uskelfrau

- Helmut Newton

Muskelfrau (2)  

Muskelfrau (3)   Wie alle Vulkane war auch der Ätna in so manche mächtige, mythische Rauferei verwickelt: und etwas Mythisches haben auch diese Frauen, die selbst die entfernteste Erinnerung an Nippes, Kitsch und Aquarell von sich abgetan haben. In meiner Phantasie sind sie riesengroß, unerreichbar, von wunderbarer Plastizität. Was den alten Griechen als ästhetisch unschicklich galt, haben sie akzeptiert und verschärft, anstatt es zu verniedlichen. Die Nummer 13 hat unermeßliche Schenkel und dorische Waden; die Brustpartie der Nummer 10 ist das Werk eines Bildhauers, der sonst Metallplatten zu bewältigen pflegt; man ahnt Hinterbacken à la Michelangelo; die Füße sind hart, exakt, das schmale Ende eines Körpers, der einer Säule zu entschreiten scheint; das Lächeln, ich bitte Euch, schaut Euch an, wie sie lächeln. Spott hegt wohl darin, Exhibitionismus auch, aber kein Narzißmus; war Euch je zu Bewußtsein gekommen, daß die Frauen so viele Zähne haben? Die Lippen spreizen sich auseinander, um eine blitzende, erlesen wilde Geometrie von Hauern zu entblößen. Die Hüften sind im allgemeinen hoch angesetzt, weder mütterlich noch zart. Das Foto, auf dem die Frau mit der Nummer 10 abgebildet ist, dürfte das vielsagendste sein. Ein kluges, munteres Gesicht auf einem Körper, der in seiner Art furchterregend ist. Ein absurd geweiteter, >häßlicher< Hals, der aber Raum einnimmt und Raum vergewaltigt. Alles ist schrecklich und alles ist unschuldig an ihr, denn es hat Stil. Diese Nummer 10 ist vielleicht eine unbewußte Schauspielerin; ihre gefalteten Hände — so ›weibhch‹ im anderen Sinn - scheinen halb ironisch, halb feierlich auf etwas Subtiles und etwas Verhextes hinzudeuten. Mit der Freundlichkeit des Zeichens verbindet sich die prachtvolle Artikulation der Hände; und erst die Geste - was wohl diese Geste bedeutet? Sie kann eine abstrakte Darstellung des Betens sein; vielleicht ein Gruß, jene elegante, stille Geste, mit der in Thailand und im Fernen Osten Liebende einander ehrerbietig begegnen. Ein Willkommensgruß, ein Freudengruß. Gewiß nicht der Ausdruck gesellschaftlicher Zustimmung, sondern eine zeremonielle Geste. Wie viele Dinge verrät uns diese Fotografie. Antlitz und Lächeln strahlen in sanftmütiger und handfester Herzlichkeit; der Körper ist Gestalt gewordener Raum; und die Hände - was sagen die Hände? Sie meinen wohl Gebet, Kopfsprung, Tanz; aber vor allem entbieten sie einen stillen, freundschaftlichen Gruß: so grüßt eine Unbekannte einen Unbekannten, die durch geheimnisvolle Bande verbunden sind. Denn das, meine Herren, ist in Wahrheit einzig und allein der Gruß einer Frau.  - Manganelli furioso. Handbuch für unnütze Leidenschaften. Berlin 1985
 

Frau

 

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