Moor   »Kein Kompaß, Bunter. Wir sind erledigt.«

»Könnten wir nicht den Hang hinuntergehen, Mylord?«

Peter zögerte. Erinnerungen an das, was er gehört und gelesen hatte, tauchten in ihm auf, und er wußte, daß bergauf oder bergab im Nebel das gleiche ist. Man kann sich kaum vorstellen, daß ein Mensch so völlig hilflos ist. Die Kälte war eisig. »Wir können es ja versuchen«, antwortete er unentschlossen.

»Ich habe gehört, Mylord, daß man im Nebel immer im Kreis geht«, sagte Bunter, von einem verspäteten Sicherheitsbedürfnis gepackt.

»An einem Abhang bestimmt nicht«, entgegnete Lord Peter, der aus Widerspruchsgeist auf einmal kühn wurde. Bunter, außerhalb seines Elementes, schien ratlos. »Schlimmer kann's nicht werden, als es schon ist«, sagte Lord Peter. »Wir wollen es versuchen und dauernd um Hilfe rufen.« Er packte Bunters Hand, und vorsichtig tasteten sie sich in dem kalten dicken Nebel vorwärts.

Wie lange dieser Alptraum währte, konnte keiner von ihnen sagen. Ihre eigenen Schreie erschreckten sie. Wenn sie aber zu schreien aufhörten, war das tödliche Schweigen noch schrecklicher. Sie stolperten über dicke Heidekrautbüschel. Es war erstaunlich, wie sie, der Sicht beraubt, die Unebenheiten des Geländes falsch einschätzten, und es fiel ihnen sehr schwer, bergauf und bergab zu unterscheiden. Die Kälte drang ihnen bis auf die Knochen, und doch rann ihnen vor Entsetzen und Anstrengung der Schweiß von der Stirn.

Plötzlich - es schien ihnen, als sei es ein paar Meter vor ihnen - ein grauenhafter, langer Schrei, dann wieder einer und wieder. »Mein Gott! Was ist das?«

»Ein Pferd, Mylord.«

»Natürlich.« Beide erinnerten sich, im Krieg Pferde so schreien gehört zu haben. Da war ein brennender Stall in Flandern gewesen ...

»Das arme Tier«, sagte Peter. Impulsiv ging er in die Richtung, aus der die Schreie kamen und ließ Bunters Hand los. »Kommen Sie zurück, Mylord!« schrie Bunter, zu Tode erschrocken. Und dann, in einem Anflug von furchtbarer Klarheit: »Um Gottes willen, bleiben Sie stehen, Mylord! Das Moor!« Ein schriller Schrei erscholl in der undurchdringlichen Finsternis. Ein grauenhaft saugendes Geräusch folgte. - Dorothy Sayers, Lord Peters schwerster Fall. Bern München 1976

Moor (2)

Am Moor

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
in der Stille des Moors. Am grauen Himmel
ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte
aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

- Georg Trakl, nach (mus)

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