ariser  
 

PARISER ORGIE
oder DIE PARISER KEHREN ZURÜCK

Feiglinge, seht sie! Strömt in den Bahnhof zu Scharen!
Die Sonne trocknete mit heißer Lunge Glut
Die Straßen, die einst, abends, füllten die Barbaren,
Seht dort die heilige Stadt, wie sie im Westen ruht.

Nur los! Man wird des Brandes Wiederkehr verhüten,
Seht dort die Quais, die Boulevards dort, die Häuser dort
Die gen den leichten Himmel stehn, den bunt erglühten,
Den abends einst besternte roter Bombenmord!

Versteckt die toten Paläste in Brettergrüften!
Der alte Tag, erschreckt, macht eure Augen neu.
Dort kommt die rote Bande, schwenkend ihre Hüften:
Seid toll, man wird euch drollig finden, seid ihr scheu!

Hündisches Volk in Brunst, verschlingend breiige Pflaster!
Der Schrei der Häuser voll Golde verlangt euch.
Stehlt! Eßt! Auf die Straße, in Krämpfen, die Nacht der Laster
Steigt dort hinab. Trinker, denen die Tröstung fehlt,

Trinkt! wenn das Licht erscheint in starkem, tollem Feste,
Wühlend im Strom des Reichtums, dicht an eurer Hand,
Spuckt ihr ins Glas dann nicht, lautlos und ohne Geste,
Verlorenen Augs zu den weißen Fernen gewandt?

Schlürft, auf das Wohl der Königin mit dem geilen Steiße!
Hört des verrückten Rülpsens jammervolles Schrein!
Hört springen in der Nächte glutdurchlohter Weiße
Die röchelnden Blöden, Greise, Puppen, Lakain!

O Herzen voller Schmutz, o schauderhafte Münder,
Macht, Münder voller Stank, nur lustig weiter so!
Wein auf die Tische hier für diese stumpfen Sünder...
Zerfetzt von Schmach sind eure Bäuche, Sieger, oh!

Bläht auf eure Nase den stolzen Eitelkeiten,
Tränkt euch mit starkem Gift der Hälse Sehnen voll!
Auf eure Kindernacken wird die Hände breiten
Kreuzweis der Dichter, der euch sagt: «Seid, Feige, toll!

Weil ihr den Leib der Frau durchwühlet, müßt ihr fürchten,
Daß sie in Schreie neuer Zuckungen verfiel,
Die eure niederträchtige Brat zu Tode würgten
An ihrer Brust, in grausiger Umarmung Spiel.

Bauchredner, Narren, Könige, Puppen, Lustseuchknappen,
Was hat damit zu tun Paris, das Hurenweib,
Mit euren Seelen, Körpern, Giften, Lumpenlappen?
Sie schüttelt, faules Hundspack, euch von ihrem Leib!

Wenn ihr, auf euren Därmen winselnd, voll Gelüsten
Nach eurem Geld, zu Boden, toten Leibs, euch graust,
Die rote Dirne wird, mit schlachtenschwangren Brüsten,
Fern eurer Starrheit, ringen ihre jähe Faust!»

Wenn du, nach deiner Füße zorndurchbebtem Tanze, Paris!
Wenn so viel Messerstöße dich versehrt,
Wenn du darniederliegst und in der Augen Glanze
Ein wenig Güte wahrst, wie roter Lenz gewährt,

O Stadt der Schmerzen, Stadt, schon fast dem Tod erkoren,
Das Haupt, die Brüst beid' der Zukunft stolz geweiht,
Die, Bleiche, dir sich auftut mit Milliarden Toren,
O Stadt, des Segens wert dunkler Vergangenheit,

Leib, neu mit Kraft belebt für ärgster Leiden Schwären,
So trinkst du wieder denn des Lebens Schreckensbrand,
Du fühlst in deinem Blut die fahlen Würmer gären
Und deiner hellen Liebe dröhn die eisige Hand!

Nicht schlimm! Den Würmern, fahlen Würmern nicht beschieden
Ist es, zu stören deines Vorwärtsstürmens Föhn,
So blendeten die Stryx auch nicht die Kariatiden,
Als Gold von Stementränen fiel aus blauen Höhn.

Mag es auch schrecklich sein, dich wieder zu erschauen
Befleckt, so ward auch nie aus einer Stadt gemacht
Ein stinkendes Geschwür im Land der grünen Auen,
Der Dichter sagt dir: «Schön bist du in deiner Pracht!»

Der Sturm wird dich zu höchster Poesie verklären;
Der Kräfte ungeheurer Aufruhr steht dir bei;
Tod grollt, dein Werk, erwählte Stadt, wird währen!
In dumpfen Hornes Herz birg der Fanfare Schrei!

 Der Dichter wird der Entehrten Geschluchze tragen,
Das Geschrei der Verwünschten, der Versklavten Haß;
Und seine Liebesstrahlen werden die Frauen schlagen,
Aufspringen seine Strophen: Das, ihr Banditen, das!

Gesellschaft, alles stellt sich her: — die Orgien weinen
Ihr altes Röcheln fort im alten Hurensaal,
Und das rasende Gas, an roter Wände Steinen,
Flammt unheilkündend auf zum Himmel, blau und fahl!

Mai 1871

- Arthur Rimbaud, nach (rim)

 

Paris Franzose

 

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