anik  Wie Panik beschreiben? Nach außenhin: alle Unarten »jagen einander« — am Handrücken schnüffeln, sich kratzen, die Haare ausreißen, sich in einem fort nach Stäubchen auf dem Boden bücken, sich unablässig bewegen; innerlich: Vorstellung der Entfernungen in der auf einmal ungeheuer großen Stadt, wo man nicht zu Hilfe kommen kann; Gefühl der tiefsten Nacht, obwohl erst früher Abend ist; Schadenfreude sich selber gegenüber: »Geschieht dir recht!«; »Gefühl« der Schande und der Schuld, ohne Anspruch auf Tragik — (die Panik ist gefühllos, nur eine große, wunde Leere in der Brust, und die gar nicht traurige, einfach nur fühllose Gewißheit, daß einem nicht einmal Wahnsinn oder Selbstmord offenstehen, sondern daß man, nach der Katastrophe, einfach fassungslos weiterleben wird müssen, bei vollem Bewußtsein auf unabsehbare Zeit); — vor kurzem das Gesicht eines Mannes, der eine Frau anzusprechen versuchte, es war ähnlich in Panik und durcheinander wie ich heute, mit einem völlig verzerrten, hoffnungslosen Lächeln schon im Moment des Ansprechens. - (han)

Panik (2)

Rolltreppen im August

Die Panik der vielen einzelnen Personen, die nie richtig
getickt haben, nie geliebt worden sind, nicht irgendetwas
liebten, umarmt haben, immer haben sie die Mantelkragen

hochgeschlagen, ihre Kleider zugehalten, die Knie
aneinander gedrückt, in einem Gespräch. Die Panik
der Abteilungsleiter, die zwischen den Ständen gehen,

die Krawatten festgezogen, der Anzug nicht verbeult,
die schwarzen Sonderangebotsschuhe glänzen, die Socken
sind verschwitzt. Mundspray in den Pausen gegen den

schlechten Atem, Gestalten in gläsernen Kabinen, die
von den Ferien in Österreich mit Vollpension träumen,
über Wiesen gehen, stehenbleiben, nicht sehen, was sie sehen.

Die Panik der Straßenbahnfahrer, die aussteigen, über den
hellen, weißen Steinplatz gehen, in der Sommerhitze, vorbei
an den Bänken mit Taubenkot, dreckigen Telefonzellen mit

zerrissenen Telefonbüchern, Litfaßsäulen, wo Klavierkonzerte
angekündigt sind, sie umgehen den Springbrunnen, der abgestellt
ist. Die Panik der Baugeschättunternehmer, die dünne Wände

hochziehen, die jeden Laut durchlassen, Husten, Pißgeräusche,
das Wimmern eines neuen Babys, Männer und Frauen, die sich
verletzen, schreien, einander anspucken und weitermachen.

Panik auf den Konten, die verwüstet sind, Panik am
Straßenrand, in der Abflußrinne, Panik zerlaufene Uhren,
Panikbäume, Panikgrundstücke, Panikmieten, die Panik in den

vertrockneten städtischen Anlagen und Kinderspielplätzen.
Panik beim Zeitungskauf, Panik der Buden an den Straßenecken, Panik
beim Sitzen draußen im Sonnenlicht und auf dem Asphalt ein graues

zerlaufenes Eis, Panik beim Umdrehen auf der Straße, und die
Straße ist leer: Panik wegen des Durcheinanders im Kopf, Panik
auf der Schreibmaschine, Panik in den Architekturbüros, Panik in

den Fahrstühlen, Panik der Felle, Panik der Zigarettenraucher,
Panik der Türken, Panik der Griechen, Panik der Spanier, Panik
der Franzosen und Westdeutschen, Panik in Südamerika, Schulkinderpanik,

Fernsehpanik, Schwedenpanik, englische Panik. Die Panik vor der
automatischen Tür, die Panik beim Zahnarzt, die Panik beim Warten
im Wartezimmer, die Panik der Briefträger, die Panik der Fußball

Spieler, Panik der Zuschauer, die Panik auf einer Rolltreppe
im August: Panik der offenen Türen, Panikwind in den dürren
Sommerbäumen der Vorstadt, Panik des Ich kann das viel

besser machen, Paniksätze, Panikwörter, Panik der öffentlichen
Einrichtungen und Flure, wo sie sitzen. Die Panik der Tiere
auf den Weiden und in den dunklen Schuppen, die Panik

in den Konservendosen, Panik in den Knochen, Panik in den
Ferien. Die Panik mit violett geschminkten Lippen, die Panik
mit schwarz und grün lackierten Fingernägeln, die Panik der

silbrigen Fußnägel, Panik der Krücken und Rollstühle, die
Panik in den nach Karbol riechenden Gummigängen der Kranken
Häuser und der Krankenhausgärten, die Panik der Blüten im

