aturliebhaber  Als Dichter aus Instinkt wie sein Vater liebte er leidenschaftlich die Natur. Das Meer vor allem zog ihn unwiderstehlich an. Am Strand sitzend verbrachte er Stunden damit, die ruhelosen Fluten zu betrachten und von den geheimen Wundern zu träumen, die in den flüssigen Abgründen verborgen lagen. Als ausgezeichneter Schwimmer badete er wollüstig in dem bestrickenden Element, tauchte so lange wie nur immer möglich war, um verstohlen die geheimnisvollen Räume zu erforschen, die seine frühreife Einbildungskraft bedrängten.

Unter anderen finsteren Praktiken hatte Bachkou Fogar gelehrt, wie er sich ohne fremde Hilfe in einen dem Tod ähnlichen lethargischen Zustand versetzen könne.

Auf der primitiven Pritsche ausgestreckt, die ihm als Bett diente, erreichte es der junge Mann, indem er in einer Art hypnotischer Ekstase erstarrte, die Schläge seines Herzens allmählich ersterben zu lassen, indem er die Atembewegungen seines Brustkorbs völlig anhielt.

Manchmal fühlte Fogar nach Beendigung des Versuchs Teile seiner Venen durch sein bereits geronnenes Blut verstopft.

Doch der Fall war vorgesehen und um Abhilfe zu schaffen, hatte der Knabe stets eine bestimmte Blume bei sich, die ihm Bachkou genannt hatte.

Mit einem der Dornen des Stiels öffnete er die verstopfte Vene, um den kompakten Blutklumpen zu entfernen. Dann lieferte ihm ein einziges Blütenblatt, das er zwischen seinen Fingern preßte, eine violette Flüssigkeit, von der einige Tropfen genügten, um den lebensgefährlichen Spalt wieder zu schließen.

Von dem Wunsch besessen, die unterseeischen Höhlen aufzusuchen, die er wider Willen mit blendenden Phantasmagorien bevölkerte, beschloß Fogar, die geheimnisvolle Kunst zu üben, die es ihm erlaubte, zeitweilig seine Lebensfunktionen aufzuheben.

Sein leuchtendes Ziel war es, lange Zeit unter Wasser bleiben zu können, indem er den Zustand der Hypnose ausnützte, der das Spiel seiner Lungen vollkommen still legte.

Dank einem sich steigernden Training konnte er eine halbe Stunde lang in dem künstlichen Tod verharren, der seinen Absichten dienlich sein konnte.

Er fing damit an, daß er sich auf seiner Pritsche ausstreckte und dadurch seinem Blutkreislauf eine wohltätige Ruhe gewährte, die seine Aufgabe erleichterte.

Nach einigen Minuten standen Herz und Lunge still und Fogar befand sich im Zustand einer träumerischen Halbbewußtheit, der von einer beinahe mechanischen Aktivität begleitet war.

Danach versuchte er aufzustehen, aber nach ein paar automatenhaf-ten Schritten verlor er das Gleichgewicht und fiel zu Boden.

Ungeachtet aller Hindernisse und Gefahren wollte Fogar die seit langem geplante Unterwasserexpedition ohne Verzug durchführen.

Er begab sich an den Strand, versehen mit einer dornigen violetten Blume, die er in die Vertiefung eines Felsblocks legte.

Dann streckte er sich auf dem Sand aus und es gelang ihm sich in den hypnotischen Schlaf zu versetzen.

Bald hörte seine Atmung auf und sein Herz schlug nicht mehr. Dann stand Fogar auf wie ein Schlafwandler und ging ins Meer.

Gestützt von dem dichten Element konnte er leicht das Gleichgewicht halten und stieg ohne zu straucheln die steilen Hänge hinunter, die das Ufer fortsetzten.

Ein Felsspalt eröffnete ihm plötzlich den Zugang zu einer Art tiefem verwickeltem Labyrinth, das er, immer weiter hinuntersteigend, aufs Geratewohl durchsuchte.

Frei und leicht strich er durch die gewundenen Gänge, in denen noch nie ein Taucher seinen Luftschlauch riskiert hatte.

Nach tausend Umwegen geriet er in eine große Höhle, deren Wände vermöge eines phosphoreszierenden Belags in prächtigstem Glänze erstrahlten.

Seltsame Meerestiere bevölkerten rings umher diesen märchenhaften Schlupfwinkel, der an Pracht die phantastischen Visionen übertraf, die sich der Knabe einst geschaffen hatte.

Er brauchte nur die Hand auszustrecken, um sich der erstaunlichsten Wunder zu bemächtigen.

Fogar machte einige Schritte zu einem lebenden Schwamm, der regungslos auf der vorspringenden Kante einer der Wände lag. Die phosphoreszierenden Ausdünstungen, die den Körper des Tieres durchdrangen, zeigten im Inneren des durchtränkten Gewebes ein kleines Menschenherz, das an ein Kreislaufsystem angeschlossen war.

Vorsichtig ergriff Fogar das seltsame Exemplar, das, dem Pflanzenreich nicht angehörend, durch kein Band festgehalten wurde.

Etwas höher klebten drei nicht weniger bizarre Wesen an der Wand.

Das erste, von ziemlich langgezogener Gestalt, trug eine Reihe von dünnen Fühlern, die wie Fransen an Möbeln oder Kleidungsstücken aussahen.

Das zweite, flach und weich wie ein geschmeidiger Stoff, glich einem winzigen Dreieck, dessen Basis an der Mauer haftete; starke Arterien bildeten überall rote Zebrastreifen, die, ergänzt durch zwei runde Augen, starr wie schwarze Erbsen, dem schwebenden Ganzen das Aussehen eines Wimpels verliehen, der an eine unbekannte Völkerschaft erinnerte.

Das letzte, kleiner als seine beiden Nachbarn, trug auf seinem Rücken etwas wie einen schneeweißen Schildkrötenpanzer, der, ähnlich einem festgewordenen Seifenschaum, durch seine Feinheit und Leichtigkeit auffiel.

Diese dreifache Ausbeute dem Schwamm hinzufügend, wollte Fogar den Rückweg antreten.

Plötzlich hob er in einem Winkel der Grotte einen großen gallertartigen Block auf. Da er an ihm keine interessante Besonderheit entdeckte, legte er ihn ohne weiteres auf einen benachbarten Felsen, dessen Oberfläche von Unebenheiten und Spitzen starrte.

Als ob er bei der Berührung dieser schmerzenden Spitzen erwachte, erschauerte der Block und hob als Zeichen der Bedrängnis einen Fühler wie einen Rüssel, nur daß er sich an seinem Ende in drei divergierende Zweige teilte.

Jeder dieser Zweige endete in einem Saugnapf, der an die furchtbaren Arme der Kraken erinnerte.  - Raymond Roussel, Afrikanische Impressionen. München 1980 (zuerst 1910)

 

Naturliebe

 

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