich hin zu pfeifen.

Ich fragte mich, ob die ganze Familie Gutekunst aus solchen Idioten bestand und zog es vor, zu schweigen. Was sollte ich auf dieses wirre Zeug antworten?

Er schien nichts anderes erwartet zu haben. Nach einer Weile fuhr er fort: »Schmeißfliegen sind lästig, das gebe ich zu, aber man scheucht sie fort. Sie haben Ihren Fall und behalten Ihren Fall. Sie führen ihn zu Ende. Vernichten Sie diese Familie, dafür hat man Sie engagiert.« »Ihre Familie«, sagte ich. »Es handelt sich um Ihre Familie. Und um Ihren Urururenkel. Er hat mir den Auftrag gegeben, Ihnen den Erbschaftskrieg zu erklären. Aber er ist inzwischen tot, wie Sie wissen. Er kann die Sache nicht weiterführen, es sei denn, das Syndikat macht ohne ihn weiter.«

»Das Syndikat«, sagte er desinteressiert, »was für ein verdammtes Syndikat denn? Es gibt kein Syndikat.« Er wandte mir den Kopf zu, sehr langsam, als bestünde Gefahr, daß er von dem dünnen Hals kippen und durch den Raum kullern könnte; dann betrachtete er mich aus hellblauen, wässrigen Augen und schnaubte. »Ich habe mindestens tausend von diesen Urenkeln. Sie interessieren mich einen Dreck.«

Er schnaubte wieder, und der helle Tropfen, der an seiner Nase hing, bewegte sich gefährlich, hielt aber und kam zur Ruhe.  - Bernard Richter, Der Gutekunstsche Erbfolgekrieg. In: Phantastische Welten, Hg. Franz Rottensteiner. Frankfurt am Main 1984

Patriarch (3) Interessant ist die zuweilen deutlich auftauchende Erscheinung einzelner Koryphäen, die unter der Maske schlichter Bürgerlichkeit als Hüter der Gaunerkunst und als Zentralpunkte des Räubertums erscheinen. Ein solcher gaunerischer Stammhalter und Altmeister war der in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in Winoshoot bei Grönningen, später in Antwerpen, Gent, Brüssel und Countray lebende Jakob Moyses, der weniger durch die wegen seines Alters beschränkte räuberische Tätigkeit, als durch intellektuelle Urheberschaft fast der gesamten Räubertätigkeit der niederländischen Banden, als ihr Patriarch angesehen werden muß. Es war der Vater des berühmten Abraham Jakob, durch seine Tochter Dina der Schwiegervater des furchtbaren Picard, der wechselnd an der Spitze aller Niederländischen Banden stand, und ferner durch seine Tochter Helena oder vielmehr Rebekka, die mit dem verrufenen Daniel Jakob verheiratet war, später aber die Konkubine des entsetzlichen Franz Bosbeck wurde, mit den Häuptern jener Bande auf das innigste verbunden. Durch diesen Vorschub und durch diese Verwandtschaft erklärt es sich, daß die von Abraham Jakob (auch Jakob Levi und Signetsnyder genannt), Picard Kotzo (Abraham Picard), Moses Ocker (Moschoker, Karl Granus), Jan Bosbeck (Adrian, Jan der Brabanter, auch Het Shippertje, auch Jehu, ebenfalls Het Shippertje genannt) abwechselnd und besonders geführte Brabantische Räuberbande zum größten Teil aus Juden bestand, und auch unter den übrigen niederländischen Banden viele, wenn auch nicht so zahlreiche Juden sich befanden. In einem Verzeichnis der Brabanter Räuber waren unter 50 Gaunern 32 Juden angeführt. Durch die Einverleibung eines großen Teils des Königreichs Polen in Preußen wurde eben einer Masse jüdischen Gesindels der Weg nach Deutschland und durch dieses nach Frankreich und Holland geöffnet. - Nach (ave)

Patriarch (4)

Patriarch (5) Man weiß über das Patriarchat so wenig wie über die primitive Gesellschaft. Abraham und Jakob waren der Schilderung nach keine »tugendhaften Männer«. Es waren kleine Tyrannen, in Bosheit und Ungerechtigkeit verhärtet, auch hatten sie, nach der Sitte der Barbaren, Harem und Sklaven. Es waren Paschas oder Zwergtyrannen, die sich keinerlei Zwang auferlegten. Gibt es einen verbrecherischeren und ungerechteren Menschen als Abraham, der Agar mit ihrem Söhnlein Ismael in die Wüste schickte, um sie dem Hungertode preiszugeben, aus keinem anderen Grund, als weil er sie lange genug genossen hatte und ihrer müde war? Aus diesem Grund schickte er die Frau und das Kind in den Tod; hier erstrahlt die patriarchalische Tugend in vollem Glanz! Nirgends wird berichtet, daß sich die Partiarchen weniger nichtswürdig aufgeführt hätten.  - Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen. Frankfurt am Main 1966 (zuerst 1806)
 
 

Patriarchat Vater

 

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