Rondell, eine Panik akzentuierter Aussprache, eine Panik der
Fensterwischer auf den dünnen Leitern, eine Panik des im Gleich
Schritt gehenden Liebespaares, das sich an den Händen hält: Panik

der Dialektik, Panik der grün gepuderten Augenlider, Panik der
galoppierenden Sehnsüchte beim Fluchen, Haustürenpanik,
Elektronikpanik, Gas und Elektrizitätspanik. Die Panik

der Mittagspausen, die Panik aus den Wasserhähnen, die Panik,
die barfuß läuft, Panik quietschender Wagenreifen, die Panik in
den Speiserestaurants, die Panik auf der Toilette, Panik des

Danke schön sagens und die Panik der Wiederspiegelung der Häuser, der
Gesichter, der Öffnungen in den Schaufenstern, in dem
Fensterglas der geparkten Wagen, auf den verchromten Radkappen.

Hier hast du die Panik der stummen Männer und Frauen, die
Panik der Radfahrer, die Panik hinter den Blättern, die Panik
am Spülautomat, die Panik in der Waschmaschine, Panik in den Hoch

Häusern, Panik auf den Dachgärten, Panikgeruch, Panikstaub, Panik
der Abendkleider und Smokings, ein Panikficken, Panikparfum,
eine Panikbeleuchtung. Hier hast du Panikträume, Panik hinter

den Akten, die Panik an den Zugfenstern, die Panik in den
Mülleimern, die Panik aus den Tragetaschen, die Panik der Radio
Nachrichtensprecher und Fernsehansager, die Panik des Wetterberichts,

Panik der letzten Termine, Panik der Kalender, Panik der Verabredungen
und die Panik der Unterleiber, die Panik der inneren Organe, die
Panik der Flucht, schwarz verkohlte Ginsterpanik am Bahndamm,

Mietzimmerpanik und die Panik der ausgestreckten Hand, die
schwitzende Nachmittagspanik und ein leeres Zimmer, vollgestellt
mit Möbeln, voller Panik: Panik im Treppenhaus, Panik aus der Gitarre,

Panik hinter der zugezogenen Gardine, eine blutige Fresse Panik,
Musikboxpanik, Panikstüle, Panik am Flipperautomat. Die Panik
hockt auf dem Stuhl, eine Panik in fremder Sprache, eine Panik

am Kanal entlang zu gehen, Panik der Vornamen, Panik aufgekrempelter
Hemdärmel, Panik klebt an den Reklamewänden, Armbanduhren, Volksliedern
auf Schallplatten, Panik auf Toast, Panik im Sandwich, die Panik

der Kontrolleure, die Panik der Schlachthöfe, die Panik der
Großmärkte morgens halb vier, wenn sie in ein grünlichblaues
Licht getaucht sind, Panikstimmung am Flußufer, auf den Stahlbrücken,

die Panik des Schweins, dem ein Bolzen in den Kopf geschossen wird,
die Panik eines Salatblattes, das verfault, die Panik eines hinkenden
dreibeinigen Hundes am geschlossenen Kiosk, die Panik runter

gelassener Rolläden, die neue Panik in der Regierungserklärung:
besitzanzeigende Fürwörterpanik, Panik unter den Fingernägeln,
Trauerränder der Arbeit, Bratkartoffeln, gebraten in Paniköl,

das Panikgeräusch aus den Schönheitssalons, Unterwasserpanik,
die Panik der Pilze, Parkplatzpanik, Platzangst, die im Gehirn
platzt, eine schwitzende Achselhöhle Panik, belegte Zunge Panik,

