Nachtluft   Nachts entschuldigt er sich für die Nachtluft bei Dir. Versteh den Bodensee nicht falsch, Orli, diese Luft, die nachts süß und sämig wird und anrührend, eine Kleidung, die keine andere Kleidung duldet, eine andauernd schmeichelnde Bedrängnis auf der Haut, nicht zum Atmen, sondern zum Hineinlehnen, diese Luft hat tagsüber in zirka Milliarden Blüten geschlafen, begreif, nachts bewegt sie sich ein wenig, schwankt durch Gärten, duftet natürlich, fühlt sich, sozusagen, betörend an, Seide aller Seiden, sozusagen, aller Kleidungen einzige, also laß uns ruhig ablegen, was nicht so anmutend ist wie diese Luft, Anselm würde sich lieber selbst erwürgen als diese trachtende Luft, dieses gediegenste Element zur Bundesgenossin für einen schlimmen Überfall zu machen. Am liebsten würde er Dir sowieso nachts immer die Ohren zuhalten, daß Du die vielen Laute nicht hören müßtest, die in dieser Nachtluft satt auffallen wie Orden auf Samt. Schlimme Laute, Orli. Dafür sollte Anselm, hätte er bloß den Mut, sich wirklich entschuldigen. Aus allen "Wiesen winden sich Seufzer, alle Büsche stöhnen, Kehllaute wälzen sich im Klee. Mitten in der nächtlichen Natur weiß ein wütender Koch offenbar nichts anderes zu tun, als die Schnitzel für den nächsten Tag mit platschendem Beil auf dem Hackstock breitzuklatschen, ach das platscht, Orli, hör nicht hin, und manchmal klebt ein Schnitzel offenbar schwitzend am anderen und läßt sich nur unter Entbindung widerlichen Geräuschs lösen und pappst wieder, wird wieder gelöst und pappst und löst, ach wie viele nasse Koche schlagen hier wie viele nasse Schnitzel in so einer einzigen luftvollen Sommernacht. Es ist, wie Du hörst, Orli, eine Arbeit. Begreif. Saison. Morgen muß das Fleisch durch sein.    - Martin Walser, Das Einhorn. Frankfurt am Main 1966
 
 

Nacht Luft

 

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