rchester  

das fanatische orchester

der dirigent hebt den stab
das orchester schwingt die instrumente

der dirigent öffnet die lippen
das orchester stimmt ein wutgeheul an

der dirigent klopft mit dem stab
das orchester zerdrischt die instrumente

der dirigent breitet die arme aus
das orchester flattert im raum

der dirigent senkt den kopf
das orchester wühlt im boden

der dirigent schwitzt
das orchester kämpft mit tosenden wassermassen

der dirigent blickt nach oben
das orchester rast gegen himmel

der dirigent steht im flammen
das orchester bricht glühend zusammen

- Ernst Jandl, die bearbeitung der mütze

Orchester (2)

  - N.N.

Orchester (3)  Meist spielte im Städtchen zu Hochzeiten ein jüdisches Orchester auf, dessen Dirigent, der Verzinner Moissej Iljitsch Schachkes, mehr als die Hälfte des Erlöses für sich beanspruchte. Da Jakow sehr gut auf der Geige spielte, zumal russische Lieder, lud ihn Schachkes zuweilen ein, in seinem Orchester zu spielen, wofür er eine Zahlung von fünfzig Kopeken pro Tag ansetzte, ungerechnet die Zuwendungen durch die Gäste. Wenn 'Bronze'- Jakow im Orchester saß, schwitzte zunächst sein Gesicht und lief purpurn an; warm war es dort, es roch nach Knoblauch bis zum Ersticken, die Geige winselte, rechts brummte der Kontrabaß, links wehklagte die Flöte, gespielt von einem rothaarigen hageren Juden, dessen Gesicht von einem ganzen Netz roter und blauer Äderchen bedeckt war und der den Namen des bekannten reichen Mannes Rothschild trug. Und dieser verwünschte Jude brachte es fertig, noch das Allerlustigste jämmerlich klingen zu lassen. Und nach und nach fühlte sich Jakow ohne ersichtlichen Grund von Haß und Verachtung wider die Juden durchdrungen, insbesondere richtete sich das gegen Rothschild; er begann sich an ihm zu reiben, er schimpfte ihn mit unschönen Worten aus und hatte sogar einmal vorgehabt, ihn zu verhauen. Rothschild aber war darüber gekränkt gewesen und hatte, indem er ihn wütend anblickte, gesagt:

»Wenn ich Sie nicht Ihres Talentes wegen schätzen würde, ich hätte Sie schon längst durch das Fenster rausgepfeffert.«

Hierauf hatte er zu weinen begonnen.  - Anton Tschechow, Rothschilds Geige, nach (tsch)

Orchester (4) Zusammen mit Monsieur Jean sind wir zu fünfzehn in dem kleinen Verschlag mit der Hobbalustrade, die er links vom Chor hat aufführen lassen. Man wird wohl schwerlich irgendwo etwas finden, das grotesker und schmutziger wäre als wir. Monsieur Jean, der doch ein Marsillac und überdies Sankt Georgsritter ist, hält den Rekord, sein Schädel hat einen hübschen Speckfleck auf dem Weiß der Mauer gebildet, an die er zwischen den Psalmen sein würdiges Haupt lehnt. Jedesmal, wenn ich an Sancho Pansa denke, sehe ich ihn vor mir. Seine ganze Person, der Bauch, der Kopf, der Mund, die Augen, lauter Rundungen und Rundlichkeiten, die alle ineinander stecken. Das städtische Harmonium neben ihm wiehert, grast, furzt, schnarcht, rülpst, schlägt aus, zockelt und trägt nur nach Laune, inmitten eines Chores, der wir sind, die Unwillkommenen, Laudate in organo.

Don Quichotte ist der Kraquelin, und Rosinante der Kontrabaß, den er reitet: ein Gespenst im Frack, sein träumendes Haupt wie ein abgebalgter Hasenkopf, voll kleiner Ängste, angeschimmelt, an den Hals des Instrumentes gelehnt, auf dem Hinterschädel ein wenig rötliches Moos und über dem Mund zwei Wickel langfädiger Seide; seine Hände, zwei verrückte Spinnen, die nur noch aus Freundschaft am Ärmel haften, trippeln, stricken, kneipen, flattern, watscheln, straffen sich, lockern sich, krampfig, geziert; die Saite hinauf und hinab steigt die eine; die andere hält den Bogen gepackt; wiegt ihn, könnte leichtlich ihn fallen lassen: Psalm: Laudate in chordis.