Panik, die in Form eines Säuglings an den Geschäften entlang
geschoben wird, die Panik eines Selbstbildnisses, Panik zwölf Uhr
mittags: ein grelles, weißes Bettlaken Panik. Selbst die Schatten

füllen sich mit Panik. Die Panik färbt ein Unterhemd gelb. Die
Panik drückt Nummern in die Tasten. Am Ufer stinkender Flüsse und
Seen geht die Panik spazieren. Eine Erklärung, die Panik ist,

beim Einkaufen, Panikfarben der Saison, kalte Füße, Hausnummern,
ein mit Panik ausgestopfter Vogel auf dem Tablett, Panik der
Schnappschüsse, Panik der Ebenen, Panik unter der Matratze, Panik

unter dem Fußboden, Panik unter der Unterwäsche, Panik am
Schlüsselbund, Panik, gestempelt im Reisepaß der Bundesrepublik
Deutschland, Panik, zu buntem Eis gefroren in der Kühltruhe,

Panik am Strand und aus dem Strandkorb schauend, gefärbte
Melancholie, Panik der Hausbesitzer, Panik im Schlag
Schatten großer Gebäude in engen Straßen, Paniksonnenbrillen

am Eingang der Kaulhalle, drei Mark fünfzig Panik, dunkle
Rübe Panik, eine Panik im seidenen Unterrock, der verrutscht
ist bei einem nackten Mädchen in der Pubertät, Panik beim

nach Hause kommen und in den Vorgarten sehen, Panikgewürz,
Panik bei einem Festessen hinter geschlossenen Mahagonietüren,
Panik bei einer Hochzeit im Wirtshaussaal, Notizzettel mit

Paniknotizen, die Panik der Autobiografien in den Schau
Fenstern der Buchhandlungen, Hast du das gesehen Panik: die
Panik der Lastwagenfahrer, wenn sie aus der Garage kommen und

sich schlafen legen, die Panik vor dem Einschlafen und die
Uhr hören, das Panikgeräusch der Groschen, die in den Spielautomat
gesteckt werden, die Panik, die auf einem Mohairteppich kyrillisch

tanzt, die Panik, die in der Regierung sitzt und regiert, die
Panik, die sich einen Arbeitskittel überzieht, die Panik, die sich
zurücklehnt: ich mache einen Satz über die Panik. Ich bin doch

kein Dolmetscher. Mitten am Dienstag, auf der Straße, herrscht
Panik. Wie liest sich das mit Freude, Mädchen, statt Panik?


- (westw)

Panik (3)   Einmal, in dem Augenblick, als ich gerade mit dem Lift nach oben fuhr, sagte der Liftboy zu mir: »Der Herr ist gekommen, er hat eine Botschaft für Sie dagelassen.« Der Liftboy brachte diese Worte mit einer völlig heiseren Stimme hervor, er hustete und spie mir dabei andauernd ins Gesicht. »Was für eine Erkältung ich habe«, setzte er hinzu, als ob ich außerstande sei, das selber festzustellen. »Der Doktor. sagt, es ist Keuchhusten«, und er begann von neuem zu husten und mich zu. übersprühen. »Schonen Sie nur Ihre Stimme«, sagte ich, zu ihm mit einer Miene von Güte, die geheuchelt war. Ich fürchtete, den Keuchhusten zu bekommen, was bei meiner Neigung zu Erstickungsanfällen für mich sehr peinlich gewesen wäre. Aber wie ein Virtuose, der nicht als erkrankt gelten will, setzte er seinen Stolz darein, die ganze Zeit zu sprechen und zu spucken. »Ach, das macht nichts aus, sagte er (dir vielleicht nicht, dachte ich, aber mir). Im übrigen gehe ich bald nach Paris (um so besser, vorausgesetzt, daß er mich nicht vorher angesteckt hat). Es scheint, fuhr er fort, daß Paris ganz großartig ist. Es muß noch viel großartiger dort sein als hier und in Monte Carlo, obwohl Hotelpagen, auch Gäste und sogar Oberkellner, die für die Saison nach Monte Carlo gingen, mir oft gesagt haben, so großartig wie Monte Carlo sei Paris denn doch nicht. Sie haben sich vielleicht geirrt, aber immerhin, wenn man Oberkellner werden will, darf man kein Dummkopf sein; um alle Bestellungen zu behalten und Tische zu reservieren, braucht man eine Menge Verstand! Es hat mir jemand gesagt, das sei ärger, als wenn man Theaterstücke oder Bücher zu schreiben hat.« Wir waren fast auf meiner Etage angekommen, als der Boy mich noch einmal hinunterfahren ließ, weil er fand, der Schaltknopf funktioniere nicht recht; im Handumdrehen hatte er ihn wieder in Ordnung gebracht. Ich sagte ihm, ich würde lieber zu Fuß hinaufgehen, was besagen und verbergen sollte, daß ich mir lieber nicht den Keuchhusten holen möchte. Aber mit einem Anfall von herzhaftem, keimträchtigem Husten drängte er mich in den Aufzug zurück. »Es ist gar keine Gefahr mehr, jetzt wo ich den Schaltknopf in Ordnung gebracht habe.«   - Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Sodom und Gomorra) Frankfurt am Main 1965, zuerst 1913 ff.)