Laudate in cymbalis benesonantibus, ihr Macaires.
Ein Napoleon III. aus Weißblech, wie er als Windfahne auf eine Buchenlaube paßte, ein zwiegeschwänzter Weber dem Vernehmen nach, hält die Zimbeln, die von links und rechts Frau und Tochter ihm reichen; jene, die Mutter, sehr Second Empire, in einer Krinoline, unter einer Krone von schweren Flechten, mit dem schwarzen Magnetblick der Kleptomanin, und in der Tasche eine Spule mit Karmelitergarn, deren Ende der Meßhändler mit einer Nadel an ihrer Bank befestigt hat und die sie die ganze Zeit über abhaspelt, so lang sie ihre Ewigkeit noch nicht herumgebracht hat; ihre Tochter zwischen den Beinen des Offiziers, wo ihr alter Onkel, der Stiftsherr von Pamiers, ihr erscheint, der sie entbindet und ihr aus Gold eine neue Jungfernschaft macht.

Nicolas in tympano, blühend wie ein sechzigjähriges Englein, schlägt die Pauke, martialisch, mit aufgezwirbeltern Schnurrbart; das weiß doch, wer er ist, das Metall, kennt doch den Blechschmied? ein Tölpel, ein Tropf, ein hallender, schallender Topf; ein Klugscheißer, ein Besserwisser, hat spät geglaubt, hat gern getrunken; Seidel und Humpen; ein Hurenbock, Schlemmer, Schlampamper; jetzt hält er die Fasten, der alte Kasten; verspotteter Spötter, fuchtelt er, funkelt er, fackelt er, wenn er den Tambour schlägt, Liebe, Liebe der Gironde, nur die beiden Hände sieht man, die ihre Strahlen schwingen, und sein Bauch hält die Trommel so weit weg von ihm, daß es zum Erbarmen ist. Schlegel und Fell, wie ihr euch abmühen müßt, bis ihr knatternd zusammentrefft. Klein von Statur, so klein, daß nur sein Weib und Sohn ihm gleichen, wenn sie hinter ihm trotten an den Tagen, wo sie mit der Prozession ziehn, Pausback, Dickbauch und Vielfraß im Verein. Gironde Nicolas, starblind, verheult, hat das Zucken, Matador Nicolas mit seinen vier Jahren denkt: «Das ist mein Vater», jedesmal wenn er paukt, wenn er paukt, der Trommler der Liebe, der Liebe zum lieben Gott, und: «Das ist der alte Gauner Nicolas, mein Mann, der eines Nachts mit zwei Kumpanen mir einen Eimer Erde ins Bett geschüttet hat, um mich ganz fasernackt darin zu wälzen, weil ich nicht aufstehn wollte, ihnen den Wein zu wärmen, der schwingt die Schlegel, und seit der letzten Krankheit trinkt er nur noch Weihwasser.» Laudate in tympanis, ihr Nicolas.

Psallite in cithara. Dubourdeau spielt die Geige und die ganze Woche im Gehrock unter seinem Kittel (ist es seine Schuld, wenn sein Hochzeitsanzug ebenso unverschleißbar ist wie seine Tugend?) in seinem kleinen Laden, schreitet er wie die geistlichen Herren einher zum Rhythmus des Hochamts am Sonntag. Und wenn alle Welt sich fragt, warum er in einem so vollkommenen Takt sich bewege, so findet doch keiner, der Grund sei, daß er von Kopf bis Fuß ein Musiker ist; ausgenommen seine Frau, die, bleich wie eine Laus am Abend, im Finstern des Hinterladens, mit einer kleinen Nase wie ein Elfenbeintürgriff, nur für ihn allein ihre beiden Arme wie einen Fahnenfächer ausbreitet, vor dem man das Allerbeiligste aufstellt, wenn Dubourdeau vor dem Zubettgehn noch auf dem Harmonium spielt: Psallite in cithara.

Laudate eum, der Gerber, der Kesselflicker und der Flickschuster, ein unerwartetes Trio von Cherubim. Der Gerber hat Haare, Haare von der gleichen Art wie die Borsten jener Besen, die man «Wolfsköpfe» nennt und deren man sich bedient, den Himmel zu säubern, wenn die Taranteln die Laune ankommt, ihr Netz von einem Stern zum andern zu weben. Doch genug der Beschreibung, laßt uns die Augen niederschlagen. Dridri, Clément und Bastia setzen bei der Elevation die Trompete an. Manche sagen wohl, wenn Gott wüßte, was unter dem Hemd derjenigen vorgeht, die sein Lob singen, er würde sich hüten, herabzusteigen. Warum? O Hitze der Jugend, welche Hand entzündete dich, wenn nicht die deines Schöpfers! Dridri, Clément, Bastia, in sono tubae, laudate eum. Und man schwenke die Glocken und man schmause Sankt Berthas Äpfelchen, und schmeiß doch alle Abende deinen Donnerstrahl, lieber Gott! wenn du kannst.  - Marcel Jouhandeau, Das Tagebuch des Friseurs. In: M. J., Chaminadour. Reinbek bei Hamburg 1964

 

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