Panik (4)  Einige Leutnants lachten und steckten sich Zigaretten an. Sie wollten die Kerle tüchtig zusammenfegen, sie freuten sich auf die Straßenreinigung, für junge Offiziere ist so etwas immer ein Spaß. Gerade aufgerichtet, mit ein wenig stupiden Mienen, harrte die Mannschaft.

Da fiel ein Schuß, ein Reiter stürzte vom Pferde. — Der Oberst winkte und ritt vor die Front. Sein echtes, verbissenes Soldatengesicht mit der bronzefarbenen gegerbten Haut schien in diesem Augenblick wahrhaft schön. Er salutierte zum schweigenden Palast hinauf — wie ein »Ave Caesar« war es —, dann klangen ein paar Hornsignale, und mit einem lauten Hurra warf sich die geschlossene Reitermasse gegen die Barrikaden. Die Pallasche weit vorgestreckt, den gespenstischen Roßhaarbusch nachwehen lassend, hingen die Reiter über den Hälsen ihrer dahinjagenden Pferde. Das scharfe Geknatter einer Salve empfing sie. Vielleicht fünf Kürassiere glitten aus dem Sattel. Aber — die Pferde versagten — das war weit schlimmer. Sie stiegen auf, bäumten sich kerzengerade und warfen ihre Herren ab. Unter durchdringendem Wiehern rasten sie in weitem Bogen um den großen Platz, stürzten sich, die Barrikaden überspringend, mit entsetzlicher Wucht auf Aufrührer und Soldaten, dabei alles niederschlagend, was sich ihnen in den Weg stellte; eine Pferdepanik war ausgebrochen! Die Tiere, welche übernatürliche Kräfte zu haben schienen, waren wie Besessene.

In diesem Moment traf die erwartete Verstärkung ein, die das Unglück noch vergrößerte. Die angekommenen Gäule witterten die gewaltige Bewegung und wurden sofort mit hineingerissen. Morsche Geschirre und Sattelgurte platzten, und die Reiter, die keinen Halt mehr fühlten, überkollerten sich und wälzten sich am Boden, bevor sie noch recht wußten, wo der Feind war. Aller Lasten ledig, stob die wilde Herde gegen die Kaserne, daß die Funken sprühten.

Ich stand in der Langen Gasse, als ich ein herannahendes Donnern vernahm — instinktiv stieg ich auf eine kleine Mauer an der Seitenwand des Kaffeehauses — da prasselten schon die Hufe auf dem Pflaster - ich blickte in verstörte, gequollene Augen - sah aufgetriebene Nüstern und verzerrte Mäuler - roch ein paar Augenblicke den scharfen Schweiß — dann war alles im aufgewirbelten Staub verschwunden, in der Richtung gegen die Felder.

Fett und träge saßen die großen Geier auf ihren Piedestalen, den Stümpfen der Alleebäume, und sahen gleichgültig auf die Vorbeiziehenden. Nur einem nachhinkenden braunen Gaul, der sich beständig im Kreise drehte, schenkten sie etwas mehr Aufmerksamkeit.

Die aufgeregte Jagd umkreiste die ganze Stadt. Einzelne Versprengte fegten wie blind durch die krummen Gassen, bis sie sich an einer Mauerecke die Schädel einrannten. Die Hauptmasse verkeilte und staute sich mehrmals in engen Passagen und Sackgassen, bis sie auf der Schutthalde anlangte. Da gab's keinen Ausweg mehr! — Die Schwachen wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, daß die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. Der alte Oberst wäre wohl erfreut gewesen, wenn er den schönen Erfolg seiner Attacke hätte ansehen können; denn unzählige Aufrührer fanden dabei durch Zertrampeln ihren Tod. Doch eine Faust in weißem Stulphandschuh war alles, was von ihm erkennbar blieb — der Rest war in dem Wust von Gliedern, Kürassen, Knochensplittern, Helmen, Sätteln und Zaumzeug vollständig aufgegangen. - Alfred Kubin, Die Andere Seite. München 1975 (zuerst 1909)

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